Deutsche in Brüssel (DiB)

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DiB bietet Ausflüge zum Kennenlernen Belgiens und einen monatlichen Stammtisch an

Ein Kommentar

  1. Annette Huerre schreibt:

    Ein kleiner Artikel über die librairie de France in Brüssel

    Le résumé d’une vie

    Oft war ich nicht in der kleinen Buchhandlung an der ich täglich vorbei lief und wahrscheinlich in letzter Zeit noch seltener als zuvor: ich rauche nicht, ich spiele kein Lotto und auch „die Zeit“ lese ich jetzt digital.

    Und dennoch besuchte ich sie jedes Mal gerne – meist um auf die Schnelle eine kleine Glückwunschkarte zu kaufen oder vielleicht manchmal auch um die Hektik des Alltags etwas auszubremsen.

    Dieses kleine Unikat – mit dem Charme des letzten Jahrtausends. Der typische Brüsseler Ladenzuschnitt. Sehr schmal, aber nahm man sich etwas Zeit und stöberte auch in den hinteren Ecken, fand man dort so ziemlich alles: von Romanen, über Kochbücher, Bildbände bis hin zu Reiseführern und Kinder& Jugendbüchern.

    Die Inhaber wirkten dabei weniger jugendlich – aber sehr kompetent, energisch und resolut. Die kleine Dame, mit den feuerroten Haaren, die noch den 2. Weltkrieg miterlebt hat. Und Ihr Sohn — gut 2 Köpfe größer als sie.
    Bestimmt würden ihre Arbeitsbedingungen heute nicht als unzumutbar fürs höhere Rentenalter kategorisiert werden — aber diese Frage tangierte sie als Selbstständige sowieso nicht.

    Sie waren nie krank, hörte ich in einem der Gespräche mit ihren Kunden und nehmen sich Zeit ihres Lebens jährlich nur 14 Tage Urlaub.

    Umso überraschter war ich Ende April, den Laden geschlossen vorzufinden. Auf dem schweren Rolladen ein kleiner Zettel: fermé à cause de maladie jusqu’au 1er mai. Am 2. Mai war das Datum durchgestrichen — es wurde durch ein Fragezeichen ersetzt.

    Auch Ende Mai tat sich nichts. Im Juni öffnete sich dann manchmal zaghaft der „eiserne Vorhang“ für ein paar Stunden. Und heute Morgen dachte ich mir, dass ich die große schwere „die Zeit“ doch gerne mal wieder in Papierform lesen würde.

    Die kleine Dame war alleine da ohne Sohn— ohne weitere Kunden— ihr Geschäft sah fast geplündert aus — ihre Stimme war heiser. Mir rutschte heraus, dass ich mir Sorgen gemacht hätte und sie antwortete mit gebrochener Stimme: „le résumé d‘une vie“. In dem Moment wurde mir klar, dass ich mir diesen Morgen mehr Zeit nehmen musste.

    Ihr Sohn, der niemals krank war — niemals rauchte (nicht wie seine vielen Kunden / Anmerkung der Autorin) und niemals trank sei an einer unheilbaren Krankheit erkrankt. Im knappen Sätzen resümierte sie ihr Leben — Ihr Mann, der damals einfach tot umgefallen sei. Aber sein Kind zu verlieren , das wachse über sie hinaus. Sie besuche ihn jeden Nachmittag und müsse daher ihr Geschäft ab mittags schließen. Sie erlebe die letzten Wochen ihres Sohnes und ihrer Buchhandlung. „Le résumé d´une vie“. Sie sei so enttäuscht von den viel zu vielen Politikern und keiner setze sich für die kleinen Buchhändler ein. Und keiner für die Krankenschwestern, die ihren Sohn Tag und Nacht pflegen.

    Ich habe nur zugehört. Was hätte ich darauf antworten können.

    Ich wollte mich keinesfalls verabschieden, ohne etwas gekauft zu haben. Aber „die Zeit „ fand ich nicht mehr. So nahm ich ein flämischsprachiges Comic über die Roden Duivels mit, das mir zwischen die Finger kam — die Kinder würden sich freuen — und nebenher sogar etwas lernen. Nein, bei Amazon hätte ich dieses Exemplar bestimmt niemals bestellt.

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