Nachträglich betrachtet, hätte ich ihn ja gerne gewählt. Und so, wie die Dinge zurzeit stehen, würde ich ihn 2014 vermutlich gerne wiederwählen. Der neue belgische Premier Elio Di Rupo hat es immerhin geschafft, Belgien aus der längsten Regierungskrise aller Zeiten herauszuführen. Und sein Einstand war durchaus viel versprechend.
Aber ich darf nicht. Da ich Flandern wohne, kann ich keiner französischsprachigen Partei meine Stimme geben. Ebenso wie die Brüsseler und Wallonen keine flämischen Parteien wählen dürfen. Belgien ist das einzige Land Europas, in dem es keine Bundesparteien gibt. Und das ist eines der größten und am meisten unterschätzten Probleme des Königreichs und die Ursache zahlloser Konflikte innerhalb des Landes.
Ab 1970, dem Jahr der ersten belgischen Staatsreform, spalteten sich die belgischen Parteien in je einen niederländischsprachigen und französischsprachigen Flügel auf. Zunächst gab es noch institutionalisierte Treffen der christdemokratischen, sozialistischen und liberalen Parteien Flanderns und der Wallonie. Aber sie wurden im Laufe der Jahre abgeschafft. Und mittlerweile haben sich die ehemaligen Einheitsparteien so weit auseinanderentwickelt, dass es – abgesehen vielleicht von den Grünen – keinerlei Gemeinsamkeiten mehr zwischen den flämischen und den wallonischen Parteien gleicher Couleur gibt.
Und schlimmer noch: Die Gräben zwischen den Schwesternparteien dies- und jenseits der Sprachengrenze sind oft tiefer als zwischen den Parteien ein- und desselben Landesteils, die gegensätzliche Weltanschauungen vertreten, wie beispielsweise die Christdemokraten und die Sozialisten. In Flandern ziehen alle Parteien am gleichen flämischen Strang und die eigentlichen Feinde sind die Parteien des Südens. In der Wallonie zieht man am belgischen Strang. Der Gegner ist naturgemäß der Norden.
Wie bizarr die belgische Parteienlandschaft ist, das ist seit dem Regierungsantritt Di Rupos erst richtig deutlich geworden. In Flandern steht er auf der Rangliste der beliebtesten Politiker hinter Bart De Wever und Kris Peeters auf dem dritten Platz. Und das hat gute Gründe. Der erste Grund ist die Herkunft Di Rupos aus ärmlichsten Verhältnissen – die Flamen lieben nun einmal den „Underdog“. Daran schließt sich der zweite Grund an: Der Bergarbeitersohn hat es dem Establishment gezeigt. Davor haben die Flamen Respekt. Punkt drei: Er ist von unermüdlichem Fleiß, und darin erkennen sie sich wieder. Man mag ihn auch, Punkt vier, weil er modebewusst ist, und in punkto Mode und Design ist Flandern internationaler Trendsetter. Und schließlich: Er ist schwul. Und Homosexualität gilt in Flandern, das sich radikal von der katholischen Amtskirche abgekehrt hat, heutzutage eher als Pluspunkt.
Zwar wird in der flämischen Presse Di Rupos Aussprache des Niederländischen karikiert. Aber seitdem er sich am Nachmittag des Anschlags in Lüttich zunächst auf Niederländisch und dann erst auf Französisch an die Bevölkerung gewandt hat, schweigen die Gazetten – jedenfalls vorläufig. Egal, wie Di Rupo sich als Premier bewährt, in die Fronten zwischen dem Norden und dem Süden Belgiens scheint eine Bresche geschlagen.
Mit meiner Sympathie für Elio Di Rupo bin ich nicht alleine. 48 Prozent der Flamen, so die erwähnte Umfrage, schätzen den wallonischen Premier. Aber wiederwählen können sie ihn nicht. Belgien wird wegen der Klüfte zwischen dem Norden und dem Süden, die das Land von Anfang an spalteten, oft als historische Missgeburt bezeichnet. Der Geburtsfehler hätte sich in einer globalisierten Welt vielleicht noch ausbügeln lassen. Aber die Trennung der Parteien des Landes hat die Situation in den letzen vierzig Jahren noch verschlimmert.
Wer in Belgien Premier wird, hängt schon lange nicht mehr von den Wählern, sondern von komplizierten Koalitionsverhandlungen ab, bei denen es nur noch um mühsam zusammengeschusterte Mehrheiten geht. Einen Weg zurück gibt es nicht mehr. Es kann gut sein, dass man das in zweieinhalb Jahren bedauert.
Sie könnten schon für frankophone Parteien stimmen, wenn Sie wollen. Auch wenn Sie in Flandern wohnen. Flandern ist immer noch eine Demokratie.
Die Gemeinde Tervuren zum Beispiel, liegt in Flandern. Die Gemeinde liegt nicht im Wahlkreis Brüssel-Halle-Vilvoorde, sondern im Wahlkreis Löwen. Dennoch ist im Gemeinderat eine frankophone Partei vertreten.
Rein theoretisch gesehen könnte man also überall in Flandern frankophone Parteien gründen.