Bruessel-Guide
05. Juli 2008
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Korrektes Deutsch, was ist das?

Von Frühstück, Morgenessen und Ribiseln

Von Renate Kohl-Wachter

Ein richtiger Schwabe kann alles außer Hochdeutsch. So nimmt es nicht Wunder, wenn er sich – wie Ulrich Ammon - später intensiv mit Linguistik beschäftigt. Der Germanist, heute Professor an der Universität Duisburg-Essen, hatte sich zu Anfang seiner akademischen Karriere mit Schulschwierigkeiten von Dialektsprechern und mit Soziolinguistik beschäftigt, bevor er in den 90er Jahren damit begann, das Deutsche mehr von außen zu sehen. Nach Gastprofessuren in vielen Ländern interessieren ihn inzwischen vor allem die internationale Bedeutung der deutschen Sprache und die nationalen Sprachvarietäten.

 

Auf Einladung des Brüsseler Zweiges der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) referierte er am 21. April 2008 an der Vrije Universiteit Brussel (VUB) über "Die nationale und regionale Vielfalt des Standarddeutschen". Professor Dr. Madeline Lutjeharms, die an der VUB Deutsch als Fremdsprache (DaF) lehrt und Vorsitzende der GfdS-Zweiges in Brüssel ist, hatte Ammon als international geschätzten Fachmann eingeladen, dessen „Variantenwörterbuch des Deutschen“ (2004) einen Überblick über die Standardsprache in verschiedenen Ländern und Regionen, zum Beispiel auch in Ostbelgien, gibt. Was ist korrektes Deutsch? Diese Frage beschäftigt schließlich nicht so sehr den Muttersprachler, der die Antwort zu kennen glaubt, sondern vor allem denjenigen, der Deutsch als Fremdsprache lernt oder lehrt.

 

Die Korrektheit mendelt sich, nach Ammon, im Zusammenspiel von vier sozialen Kräften heraus, die sich gegenseitig beeinflussen: Sprachexperten analysieren die Gewohnheiten von Modellsprechern oder –schreibern (z.B. Autoren, überregionale Medien), die wiederum korrigiert werden von Normautoritäten (Lehrer, Redakteure, Lektoren). Letztere orientieren sich bei ihrer Arbeit am Sprachkodex, wie er etwa für das „deutschländische Deutsch“ von der Duden-Redaktion festgelegt wird.

 

Ostbelgien – ein Halbzentrum

 

Weil aber nicht alles von Muttersprachlern in verschiedenen Ländern gleichermaßen als korrekt empfunden wird (oder als unkorrekt auffällt), wurden für das Variantenwörterbuch gleich drei Arbeitsstellen eingerichtet, jeweils in den drei nationalen Vollzentren des Deutschen (Deutschland, Österreich und deutschsprachige Schweiz). Aus den vier Halbzentren (Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol) arbeiteten Korrespondenten den Vollzentren zu. Als Vollzentrum gilt ein Land, das standardsprachliche Besonderheiten auf allen Ebenen (Schreibung, Aussprache, Wortbildung und Wortschatz) aufweist und seine Sprache selbst kodifiziert. In Halbzentren (Regionalsprachen) wird nicht eigens kodifiziert. Ein „Viertelszentrum“ wäre z.B. in Namibia, wo Deutsch zwar Amtssprache ist, es sich aber um eine Minderheitensprache handelt.

 

Vergnüglich wurde der Vortrag für das Publikum vor allem beim Vergleich der verschiedenen Sprachvarietäten. Da Ammon als Gastprofessor in Wien lehrte, als Österreich sich auf seinen EU-Beitritt vorbereitete, musste das „Protokoll Nr. 10“ erwähnt werden, das die Verwendung spezifisch österreichischer Ausdrücke in EU-Gesetzestexten regelt. Das Dokument sei von Erdäpfeln (Kartoffeln) bis Ribiseln (Johannisbeeren) sehr kulinarisch geprägt, wusste Ammon zu berichten, weil einzig das österreichische Landwirtschaftsministerium die Anfrage der Kommission nach entsprechenden Ausdrücken beantwortet habe.

 

Frühstück oder Morgenessen?

 

Auch bei den Schweizern gibt es Besonderheiten, die tief in die Volksseele blicken lassen. Während in Deutschland und Österreich Wein viertelliterweise bestellt wird, darf’s in der Schweiz etwas mehr sein, nämlich ein „Dreier“. Anderes Beispiel: In Friedrich Dürrenmatts Theaterstück „Romulus der Große“ bringt ein Diener dem römischen Kaiser das „Frühstück“. „Morgenessen“ insistiert Romulus. Prof. Dr. Heidy Margrit Müller, Literaturwissenschaftlerin an der VUB und selbst Schweizer Herkunft, ergänzte, Dürrenmatt habe diesen Wortwechsel eigens in das Theaterstück eingebaut, um gegenüber seinem bundesdeutschen Lektor Recht zu behalten.

 

Belgizismen machten die Variantenforscher im übrigen an den Modellschreibern des „Grenzecho“ (Eupen) fest, zum Beispiel die Verwendung von „anschaulich“ in der Bedeutung von „genau“, die „Ausfahrt“, die auch ein „Ausflug“ sein kann, oder die Bezeichnung „integral“, wenn „zur Gänze“ gemeint ist. Angesichts solch verwirrenden Variantenreichtums riet Ammon, sich an die Sprachvarietät des Ziel- und Kontaktlandes anzupassen und beruhigte: „Keine Panik: Auch Muttersprachler sprechen nur eine Varietät des Deutschen.“ Der nächste öffentliche Vortrag der GfdS in Brüssel im Herbst soll speziell dem ostbelgischen Deutsch gewidmet sein.

 

Fotos:

Johannes Wachter, Archiv

Erstellt oder aktualisiert am 27. April 2008.

 
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