Bei Wind und Wetter kommen sie in die Stadt: Gläubige und Touristen aus Spanien, Lateinamerika und aus Frankreich, aber auch aus Brügge selbst kommen sie in die Innenstadt. Der Tag, an dem die Heiligblut-Prozession durch die Straßen zieht, ist mehr als nur Brügges schönster.
"Brugges schoonste dag" war es in diesem Jahr nicht wirklich, allerdings nur vom Wetter her betrachtet. Denn als am Himmelfahrtstag die Heiligblut-Prozession durch die Straßen der mittelalterlichen Brügger Altstadt zog, zogen die Donnerwolken gleich mit. Regenschauer mit Hagel und heftigen Böen machten den Teilnehmern die zirka fünf Kilometer lange Strecke auf Kopfsteinpflaster erheblich schwerer als sonst. Um ein Haar hätte die Prozession sogar abgesagt werden müssen.
Seit 1291 gedenken die Brügger mit dieser weltweit bekannten Prozession dem Eintreffen der Reliquie des Heiligen Blutes, die Dietrich aus dem Elsass, Graf von Flandern, im Jahre 1150 nach seinem zweiten Kreuzzug mit nach Brügge gebracht hatte. Dieser kostbare Schatz wird heute in einem Schrein aus dem Jahre 1617 in der Heiligblut-Kapelle auf der Brügger Burg aufbewahrt und regelmäßig verehrt. Einmal im Jahr wird der güldene, mit Edelsteinen besetzte Schrein durch die Straßen der Stadt getragen.
In diesem Jahr säumten trotz widriger Witterung nach Polizeiangaben 25.000 Zuschauer den Prozessionsweg. Traditionell feiert Brügge am Morgen vor der Prozession ein Pontifikalamt, das Bischof Roger Vangheluwe in der Sankt-Salvatorkathedrale zelebrierte. Zusammen mit Prälaten und anderen Geistlichen begleitete der Bischof wenig später den Reliquienschrein durch die Stadt.
Ein festliches Schauspiel
Die Heiligblut-Prozession ist ein Ereignis, das sowohl die Kirchen- als auch die Stadtgeschichte aufgreift. Im ersten Teil des Zuges wird das Alte Testament von Fußgruppen und mit Wagen nachgespielt. Beeindruckend ist jedes Jahr wieder der Leidensweg Jesu und seine Kreuzigung durch römische Soldaten. Schluss des ersten Teils ist jeweils die Auferstehungsszene mit Maria Magdalena, die die Botschaft von der Auferstehung verkündet.
Der zweite Teil beginnt mit der Rückkehr von Dietrich aus dem Elsass, dem Grafen von Flandern, der hoch zu Pferd den Brüggern die Reliquie präsentiert. Der Stolz der Brügger und die Macht dieser Stadt im Mittelalter könnten nicht eindrucksvoller zur Schau gestellt werden. Dieses geschichtliche Intermezzo mit unterhaltsamen und modernen schauspielerischen Elementen leitet die Ankunft des Reliquienschreins ein.
Chöre und das Läuten der Triumphglocke vom Belfried, die nur zu ganz besonderen Anlässen zu hören ist, kündigen diesen - für gläubige Brügger - ergreifenden Moment an. Angeführt vom Bischof folgt nun der Höhepunkt der Prozession. Polizisten mit weißen Handschuhen und Festtagsuniform erweisen der Reliquie die Ehre, der Bürgermeister schreitet in vollem Ornat hinterher, und zu den Klängen eines mobilen Glockenspiels singen nicht wenige Zuschauer das "Adeste fidelis" mit.
Die Heiligblut-Prozession ist mitnichten eine Art klerikaler Karneval, der nach modernen Maßstäben durchkommerzialisiert ist. Die Edele Bruderschaft des Heiligen Blutes hat in den vergangenen Jahren zwar Neuerungen im Programm zugestimmt, die aber nicht zu Lasten des nach wie vor religiösen Charakters dieses Festzuges gehen.
Im Gegenteil: durch die Einflechtung geschichtlicher Aspekte und die anschauliche Darstellung wird die tiefe Religiosität der Menschen im Mittelalter sowie die Verbundenheit der Brügger mit der Reliquie und der Stadtgeschichte erst richtig nachvollziehbar.






