Lobbyisten „lügen nicht“ – doch wer glaubt’s?

Zwischenablage01Von Kay Wagner.

Dr. Ludger Fischer hat viele Bücher geschrieben, darunter Architekturkritisches als Habilitationsschrift, Populäres wie „Mann kocht!: Irrtümer, Vorurteile und Halbwahrheiten über Kerle am Herd“, und jetzt auch etwas Politisches: „Die in Brüssel. Die Wahrheit über Lobbyisten“. Ludger Fischer hat EU-Gremien zum Thema Lebensmittelsicherheit beraten und ist Lobbyist in Brüssel, zumindest sagt er das von sich. Wie er überhaupt viel behauptet in seinem Werk, meist ohne Belege. Wenn doch mal Begründungen kommen, bleiben sie oberflächlich plakativ. Komplexe Auseinandersetzungen mit mehreren Gedankengängen gibt es bei Fischer nicht. Warum auch? Er will überzeugen. Er muss überzeugen. Quasi von Beruf. Zu viel Schwadronieren ist da hinderlich. Die Botschaft muss klar sein.

Das ist sie in Fischers Buch: Die besten Menschen, die es gibt, sind Lobbyisten. Sie „lügen nicht“ (Seite 43), sind „verkappte Basisdemokraten“ (ebenda) und überhaupt diejenigen, die „an der Durchsetzung der Demokratie“ arbeiten (S. 71). Das Gute in Person. Fällt eine EU-Entscheidung einmal schlecht aus, ist das ein bedauerliches Versagen der Lobbyisten. Auch sie sind nicht frei von Fehlern. Leider. Doch ohne sie sähe alles noch viel schlimmer aus.

Fischers Buch ist deshalb nichts anderes als Lobbyismus für die Lobbyisten. Das darf man machen, sogar in dem Stil, den Fischer wählt. Nämlich gespickt mit viel Zynismus. Fischer teilt kräftig aus nach allen Seiten. Landfrauen werden lächerlich gemacht, Hans Magnus Enzensberger belehrt. Selbst Berufskollegen kriegen Fett ab. „Was Lobbyisten sonst so machen?“, fragt Fischer auf Seite 172. „Manche schreiben Bücher, meistens schlechte, es sei denn, sie schreiben über ‚die in Brüssel'“. Wie Fischer.

Das ist natürlich reine Selbstüberschätzung. Denn auch sein Buch ist eher papierkorbreif als eine Empfehlung wert. Neben der Arroganz, die oft lustig sein soll, es aber nicht immer schafft, lustig zu sein, kann Fischer sich nicht entscheiden, was er mit seinem Werk will. „Die in Brüssel“ heißt es. Tatsächlich lernt der Leser viele Menschen und Gruppen kennen, die es in „Brüssel“ gibt. Diese Porträts sind sicher der gelungenste Teil des gesamten Buches. Sie bringen „Brüssel“ dem Leser nah, geben „Brüssel“ ein Gesicht, lassen „Brüssel“ interessant erscheinen.

Die Wahrheit: es gibt schmutzigere Jobs

Doch dann will das Buch, laut Untertitel, auch noch „Die Wahrheit über Lobbyisten“ aufdecken. Das schafft es nicht. Denn mehr als pauschale Behauptungen und wenig tiefgreifende Beschreibungen der Arbeit eines Lobbyisten bietet Fischer nicht. Dabei gibt er sich selbst am Anfang des Buches eine Steilvorlage, um spannend zu werden. „Ich bin käuflich. Ich vertrete Meinungen, die nicht meine sind. Ich werde dafür bezahlt. Ich bin Lobbyist. Es gibt schmutzigere Jobs“, schreibt Fischer auf Seite 10. Das ist so provokant wie spannend. Denn es wirft Fragen auf: Wie viel kostet Fischer? Ist er billig, teuer, gar ein Markenprodukt in Brüssel? Wie lebt es sich mit diesem beruflichen Selbstbild? Welche Konflikte kommen da auf? Oder kommen sie nicht auf? Wie schaut man sich in den Spiegel, wenn man Meinungen vertritt, die nicht die eigenen sind? Welche Freude kann das Geld machen, das man auf diese Weise verdient? Und: Wie schmutzig ist letztlich der Lobbyisten-Job? Fragen, auf die das Buch aber keine Antworten gibt. Nichts über die persönlichen Vorgehensweisen von Fischer als Lobbyist. Nichts über seine eigenen Erfolge, Niederlagen, alltägliche Erfahrungen.

Auch deshalb sind die „Einblicke in eine spannende Welt“, der zweite Teil des Untertitels, nicht wirklich spannend. Gähnend langweilig bleiben auch bei Fischer die aufklärerischen Passagen, die jedes Buch zur EU wohl bieten muss. Also das kleine ABC der EU: Was genau sind Rat, Parlament und Kommission? Welchen Einfluss hat Deutschland? Wussten Sie, dass über 80 Prozent der Gesetze in Brüssel gemacht werden? Das Übliche halt.

Fazit: Wer sich gerne an bewusst provokanten Äußerungen reiben will, sollte dieses Buch kaufen. Auch dem großen Heer der „kleinen“ EU-Beamten sei es empfohlen. Fischer hat viel Lob für sie übrig, und das meint er wohl ernst. Wer sich leicht beleidigt fühlt, sollte die Finger von dem Buch lassen. Der Erkenntnisgewinn, den es vermittelt, hält sich – zumindest für denjenigen, der mit EU-Belangen ein wenig vertraut ist – arg in Grenzen.

Ludger Fischer, Die in Brüssel. Die Wahrheit über Lobbyisten – Einblicke in eine spannende Welt. Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2016. 240 Seiten, 14,99 Euro.

 

Tags: Buch

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