Marion von Haaren wurde am 2. Mai 1957 in Kiel geboren. Während ihrer Ausbildung zur Journalistin an der Kölner Journalistenschule studierte von Haaren Volkswirtschaft . Ihre beruflichen Stationen, um nur einige zu nennen: Moderatorin des ARD-Wirtschaftmagazins „plusminus“, Korrespondentin im ARD-Studio Bonn, Leiterin des ARD-Auslandstudios in Paris. Seit dem 1. Juli 2007 ist sie Korrespondentin und stellvertretende Leiterin des ARD-Studios in Brüssel.
Heide Newson:
In welcher Brüsseler Gemeinde wohnen Sie, wie beginnen Sie einen normalen Arbeitstag?
Marion von Haaren:
Ich wohne in der kleinen Gemeinde Woluwe-St. Lambert. Wenn ich morgens aufwache, dann schalte ich sofort das Radio ein. Mit einem Druck auf den Knopf höre ich Deutschlandradio, bzw. die Nachrichten aus der Deutschsprachigen Gemeinschaft, was wunderbar ist. Ich bin sogleich gut informiert, weiß, wie es in der belgischen Regierungskrise aussieht, was in Eupen los ist, ich kriege etwas über das dortige Vereinsleben mit, habe einen Überblick auf einen großen Teil Belgiens, und gleichzeitig empfange ich die Weltnachrichten, was während der Regierungskrise sehr wichtig ist. Morgens ist das Radio für mich das wichtigste Medium, es ist umfassend und schnell.
Bleibt dabei noch genügend Zeit zum Frühstücken, zum Kaffeetrinken, für ein Gespräch mit Ihrem Mann?
Ein gutes Frühstück muss sein, das ist für mich ganz wesentlich. Sie werden es kaum glauben, während ich Kaffee trinke, läuft das Radio und das Fernsehen, und dabei lese ich gleichzeitig die Zeitung. Ich spreche relativ wenig mit meinem Mann, der dann auch zur Zeitung greift. Wir beide lesen französische Zeitungen wie „Le Monde“, und ich in der Regel noch die „Süddeutsche“. Zu mehr komme ich dann morgens nicht. Über den Inhalt tauschen wir uns dann aus, vor allem über wichtige Themen zur Nato in der ein oder anderen Zeitung. Danach beginnt die Arbeit am Gesicht, das heißt, es ist eine halbe Stunde für die Frisur angesagt.
Gibt´s im ARD-Studio Brüssel keine Maskenbildnerin, die sie fernsehgerecht schminkt?
Da ich innerhalb von relativ kurzer Zeit in der Lage sein muss, vor die Kamera zu treten, mache ich alles selbst. Das bedeutet, dass ich nicht ungeschminkt aus dem Hause gehe. Da haben meine männlichen Kollegen schon große Vorteile. So was brauchen sie nicht. Aber mit fortgeschrittenem Alter nehme ich mir mehr Zeit für mein Äußeres. Vor 20 Jahren war das nicht nötig, da reichte ein wenig Puder, mit 54 Jahren ist das etwas anderes. Bei uns im Fernsehen gibt es nicht viel ältere Frauen, und um auf dem Bildschirm gut rüberzukommen, muss man als etwas ältere Kollegin darauf achten, äußerst gepflegt auszusehen.
Aber mit jungen Kolleginnen, die z.B. bei RTL „Model-ähnlich“ über den Fernsehschirm flimmern, dafür journalistisch wenig drauf haben, brauchen Sie sich als gestandene Chef-, Politik- und Wirtschaftsredakteurin doch wohl kaum messen?
D
as stimmt. Dennoch muss ich sagen, dass die Zuschauer sehr kritisch sind. Der erste Eindruck ist immer ein optischer. Wenn an der Kleidung etwas nicht so gut sitzt, wird es bemerkt, dabei kann man noch so gut vorbereitet und kompetent sein. Das ist beim Fernsehen mal so, die Fernsehkamera ist gnadenlos, und ich weiß nicht, ob die Zuschauer heute schon die gleichen Maßstäbe bei Mann und Frau anlegen. Ich habe den Eindruck, dass Frauen noch immer skeptischer als Männer gesehen werden. Als (Fernseh-) Frau kann man beim Aussehen keine Abstriche machen, da muss man sehr sorgfältig sein, andernfalls fühlt man sich vor der Kamera nicht sicher.
Mit dem Fahrrad fahren Sie zum Brüsseler ARD-Studio, ist das nicht eine wenig gefährlich? Fahren Sie zumindest mit Helm?
Mit dem Fahrrad hier in Brüssel zu fahren, ist nicht ganz ungefährlich. Mit Helm zu fahren geht auch nicht, da ist gleich die Frisur hin. Wichtig ist, dass man als Radfahrerin stets den Sichtkontakt mit den Autofahrern hat. Schaut der woanders hin, dann kann man nicht fahren, auch wenn man Vorfahrt hat. Ich habe allerdings das große Glück, in Woluwe-St. Lambert zu wohnen. Ich fahre durch den Cinquantenaire, wo es kaum Autos gibt, und das letzte kleine Stück auf der Rue de la Loi, das geht auch. Schon oft habe ich darüber nachgedacht, diesen wunderschönen Weg zu filmen. Ich habe das Privileg, nicht schon morgens im Brüsseler Stau zu stehen, und mich zu ärgern. Darüber hinaus bekomme ich die Jahreszeiten mit, was ein gutes Gefühl ist.
Welchen Stellenwert nimmt die belgische Berichterstattung bei der „ARD“ ein?
Im Sommer hatten wir ein langes Feature von meinem Kollegen Markus Preiß zur Belgien-Krise, das sehr gut gelaufen ist. Ich möchte es mal so sagen: Immer dann, wenn es eine neue Entwicklung in Belgien gibt, wird sie von uns auch wahrgenommen, und das auf unterschiedliche Art und Weise. Mein Kollege Rolf-Dieter Krause kennt sich natürlich bestens in Belgien aus. Ich selbst habe bislang wenig über Belgien gemacht, aber das ist auch manchmal eine Frage dessen, was gerade so an Themen anfällt, oder mit welchen man gerade beschäftigt ist.
Vor Brüssel waren Sie Leiterin des ARD-Auslandstudios in Paris. Fiel Ihnen der Wechsel vom glamourösen Paris ins bürokratische Brüssel nicht ein wenig schwer, kannten Sie Europas Hauptstadt zuvor?

Da ich mit einigen der ehemaligen Brüsseler ARD-Korrespondenten befreundet war, kannte ich Brüssel ein wenig. Auch als Chefredakteurin war ich früher schon da. Gab´s Probleme im Studio, dann fuhr ich dort hin. Was Paris anbetrifft, so kann ich sagen, dass Paris eine tolle Stadt für den Tourismus ist, fürs Arbeiten aber schwieriger als Brüssel. Da die Franzosen viel stärker auf sich selbst konzentriert sind, ist es für ausländische Journalisten nicht so einfach, in die dortige Szene einzubrechen. Ich habe das große Glück, mit einem Franzosen verheiratet zu sein, der früher Kriegsreporter und später verantwortlicher Redakteur bei verschiedenen Zeitungen wie dem Figaro oder l´Express war. Durch ihn lernte ich schnell viele Kollegen sowie Land und Leute kennen, was für Neuankömmlinge, die dort niemanden kennen, nicht so leicht ist.
Würden Sie sagen, dass das journalistische Umfeld in Brüssel leichter ist?
Vom ersten Tag an war hier in Belgien alles anders. Als ich als Journalistin hinzukam, hatte ich sofort das Gefühl, willkommen zu sein. Im Brüsseler Umfeld herrscht ein kollegialer Geist, es geht sehr freundlich zu, was in Paris unter den deutschsprachigen Kollegen, wo Konkurrenzdenken herrscht, ein bisschen anders ist. Natürlich muss sich jeder, der in Brüssel als Auslandskorrespondent hinzukommt, erst einmal einarbeiten. Man muss wissen, wo man hingeht, wen man kennen muss, welche Kontakte man braucht. Durch die Komplexität der Themen ist der Zusammenhalt unter Kollegen stärker. Man weiß, dass man zusammenarbeiten muss. Kollegen helfen sich untereinander aus, was natürlich ein ganz wichtiger Standortvorteil ist.
Ist Ihre jetzige Berichterstattung ein andere, ging mit dem Wechsel nach Brüssel ein Wunsch in Erfüllung?
Sie ist tatsächlich ganz anders. Neben der politischen Berichterstattung kriegt man in Frankreich ein bisschen mehr vom Pariser Glamour mit, man ist mehr auf Dienstreisen, fährt in Frankreichs ex-Kolonien, man lernt die Größe Frankreichs kennen, die sich wie ein Spinnennetz um die Welt legt. Und was die Versetzung nach Belgien anbetrifft, so war Brüssel für mich als politisch denkender Mensch, und jemand, der sich stark für Wirtschaft und Politik interessiert, mein ausdrücklicher Wunsch. Hier laufen die Fäden zusammen, hier wird europäische Politik gemacht, auf der hiesigen Bühne müssen sich die Matadoren, die in ihrer Hauptstadt die ganz Großen sind, beweisen, was nochmals eine ganz andere Herausforderung ist.
Mit Ihrer Natoberichterstattung sind Sie in eine Männerdomäne eingebrochen. Wie kommen Sie mit den „Großen“ des Militärs klar, ist es schwer diese vor die Kamera zu bekommen?
Ich komme aus einem militärischen Haushalt, somit ist mir die Materie nicht fremd. Vor 15 Jahren hätte ich es mir allerdings nicht träumen lassen, dass ich irgendwann hier in Brüssel für die Nato zuständig sein würde. Wir haben den jetzigen Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen ebenso wie seinen Vorgänger interviewt. In der Regel bekommen wir bei festen Terminen, Verteidigungsminister- oder Gipfeltreffen die ganz Großen stets vor die Kamera.
Ich gehe davon aus, das Sie den Ministerpräsidenten der Deutschsprachigen Gemeinschaft Karl-Heinz Lambertz kennen, dass er Ihnen bei den vielen Veranstaltungen in Brüssel schon einmal über den Weg gelaufen ist?
Ja so ist es. Er ist mir schon mehr als über den Weg gelaufen (lacht). Das war ein gutes Zusammentreffen, und sehr interessant, aus seiner Perspektive etwas über seine Arbeit und die Deutschsprachige Gemeinschaft zu erfahren, sozusagen über die Probleme eines Zwergstaates. Wir machten einen Bericht für das Europamagazin, wo es um die Deutschsprachige Gemeinschaft ging, die sich gerade in der belgischen Krisensituation sehr wacker schlägt. Sie hat bewiesen, dass sie so etwas wie das Zünglein an der Waage sein, und mithelfen kann, solch eine Krise zu bewältigen. In diesem Bereich, vermittelnd tätig zu sein, hat Herr Lambertz durchaus Qualitäten. Damals fand ich ihn als königlicher Vermittler sehr beeindruckend.
Waren Sie schon oft in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens?
Ich muss gestehen, leider viel zu wenig. In Frankreich bin ich als Auslandkorrespondentin viel gereist. Leider ist das hier in Belgien, so wie wir momentan in Brüssel bei der ARD aufgestellt sind, fast nicht möglich. Man ist hier sehr festgebunden. Auch gibt es einen anderen Grund. Ich habe zwar keine Kinder, aber ich kümmere mich um meinen schwerbehinderten Bruder, der in einem Heim in der Eifel lebt und durch einen Ärztefehler seit 40 Jahren im Rollstuhl sitzt. Zwar fahre ich regelmäßig durch die Deutschsprachige Gemeinschaft, habe aber keine Zeit zum Anhalten.
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