Wenn Isabelle Weykmans zur Tür hereinstürmt, eine schwere Aktentasche unterm Arm, ein klingelndes Handy in der Tasche, dann kann man sich vorstellen, wie sie frischen Wind in dröge Sitzungen bringt. Heute hat sie Geburtstag. Den 31., und deshalb klingelt das Handy auch während des Gesprächs mit Belgieninfo ununterbrochen weiter. Sie lässt es klingeln. Die Senkrechtstarterin aus Eupen, 2004 jüngste Ministerin Europas, erobert gerade die EU: als jüngste Ratsvorsitzende, zuständig für den Tourismusbereich.
In der belgischen EU–Präsidentschaft, die noch bis zum Jahresende andauert, vertritt sie als Mitglied der Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft – wegen einer Besonderheit des belgischen föderalen Systems – ihr Land im Rat der EU–Tourismusminister. Dafür muss sie Sitzungen leiten. Eine solche Verantwortung ist nicht nur für Vertreter der DG ein Novum. Die europäische Ebene ist überhaupt erst seit Inkrafttreten des Lissabonner Vertrags am 1. Februar 2010 mit für Tourismuspolitik zuständig.
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„Die Schwierigkeiten begannen schon bei der Vorbereitung“, erzählt Isabelle Weykmans über ihre Pionierarbeit. Die Ständigen Vertretungen der Mitgliedstaaten hatten noch gar keine eingespielten Ansprechpartner für den Tourismusbereich, als sich der Rat unter belgischem Vorsitz mit der Mitteilung der Kommission „Europa - wichtigstes Reiseziel der Welt“ vom 30. Juni 2010 befassen musste. So konnte Isabelle Weykmans Erfahrungen damit sammeln, wie 27 Minister in diesem Bereich zu gemeinsamen Schlussfolgerungen zu bewegen sind.
In Luxemburg leitete sie am 12. Oktober das Treffen der EU–Tourismusminister, in dessen Verlauf auf die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus hingewiesen wurde, einer Branche, die 9,7 Millionen Menschen beschäftigt, und auch unterstrichen wurde, dass die Tourismuspolitik vom Verkehr, von der Umwelt, vom Verbraucherschutz und der Kultur beeinflusst wird. Diese Schlussfolgerungen nahm der Rat an. Vorher aber war viel Überzeugungsarbeit zu leisten, vor allem bei den Deutschen und Niederländern, die sich weniger für grenzüberschreitende Abstimmungen in diesem Servicebereich interessierten, während die südlichen EU-Staaten an einer Zusammenarbeit sehr interessiert waren, auch Schweden sei sehr engagiert für gemeinschaftliche ökologische und nachhaltige Zielsetzungen im Tourismus eingetreten.
Nicht auf die Muttersprache verzichten!
Aufgefallen ist der jungen Politikerin, die auf ihr Wirtschafts- und Politikstudium in Namur und Brüssel noch einen Master in internationalen Beziehungen und europäischen Studien am Europäischen Institut in Nizza und Berlin draufsetzte, dass vor allem die Deutschen ein merkwürdiges Verhältnis zu ihrer Sprache haben. „Selbst wenn alle Dolmetscherkabinen besetzt sind, reden die Deutschen Englisch.“ Obwohl sie selber vier Sprachen beherrsche, findet sie den freiwilligen Verzicht auf den Gebrauch der Muttersprache „so schade“.
Das Halbjahr der belgischen Ratspräsidentschaft war arbeitsreich. Mindestens zwei Tage in der Woche verbrachte Weyckmans mit europäischen Verpflichtungen. „Bei einer so kleinen Region wie der DG ist ein Minister aber zuhause nicht abkömmlich“, sagt Weykmans. In Eupen musste die neue Jugendförderung durchgebracht werden. Um Zeit und Personal zu sparen, schreibt sie ihre Reden selber. Für ihren Freund, den sie bei ihrem Studium in Frankreich kennengelernt hat, blieb in den letzten Monaten wenig Zeit. Für ihre Lieblingssportarten („Basketball, Tennis und Formel Eins“) auch nicht.
„Möhreneintopf wie bei Mama“
Dafür hat die junge Frau, die „Möhreneintopf wie bei Mama“ auf ihrer Internetseite als Lieblingsgericht angibt, eine Menge internationaler Erfahrung gewonnen. „Natürlich bin ich sehr jung“, sagt die Ministerin beim Gespräch mit Belgieninfo. „Aber das geht ja vorbei.“ Spricht’s, lächelt und klemmt ihre dicke Aktenmappe unter den Arm. In Gedanken ist sie wohl schon auf dem Weg zur Eröffnungsveranstaltung des
Europäischen Jahres der Freiwilligentätigkeit 2011 in Brüssel, an der sie unmittelbar nach unserem Gespräch mit ihren Ministerkolleginnen Fadila Laanan (Französische Gemeinschaft) und Joke Schauvliege (Flämische Gemeinschaft) teilnimmt.
Isabelle Weykmans wurde am 3. 12. 1979 geboren. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der liberalen "Partei für Freiheit und Fortschritt". Als Ministerin für Kultur, Medien und Tourismus der Deutschsprachigen Gemeinschaft ist Isabelle Weykmans zuständig für: Kultur, Jugend, Tourismus, Medien, Sport, Denkmalschutz, Erwachsenenbildung, Rechtsterminologie, Nachhaltige Entwicklung, Gemeinschaftszentren (außer Schulinfrastrukturen) und Vorbereitung der Übertragung der «Raumordnungskompetenz» an die DG (gemeinsam mit dem Ministerpräsidenten).