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Zu spät für die Opfer

Von Marion Schmitz-Reiners

Schon wieder ist ein Fall von Kindesmissbrauch durch einen ehemaligen Jugendleiter an die Öffentlichkeit gedrungen. Diesmal ist der Täter ein einst bekannter und beliebter flämischer Fernsehquizmaster. Immer mehr Opfer sexueller Gewalt melden sich seit geraumer Zeit zu Wort. Die Untaten sind verjährt, aber das Entsetzen bleibt. Gedanken über ein Land, dessen Menschen oft zu spät den Mund aufmachen.

Sie kennen ihn nicht. Ich kenne ihn. Walter Capiau war bis 1994 einer der beliebtesten flämischen Fernsehquizmaster. Erst moderierte er beim öffentlich-rechtlichen Sender BRT Spielshows und Witzprogramme und später beim Privatsender VTM vor einem Millionenpublikum das „Glücksrad“. Dann verschwand der damals 57-Jährige, Liebling auch meiner Familie an faulen Abenden, in der Versenkung.

Jetzt steht er wieder im Scheinwerferlicht. Auf eine Art, die dem einst ständig grinsenden Tausendsassa überhaupt nicht lieb ist. Denn mehrere mittlerweile erwachsene Männer haben gerade ausgesagt, dass sie als Kinder im Jugendlager von dem studierten Religionslehrer missbraucht wurden. Der Fall Capiau wirft abermals ein unschönes Licht auf die Befindlichkeit Belgiens in der beginnenden zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

Denn Capiau ist nicht der einzige Promi, den die Vergangenheit einholt. Im April dieses Jahres berichtete die ehemalige Radiomoderatorin Ireen Houben, sie sei von 1968 bis 1987 von ihrem damaligen Chef, dem berühmten Fernsehjournalisten Jos Ghysen, regelmäßig geschlagen und missbraucht worden. Ghysen ist heute 86; auch er streitet – ebenso wie Capiau – ab, jemals ein Unrechtsbewusstsein besessen zu haben: „Es war einfach der Zeitgeist, niemand dachte sich etwas dabei.“

Auch nicht Luc Versteylen, der heute 87-jährige Antwerpener Jesuitenpater und Gründer der flämischen grünen Partei, die damals noch Agalev hieß. Erst im vergangenen Jahr drang an die Öffentlichkeit, dass der Pater in den achtziger und neunziger Jahren in einem von ihm gegründeten Besinnungszentrum (!) zahllose Kinder handgreiflich in die Geheimnisse der körperlichen Liebe „eingeweiht“ hatte. Ein Sturm der Empörung tobte durch die Presse, dann legte er sich, weil dem Pater nichts mehr anzuhaben war. Auch seine Verbrechen sind, wie die der anderen Sexualtäter, verjährt.

Drei Fälle von sicherlich Tausenden. Als in Deutschland die Studenten auf die Straße gingen, um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren, als in Berlin die Kommune 1 gegründet wurde und Kinder und junge Leute lernten, dass Eltern und Lehrer nicht allmächtig und allwissend sind, herrschten in Belgien noch geradezu mittelalterliche Vorstellungen von Hierarchie, die sich bis ins Privateste hinein erstreckten. In Kombination mit der tief katholischen Grundbefindlichkeit der Gesellschaft kam es zu schrecklichen Auswüchsen. Von denen die missbrauchten Abhängigen ihren Eltern nichts erzählen konnten, denn die Pfarrer, die Lehrer, die Jugendleiter und die Vorgesetzten hatten immer Recht.

Das hat auch Belgien hinter sich. Zumindest teilweise. Ich lebe seit dreißig Jahren im Land und noch immer falle ich auf, wenn ich Nachbarn gegenüber lebhaft meiner Kritik an subjektiv empfundenen Missständen in Politik, Kirche und Gesellschaft Ausdruck verleihe. Protestiere, wenn mir in einem Restaurant das Essen nicht geschmeckt hat. Die Rollläden auch dann nicht herunterlasse, wenn es draußen schon dunkel ist und drinnen Licht brennt. Man hält sich hier noch immer bedeckt. Aber das Verhältnis Kinder-Eltern hat sich enorm gelockert. Und schneller als früher erzählt man schon einmal, warum es einem nicht gut geht. So wie die Missbrauchsopfer, die nach Jahrzehnten endlich ihren Mund aufmachen. Allerdings ist es für sie zu spät.

 


Erstellt oder aktualisiert am 19. Juni 2012.
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