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Pharma-Biotech, Belgiens Trumpf

Susann Zuber im Gespräch mit Yves Verschueren

Biotechnologie gehört zu den wichtigen Entwicklungen innerhalb der chemischen und pharmazeutischen Industrie, die es möglich machen, neue Lösungen zu finden für die Herausforderungen von heute und morgen. Sie ist eine innovative Technologie, die bestehende traditionelle chemische Prozesse ersetzt oder ergänzt. Yves Verschueren ist Geschäftsführer der belgischen Vereinigung für die chemische Industrie und für Life Science e.V., Essenscia. In einem Interview der AHK debelux äußert er sich über die Herausforderungen des belgischen Biotech-Sektors. Wir dokumentieren das Gespräch.

Susann Zuber: Was macht Biotechnologie in Belgien so erfolgreich?

Yves Verschueren: Belgien hat eine jahrelange Tradition als Exzellenzstandort für medizinische bzw. wissenschaftliche Forschung. Wir haben eine hohe Konzentration von Universitäten, Universitätskliniken und Bildungsanstalten von internationalem Ruf, z. B. das Institut für Tropenmedizin in Antwerpen. Bekannte Top-Wissenschaftler und Forscher haben sich hier bei uns einen Namen gemacht. Denken Sie z.B. an Dr. Paul Janssen, Prof. Christian de Duve oder Prof. Marc van Montagu.  Dieses große Forschungswissen transformiert sich in sehr produktiven F&E Aktivitäten der pharmazeutischen Industrie. Verschiedene große Pharmabetriebe haben über die Jahre auch ihr Forschungszentrum nach Belgien verlagert: Johnson&Johnson, GlaxoSmithKline, Baxter, Pfizer und andere.

Wo ist Biotech besonders gut aufgestellt im internationalen Vergleich?

Belgien trumpft besonders im Bereich Bio-Pharma auf. Der Beitrag der belgischen biopharmazeutischen Industrie hat Weltniveau. Aber auch die Biotechnologie für Industrie und Landwirtschaft hat in Belgien große Trümpfe aufzuweisen. Die Forschung am Flämischen Institut für Biotechnologie (VIB), besonders auf dem Gebiet der grünen Biotechnologie (Landwirtschaft),  liegt auf höchstem Niveau und genießt internationales Ansehen. Für die Industrie laufen in Belgien bahnbrechende Biotechnologie-Initiativen, wie z. B. Bio Base Europe, eine Zusammenarbeit zwischen dem Hafen Gent und Terneuzen in den Niederlanden.

Wo sehen Sie die besten Chancen auf Wettbewerbsfähigkeit in der Zukunft?

Biopharma ist bereits eine Erfolgsstory und alle Elemente scheinen vorhanden, um auch weiterhin auf der Erfolgsschiene zu bleiben. Große Investitionen sind in letzter Zeit in Belgien getätigt worden: GSK (GlaxoSmithKline) hat seinen Hauptsitz für Impfstoffe hierher verlagert, nach Waver. Johnson&Johnson haben eine neue Pilotfabrik in Gent gebaut, UCB weitet seine Aktivitäten in Braine-l’Alleud aus, Genzyme hat 2011 eine neue Investition über 250 Millionen Euro in eine neue Produktionseinheit in Geel gestartet.
Der Erfolg in der grünen Biotechnologie (Landwirtschaft) hängt stark von der europäischen Gesetzgebung ab, insbesondere die Zustimmung für Genetisch Modifizierte Organismen (GMO). Biotechnologie für den Industriebereich ist in verschiedenen europäischen Ländern in voller Entwicklung. Da ist es noch schwierig einzuschätzen, wo der Schwerpunkt liegen wird.

Belgien ist die Nummer 2 der weltweiten Pharmaexporte. Wer sind die stärksten Konkurrenten?

Unsere Konkurrenz ist vornehmlich in Europa anzutreffen. Die USA bleiben weltweit die Nummer 1 und Asien wird sich auch im Pharmabereich entwickeln. Unser Ziel ist hauptsächlich, Investitionen innerhalb Europas auf strategisch hohem Niveau nach Belgien zu holen. Deshalb auch unsere Kampagne “Belgium, the place to be for biopharmaceutical R&D and manufacturing”. 2008 ins Leben gerufen, hebt sie Belgiens Trümpfe innerhalb Europas hervor und hat zum Ziel „Pharma Valley“ weiter auszubauen. Bis vor kurzem wurde diese Aktion aktiv unterstützt anlässlich der Reise einer Wirtschaftsdelegation unter Prinz Philippe in die USA.

Ist der sich entwickelnde asiatische Markt eine Chance oder eine Gefahr für Biotech in Belgien?

Unsere exzellenten Leistungen im Bereich F&E müssen uns Vertrauen schenken, dass wir der weltweiten Konkurrenz die Stirn bieten können. Wir müssen weiterhin in unsere Bildungsanstalten investieren und insbesondere in Universitäten, wo der Nachwuchs ausgebildet wird. Gleichzeitig müssen unsere Wirtschaft und das Zusammenleben attraktiv für Talente aus anderen Ländern bleiben.  

Wie kann sich Europa bzw. Belgien der Herausforderung der aufstrebenden Märkte stellen?

Die größte Herausforderung für Europa besteht darin, seinen Wohlstand zu halten. Das Wirtschaftswachstum hat sich im Laufe der vergangenen Jahre nach Asien verlagert und dieser Trend wird wahrscheinlich noch eine Zeit lang anhalten. Die Herausforderung besteht darin ein industrielles Klima zu entwickeln, in Europa, in Belgien, das Unternehmer davon überzeugt, dass ihre Investition in Europa rentabel wird. Auf diese Weise entstehen Beschäftigung und Wohlstand. Mit seinen innovativen Branchen Chemie und Life Science hat Europa dafür sicher noch die besten Chancen.

Wie bleibt Belgien auf dem Erfolgskurs?

Ich vertraue auf eine positive Zukunft für chemische Industrie und life science in unserem Land. Wir müssen die Regierung weiterhin auf die Bedeutung des Sektors für den Wohlstand und das Wohlbefinden in Belgien aufmerksam machen. In den vergangenen Jahren sind gute Maßnahmen getroffen worden, wie z. B. Steueranreize, Clusterbildung und Logistik. Es ist unsere gemeinschaftliche Aufgabe, auf diesem Weg weiter zu machen: die Welt steht nicht still und andere europäische Länder sehen die gleichen Möglichkeiten wie wir.


Außer der Forschung sind finanzielle Mittel notwendig, um neuen Ideen eine echte Chance zu geben auf dem Markt. Die können durch Venture Kapital angelockt werden, damit kleine Start-up Betriebe aus eigener Kraft wachsen können. Aber sie werden auch über Partnerschaften mit größeren Marktakteuren eingeholt oder durch Akquisition.

Warum sollte sich ein internationales Unternehmen für einen Standort in Belgien entscheiden?

Aus einer Reihe von Gründen: im Bereich Pharma verfügen wir über eine erfolgreiche Industrie, die hier fest verankert ist, die Ausbildung hat ein sehr hohes Niveau, die Regierung unterstützt aktiv die Bio-Pharma Cluster FlandersBio, BioWin. Wir haben vorteilhafte Steuerregelungen, die öffentliche Meinung zur Pharmaindustrie ist viel positiver als in den benachbarten Ländern, unsere Lebensqualität ist attraktiv für „Expats“, Belgien liegt im Herzen Europas mit Brüssel als europäischer Hauptstadt. Genug Gründe, warum sich eine Investition hier auszahlt.

Zur Information


Essenscia’s Mission ist es, “jedermans Lebensqualität zu verbessern”. Die belgische Dachorganisation für die chemische Industrie und für Life Science vertritt auch die Belange von Unternehmen, die sich mit innovativen biotechnologischen Entwicklungen beschäftigen. Damit ergänzt die Organisation die Arbeit von regionalen Clustern (FlandersBio, BioWin) bei jenen Schwerpunktthemen, die auf nationaler Ebene behandelt werden. Mit der Initiative bio.be kümmert sich Essenscia speziell um Themen aus dem Bereich Biotechnologie für Medizin, Industrie und Landwirtschaft gleichermaßen. Nachhaltige Innovation spielt eine Schlüsselrolle für die Unternehmen dieses Sektors um die großen Herausforderungen der heutigen Welt anzugehen: Klima, Energie, knappe Ressourcen, Nahrungs-, Wasser- und Gesundheitsversorgung. Bio.be arbeitet hierfür eng zusammen mit anderen Abteilungen Essenscias und mit „bio“-Organisationen auf europäischer und regionaler Ebene.
Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.essenscia.be

Dieses Interview und die zusätzliche Information haben wir mit freundlicher Genehmigung übernommen aus dem debelux magazine der Deutsch-Belgisch-Luxemburgischen Handelskammer (AHK debelux), Ausgabe Oktober 2011.

Öffnet externen Link in neuem Fensterhttp://debelux.ahk.de/


Erstellt oder aktualisiert am 05. Januar 2012.
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