1.672 Entlassungen soll es beim französischen Handelskonzern Carrefour in Belgien bis Ende Juni geben, dazu die Schließung von 21 Supermärkten, schließlich Lohn- und Sozialdumping für die verbleibenden Arbeitnehmer. Drei Gewerkschaften organisierten am Samstag, 27. Februar, einen Generalstreik in allen 117 integrierten Supermärkten. Auch die Politik wurde zum Wochenende föderal und regional verstärkt aktiv. Ein Restrukturierungs- und Rettungsplan hat dennoch nur begrenzte Chancen.
Der Generalstreik verlief friedlich. Das Unternehmen griff nicht vor Ort zu Gegenmaßnahmen. Existenzängste, Sorgen um die Familien, die Kinder, Tränen, Enttäuschung, Wut, Solidarität und die Entschlossenheit, den sozialen Dialog bestmöglich zu nutzen, beherrschten die Gespräche. Carrefour sollte nicht auf Kosten des Staates und der belgischen Steuerzahler davonkommen.
Der Generaldirektor der belgischen Carrefour Filiale, Gérard Lavinay, hatte vor dem Streik in Interviews gewarnt: der koste ein Vermögen, 12 Millionen Euro, die Einnahmen eines normalen Samstags. Außerdem werde dieser Streik zur definitiven Abwanderung von Kunden der französischen Marke führen. Ein denkwürdiges Argument im Kontext der Krise, der Massenentlassungen von möglicherweise 2.000 bis 5.000 Arbeitnehmern und der Schließung von 21 Supermärkten, kommentierten Gewerkschaftsvertreter.
Carrefour und die Filiale in Belgien
Die französische Handelskette ist auf dem europäischen Vertriebsmarkt führend, weltweit belegt sie die 2. Position nach dem US-amerikanischen Wal-Mart. Carrefour erzielte 2008 einen Umsatz von über 100 Milliarden Euro, Franchisen einbezogen, ist siebtgrößter privater Arbeitgeber der Welt mit 495 000 Beschäftigten in 31 Staaten und insgesamt 15 430 Warengeschäften. 2009 musste die Gruppe allerdings erhebliche Umsatzeinbußen hinnehmen.
Auf dem belgischen Markt ist Carrefour nach der Übernahme der Supermarktkette GB seit 2000 präsent. Nach zahlreichen weiteren Fusionen ist der Konzern Belgiens größter Handelskonzern. Er beschäftigt - noch - rund 15 000 Personen und erzielte 2009 einen Umsatz von 4,5 Milliarden Euro. Er betreibt - noch - 627 Geschäfte, davon 57 Hypermärkte, 378 Carrefour/GB- Märkte und 191 Nachbarschafts-Geschäfte unter dem Namen Carrefour Express.
Der Marktanteil und die Umsätze in Belgien sind seit 2007 rückläufig. Berichten zufolge verhandelte die Carrefour-Gruppe 2008 zwölf Monate lang mit dem Investment Fonds CVC Capital Partners in Luxemburg über den Verkauf von Carrefour Belgien. Die Transaktion scheiterte an dem erneut rückläufigen Umsatz 2008. Das kostete den damaligen General-Direktor seinen Job. Sein Nachfolger, der heutige Chef Gérard Lavinay, ist seit 7 Monaten auf diesem Posten. Er ist der 4. General-Direktor bei Carrefour Belgien seit 2000.
Lavinay erklärte jetzt auf Anfrage gegenüber der Presse, von diesen Verkaufsverhandlungen nichts zu wissen. Gewinne macht Carrefour Belgien dennoch weiter: es waren 66 Millionen im vergangenen Jahr. Nur reicht eine solche Summe den Aktionären offenbar nicht mehr. Das Gap zu früheren Gewinnen, wie Lavinay erklärte, ist zu groß.
Gewinnspanne schrumpft – Lohnkosten absenken
Ende 2009 wurde eine Milliarde Euro von den Konten der Carrefour-Belgien an das Koordinationszentrum der Gruppe in Frankreich überwiesen. Die Presse fragte nach den Gründen. Darauf die Antwort von General-Direktor Lavinay, dieses Geld sei von der Carrefour-Gruppe 2004 transferiert worden. Inzwischen habe man entschieden, dass die Verwaltung der Firmengelder Aufgabe des Koordinierungszentrums sei, und nicht der belgischen Filiale – die solle sich auf ihr Metier konzentrieren und die Kaufhäuser führen.
Experten zufolge ist der Konkurrenzkampf zwischen den großen Einzelhandelsketten auch in Belgien immer härter geworden, u.a. zwischen Carrefour, Colruyt und Delhaize. Für Lavina steht fest, dass die im Vergleich zur Konkurrenz zu hohen Lohn- und Lohnnebenkosten für den „kommerziellen Misserfolg“ von Carrefour-Belgien verantwortlich sind. Sie seien verglichen mit Colruyt um 30 Prozent höher.
Die Gewerkschaften bezweifeln solche Aussagen. Sie setzen sich gegen Lohndumping in diesem Niedriglohnsektor zur Wehr, der mehrheitlich Frauen trifft. Gewerkschafts-Kritiker machen aber gerade die Arbeitnehmervertreter mit ihrem Festhalten an „Privilegien“ und ihrer „Absage an Innovation“ für die Krise mitverantwortlich: „die Gewerkschaften sind zu stark“ ist ihr Motto.
Managementfehler sieht Lavinay nur insofern, als die negativen Folgen hoher Lohnkosten 2000 bei der Übernahme von GB falsch eingeschätzt worden seien. Kritiker aus dem Unternehmen wie auch externe Analytiker sehen dagegen schwerwiegende anhaltende Fehler bei Produkt-, Marketing- und Personalmanagement. Und Hyper-Märkte entsprechen ihres Wissens längst nicht mehr dem Zeitgeist.
Steuererleichterungen und öffentliche Subventionen
84,6 Millionen Euro schuldet die Carrefour Gruppe dem belgischen Fiskus, berichtete „De Morgen“. Die internen Finanzdienste der Gruppe hätten eine Steuerbegünstigung erhalten, die 2007 von der Europäischen Kommission als illegale Staatsbeihilfe bezeichnet worden sei. Aus Angst davor, dass Carrefour Belgien verlasse, habe der Staat nicht auf einer Rückzahlung bestanden, hieß es dazu aus informierten Kreisen.
Der flämische Ministerpräsident, Kris Peters, stoppte erst einmal nach Bekanntwerden der geplanten Massenentlassungen und Schließungen 530 000 Euro Ausbildungsbeihilfen für die Supermarkt-Kette. Solidaritäts- und Absichtsbekundungen aus den unterschiedlichen politischen Lagern gibt es nach diesem Schock in Fülle. Die föderale Arbeitsministerin, Joëlle Milquet (CDH), will Steuererleichterungen für Unternehmen in Zukunft an eine Arbeitsgarantie zu Gunsten der Arbeitnehmer koppeln. Sie kann dabei mit viel politischer Unterstützung rechnen.
Den sozialen Dialog nutzen
Am Mittwoch, dem 3. März soll der soziale Dialog im Betriebsrat fortgeführt werden. Milquet unterstrich bei einem Treffen mit Personalvertretern, darunter vielen Frauen: die Carrefour-Direktion sei bei dem Treffen gefordert, alle Fragen klar und transparent zu beantworten und realistische Wege zu für eine neue Strategie der nachhaltigen Geschäftsentwicklung für Carrefour Belgien aufzeigen.
Sie mahnte, man befinde sich in der ersten Phase der kollektiven Entlassungen, und deshalb müsse der soziale Dialog genutzt werden, um alternative Maßnahmen aufzuzeigen, mit dem Ziel, ein Maximum an Arbeitsplatzverlusten und Sozialdumping zu verhindern.
General-Direktor Lavinay hat wiederholt betont, dass es zu seinem Restrukturierungsplan keine Alternative gäbe. Für die Carrefour-Mitarbeiter sind das trübe Aussichten.












