Eine tödliche Wolke wie aus der Hölle

Vor 100 Jahren erster Giftgaseinsatz als Massenvernichtungsmittel

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Gasangriff von deutschen Soldaten in Flandern ©Bundesarchiv

In den britischen Kriegstagebüchern ist der 22. April 1915 als ein „glorious spring day“ verzeichnet – als ein ausnehmend schöner Frühlingstag also. Von der heiß umkämpften westflandrischen Front am kanalisierten Flüsschen Ijzer nahe der malerischen belgischen Tuchstadt Ypern werden „keine besonderen Vorkommnisse“ gemeldet. In der Nacht zuvor hatten sich – wie so oft schon – insgeheim Soldaten des 23. und  26. Deutschen Reservekorps mit den ihnen gegenüber liegenden Franzosen aus dem 87. Territorialheer und den „45-er Algeriern” getroffen, um Tabak, Schnaps und andere Dinge zu tauschen.

Plötzlich jedoch, um 18 Uhr, steigt im Norden aus den deutschen Schützengräben auf einer Linie von 16 Kilometern zwischen den Dörfern Bikschote und Langemarck eine Nebelwand empor, verfärbt sich langsam grünlich und walzt unaufhaltsam über die französischen Linien. Im Schatten der Wolke folgen deutsche Infanteristen und besetzen, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, ein Gelände von ungefähr sechs Kilometer Tiefe.

Eine grünliche Nebelwand

Aus dem „wunderschönen Frühlingstag“ ist mit einem Schlag ein Tag des Entsetzens geworden. Gewiss, experimentiert worden war bei allen jetzt Krieg führenden Mächten schon geraume Zeit damit. Aber an diesem 22. April vor 100 Jahren wurde zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit Giftgas als Waffe eingesetzt. Zwar versuchte das in Spa eingerichtete Kaiserliche Große Hauptquartier noch, die Verwendung des Kampfmittels mit der Behauptung zu verharmlosen, die deutschen Truppen verfeuerten keine Geschosse, „deren einziger Zweck es ist, erstickende oder giftige Gase zu verbreiten“. In Wirklichkeit aber wird an jenem Apriltag keineswegs bloß irgendeine neue Waffe ausprobiert, wie das auf allen Seiten mit immer perfekteren Kanonen, Gewehren, Flammenwerfern usw. geschieht. Vielmehr ist mit den Ausstoß von rund 160 Tonnen Chlorin aus 1600 großen und 4300 kleineren Behältern an diesem Frontabschnitt praktisch die Büchse der Pandora geöffnet und der Startschuss gegeben worden zu einer bis dahin noch nicht bekannten Art der Kriegführung – nämlich der Einsatz von Massenvernichtungsmitteln.

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Eine Gedenktafel an den ersten deutschen Chlorgasangriff am 22.-24.April 1915 bei Ypern/Belgien.

Warnung in den Wind geschlagen

Dabei hätten die westlichen Alliierten gewarnt sein müssen. Ein deutscher Überläufer, der 25-jährige August Jäger vom Reserve-Infanterie-Regiment 234, hatte den Franzosen Tage vorher von den bereits seit Januar laufenden Vorbereitungen berichtet. Aber in den rückwärtigen, höheren Stäben glaubte man ihm nicht. Ja man hielt die Aussagen gar für eine Finte, da sie allzu genau zu sein schienen. Gasmasken, ohnehin kaum vorhanden, wurden nicht verteilt. 17 Jahre später, am 18. Dezember 1932, wurde Jäger „wegen Geheimnisverrats“ vom Reichsgericht in Leipzig zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.

Mag sein, dass an jenem Apriltag vor 100 Jahren noch niemand so richtig die Folgen des Gasangriffs erahnte. So sprach sich seinerzeit auch General Erich von Falkenhayn, der Chef des deutschen Generalstabs, nicht etwa wegen der schrecklichen Wirkung gegen die Verwendung von Giftgas aus – sondern, weil er das Teufelszeug als „nicht ritterlich“ empfand. Die Ironie der Geschichte will es im Übrigen, dass an der Entwicklung ein Mann maßgeblich beteiligt war, der dann 1918 für die Synthese des Ammoniaks den Nobelpreis erhielt und dennoch 1933 vor den Nazis ausgerechnet zum britischen Gegner von einst fliehen musste: Prof. Fritz Haber, Leiter des weltweit berühmten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin.

Hitler und das Gas

Doch, einmal losgelassen, ließ sich der „Schleichende Tod“ nicht mehr einfangen. Drei weitere Einsätze – gegen Briten und Kanadier – hatte das deutsche Militär noch „exklusiv“. Dann schlugen die Gegner zurück, zahlten mit gleicher Münze heim. Denn auch sie hatten längst mit Giftgas experimentiert. Und nicht nur das, die Waffe wurde immer fürchterlicher. Noch heute jagen einem Schauer über den Rücken beim Betrachten der Bilder von Reihen erblindeter Soldaten, die aus den Schützengräben der total zerstörten Landschaft Westflanderns steigen – Folgen von Gelb- oder Senfgas.

Westfront, Deutsche Gaswerfer (18cm)

Bis zum Ende des Krieges 1918 werden rund 17 Millionen Gasgranaten verschossen ©Bundesarchiv

Erstaunlicherweise geradezu verzichtete später das an Menschenverachtung ja nun wirklich kaum zu überbietende nationalsozialistische Regime darauf, die im Wehrmachtsbesitz befindlichen noch schlimmeren Gase während des 2. Weltkriegs freizugeben. War es nur die Angst vor der angedrohten Vergeltung. Oder ist vielleicht doch ein Körnchen Wahrheit an einer anderen Version? An den schweren Abwehrschlachten im Oktober 1918 hatte bei Wervik, südlich von Ypern, ein 29-jähriger österreichischer Gefreiter namens Adolf Hitler teilgenommen und war mit Giftgas in Berührung gekommen. In „Mein Kampf“ beschreibt der spätere „Gröfaz“ (der selbst ernannte „Größte Feldherr aller Zeiten“), dass er tagelang nichts sehen konnte und schreckliche Angst hatte, blind zu sein. Hielt also dieser Schock bei ihm fürs Leben an?

150 Friedhöfe auf wenigen Quadratkilometern

Heute ist von den grauenhaften Verwüstungen an Menschen, Siedlungen und Landschaft kaum mehr etwas zu erkennen. Grün und freundlich dehnt sich das brettflache Flandern bis zum Horizont. Und dennoch ist die Vergangenheit allgegenwärtig. Etwa 150 Friedhöfe auf wenigen Quadratkilometern gemahnen der rund 200 000 Briten, Kanadier und Kolonialsoldaten. Und in Langemarck – dort wo 1914 ganze Jahrgänge studentischer und anderer jugendlicher Freiwilliger mit dem Deutschlandlied auf den Lippen und Blumen an den Pickelhauben in die Maschinengewehr-Salven stürmten – liegen „Unter den Eichen“ die Gebeine von 44 061 deutschen Soldaten begraben; insgesamt starben an die 150 000 Deutsche allein in jenem kleinen Abschnitt.

Soldatenfriedhoefe

Der deutsche Soldatenfriedhof Langemark ©seppspiegl

An einer Kreuzung in Steenstraat, nördlich von Ypern, mahnt ein Kreuz an das grausige Geschehen. Das ursprüngliche Denkmal hatten deutsche Truppen beim zweiten Überfall auf Belgien 1940 zerstört. Jetzt ist es als „Kreuz der Versöhnung“ wieder errichtet. Der belgische Armeeoberst und Militärhistoriker de Bischop hält diesen Namen für richtig. „Denn“ so sagt er „Gräuel sind damals von allen Seiten begangen worden. Deshalb steht auch Flandern für mich auch nicht als Symbol für Sieg oder Niederlage, sondern für sinnlose Opfer“. Und, fährt de Bischop fort, „der 2. Weltkrieg war ohne Zweifel ein Kampf gegen ein teuflisches System. Der erste hingegen ein Desaster für Europa insgesamt“.

Gisbert Kuhn

Dieser Artikel ist auch erschienen bei http://www.rantlos.de/

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