Das Wort „Ferien” löst bei den allermeisten von uns positive und gute Gefühle aus. Das ist verständlich, weil es doch eine Gelegenheit ist, wo man Zeit für Familie und Freunde hat, man verreisen kann oder mal seinen Hobbies nachgeht.
Für mich hat das Wort "Ferien“, seitdem ich in Brüssel bin, aber auch eine negative Seite. Denn wann immer in Gruppierungen oder Sitzungen der Versuch gemacht wird, einen gemeinsamen Termin für ein weiteres Treffen zu finden, kann man sicher sein, dass bei jedem zweiten Vorschlag jemand „Da sind Ferien!” ruft. Gemeint ist dann, dass zu jenem Zeitpunkt die deutsche Schule oder die europäischen und belgischen Schulen Ferien haben — und damit ist ein Termin schon geplatzt, weil man dann sicher sein kann, dass ein Großteil der möglichen Besucher oder Teilnehmer außer Landes sein wird.
Ich erzähle das, weil es ein interessantes Schlaglicht auf unsere Gemeinde und ihre Mitglieder wirft.
Offenbar leben viele von uns hier sozusagen im Transit. Brüssel ist für viele nur ein relativ kurzer Teil ihres Lebens, der irgendwann auch wieder vorübergeht. Daneben — oder besser im Hintergrund — spielt sich das eigentliche Leben ab. Dieses Leben ist das Leben mit Familie, Angehörigen, Freunden, Heimatstädten, Vereinen irgendwo in Deutschland oder Österreich.
Es geht mir nicht darum, dies zu kritisieren. Vielleicht sogar im Gegenteil. Denn es ist eine Feststellung, die vieles aussagt über das, was Ferien im eigentlichen Sinne bedeuten: nämlich „zu-sich-kommen”, „zu-Hause-sein”, „bei-sich-sein”.
Wenn also Menschen ihre freie Zeit dort und mit den Menschen verbringen, die ihnen etwas bedeuten, sind sie wahrhaft zu Hause, bei sich. Sie kommen zu sich. Und was wäre wichtiger, als in den Ferien zu sich zu kommen?
Nun sieht die Wirklichkeit in der freien Zeit sicher oft anders aus als in diesem Ideal beschrieben. Es ist viel mit Hektik der An- und Abreise verbunden, mit unterschiedlichen Erwartungen der Besuchten und der Besuchenden und mit dem Wiedereinstellen auf andere Gewohnheiten. Und doch sind Ferien im Idealfall genau das: Das sich-Fallenlassen in einen Rhythmus, der mir entspricht, das sich-Fallenlassen in vertraute und liebgewordene Gewohnheiten, die Begegnung mit Menschen, die zu mir gehören.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine erholsame Sommerzeit, in der Sie möglichst oft zu sich kommen!
Diese Betrachtung von Pfr. Wolfgang Severin haben wir mit freundlicher Genehmigung aus dem „PaulusRundbrief“ entnommen, dem Gemeindebrief der katholischen Gemeinde Deutscher Sprache St. Paulus Brüssel Nr. 445.
