Standpunkt
Drucken|Kommentieren|

Da muckt einer auf

Von Rudolf Wagner

Es ist ein Paukenschlag für die monopolisierte ostbelgische Presselandschaft: Gerard Cremer, Ex-Chefredakteur der deutschsprachigen, in Eupen erscheinenden Tageszeitung Grenz-Echo, will Ende August ein neues Online-Magazin präsentieren. Die Internet-Baustelle "www.ostbelgien-direkt.be" ist schon eingerichtet. Belgieninfo-Chefredakteur Rudolf Wagner (links) beschäftigt sich mit der Frage nach der Daseinsberechtigung und den Lebenschancen des neuen Mediums.

Belgiens Presse wird in Europa nicht wirklich wahrgenommen; Belgien ist klein und dann auch noch in drei Sprachgebiete unterteilt; die Zeitungsauflagen, Hörer- und Zuschauerzahlen sind entsprechend gering, die Blätter müssen wie auch der Rundfunk mit staatlichen Mitteln subventioniert werden, Journalisten werden allgemein schlecht bezahlt und begnügen sich oft nur mit der Weitergabe offizieller Verlautbarungen.

Nun zeichnet sich im virtuellen Raum ein neues Produkt ab: die Internetpräsenz "ostbelgien-direkt.be". Ausgerechnet in der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG), die sich auf nur etwa 75000 Einwohner gründet, will einer den Weg zu mehr öffentlicher Diskussion und umfassenderer Information ebnen. Die altehrwürdige Tageszeitung Grenz-Echo hat dort seit langer Zeit ein Meinungsmonopol inne. Versuche, Konkurrenzblätter zu betreiben, scheiterten in der Vergangenheit an mangelnden Auflagen und dito Anzeigen.

Cremer löckt wider den Stachel. Er ist ein Journalist, der sich in der DG vorzüglich auskennt. Er ist im Streit aus dem Grenz-Echo ausgeschieden und überdies kein Freund der ostbelgischen Regierung. Im Journalismus ist freilich Kritikfähigkeit eine Tugend und es wäre kein Unheil, wenn einmal jemand frischen Wind über die Region bringen würde. Cremer kennt Menschen, die er um sich scharen kann, weil denen die Politik à la Karl-Heinz Lambertz nicht passt. Bei den bevorstehenden Kommunalwahlen stehen allerdings der Ministerpräsident, sein Amt und die Besetzung der Ministerien nicht zur Disposition.

“Ostbelgien direkt” wird von der Mitwirkung ostbelgischer „Wutbürger“ leben. Das kann sich auch als Schwäche des Online-Magazins erweisen. Wer wagt es in solch einer überschaubaren Gemeinschaft, sich aus dem Fenster zu lehnen? Wer überschreitet dort das Stammtischniveau mit seinen Diskussionsbeiträgen? Die menschlichen Ressourcen sind überschaubar. Die Zahl der Leser auch. Und Werbe-Einschaltungen werden kein Geld in Cremers Kasse spülen, weil die regionale Wirtschaft vermutlich keine zusätzlichen Reklameflächen alimentieren kann.

Das neue Online-Magazin versteht sich als Beitrag zur Presse- und Meinungsfreiheit in der DG, wie schon aus dem Untertitel hervorgeht: „Für Vordenker, Querdenker und Nachdenker“. Die sind im deutschsprachigen Ostbelgien sicherlich vonnöten. Aber wie Cremer in der Provinz eine arbeitsfähige Redaktion bilden und zugleich den technischen Hintergrund der neuen Website organisieren und bezahlen will, ist sein Geheimnis. Ein schlichter Blog wäre billiger gekommen und leichter verantwortlich zu füllen, und so bleibt das Gründungsvorhaben für ein anspruchsvolles, unabhängiges Informationsportal ein spannendes Experiment, nicht nur für die Deutschsprachige Gemeinschaft.


Erstellt oder aktualisiert am 11. Juli 2012.
zurück hoch
 

Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
*
*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie den Zahlencode nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*
Kommentar schreiben
Eté Image Banner 180 x 150