Hannelore Kraft war der Überraschungsgast. Mit großem Beifall begrüßten über 400 Gäste die zum Politischen Kabarett "Weltverbesserer" gekommen waren, die SPD-Spitzenfrau aus Nordrhein-Westfalen. Sie hatte ihr Versprechen aus dem Vorjahr gehalten und war aus Düsseldorf zum Woluwe-Kulturzentrum gereist. "Europa und Brüssel tun mir gut", bekannte sie.
Als "Kabarett Hubert-Burghardt-Ich-AG" stellte sich der Kabarettist aus Dortmund mit einem Stakkato aus Wirtschaftsteil-Jargon und Anlageberater-Sprache vor. Ein Wortfeuerwerk aus Globalisierung, konjunkturellen Rahmenbedingungen, erhöhter Effizienz bei gleichzeitiger Verschlankung und Kostenreduzierung vor dem Hintergrund der internationalen Krise zog die Zuschauerinnen und Zuschauer in den Bann. Risiko-Witzkapital, angestrebte Lachumsatzrendite und Applausgewinn trotz der verschärften Lage auf dem Weltwitzemarkt zeigten an: Hier ist Kabarett.
Ein Börsengang der Ich-AG kommt derzeit nicht in Betracht. Als Bonus wurden die Eintrittskarten in stimmrechtslose Genussscheine umgewandelt.
"Nichts ist so, wie es scheint"
Lebensmittelkennzeichnung, ebenso unbegreifliche Gebrauchsanweisungen, Wireless LAN und Bahnfahrpläne schaffen es, dass sich die Menschen in einem" Mysterienkonglomerat" verheddern. Mal funktioniert es, mal nicht, wie der Künstler feststellt. Arm wird keiner mehr. Die USA sind uns wieder einmal voraus und ersetzen "Poorness" (Armut) durch "Pre-Richness" (Vor-Reichtum).
Schlimm, wie immer mehr Arbeit auf den Kunden verlagert wird, und der zahlt auch noch dafür. Mit den Lego-Steinen fing das Übel an, dann kam Ikeas Billy-Regal dazu, und inzwischen darf der Kunden den Service, den er selbst an der Paketstation leistet, auch selbst bezahlen. Der Konsumentenmissbrauch ist grenzenlos. Was noch fehlt, sind Eigenbestattungen.
Kabarettistische Töne aus Dortmund nach Brüssel
Zwischen den Wortbeiträgen singt Hubert Burghardt und begleitet sich selbst. Logischerweise muss er seine Reisen zu den Aufführungen mit dem eigenen Wagen bestreiten, denn seine technische Ausrüstung kann er sonst nicht mitführen.
Er mag Brüssel, wie er gegenüber belgieninfo erklärte, eine Stadt, die für dreißig Jahre Europäische Machtzentrale steht: Eine schöne Stadt, die man gut für ein Wochenende aus Dortmund erreichen kann. Doatmund, wie er es liebevoll ausspricht. Denn viele Westfalen können alles außer dem Buchstaben "R".
Hymne gegen den Strich gebürstet
Burghardts erstes musikalisches Stück ist seine eigene Hymne mit dem eingängigen Refrain "Deutschland, alles, alles über hab' ich schon, wenn ich Dich seh'." Konzerne, die "stiften gehen", Politiker, die "selbst nicht mehr wissen, wie man dies Land lenkt", und Bürokraten bekommen ihr Fett ab. Doch in "tiefster deutscher Seele tut "das Herzelein" dem Sänger "weh".
Hubert Burghardt ist nicht tätowiert; er hatte nie Aufkleber auf den Autoscheiben,. Seine Frau trägt kein so genanntes "Arschgeweih", auch "Schlampenstempel" genannt; sein Händy schießt keine Fotos, kurz gesagt - er ist nicht cool und nicht up to date. Er kriegt den Zeitgeist gar nicht mit. Er hat keine Homepage, und nur für sein Frühstücksei braucht er einen Ipod. Im Bioladen kauft er nicht ein, glaubt an den Radsport und wählt noch immer SPD. Er ist einfach völlig unmodern. So singt er vom "anachronischen" Menschen.
Alles ist Kabarett
Staatsverschuldung, Atommülllagerung, Kinderlosigkeit, Adoption, Plastikrecycling, Altenpflege, Modenamen für Lebensmittel - kaum ein Thema entzieht sich der kabarettistischen Behandlung. Doch das Lachen verklingt, und man wird nachdenklich. Manche Themen werden den Anwesenden so schnell wieder nicht aus dem Kopf gehen.
Werner Wobbe, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Brüssel, leitet den Abend ein und schließt ihn mit dem Dank an Gertrud und Nils Jensen, die in zehn Jahren daran gearbeitet haben, aus dem Sommerkabarett ein anerkanntes und beliebtes Kulturereignis in Brüssel zu machen. Sie kehren nach Deutschland zurück. Andere machen weiter.
Fotos: Johannes Wachter












