11. März 2010

Frisch frittiert

Es war zu erwarten, aber es ist bitter: Belgien hat keine einzige Medaille bei den Olympischen Spielen ergattern können. Der Eisschnellläufer Bart Veldkamp, Bronze über 5000 Meter in Nagano 1998, ist der letzte belgische Edelmetallträger. Seppe Smits, Snowboarder, konnte diesmal nicht antreten – auf ihm liegen nun alle Hoffnungen, dass Belgien in Sotschi besser abschneidet als in Vancouver.

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„Zur Strafe sollten alle Deutsch lernen“

Belgiens Facetten am langen Filmnachmittag im BOZAR

Von Kay Wagner

Keine schnellen Beine, sondern achteinhalb Stunden Sitzfleisch waren beim Marathon im Brüsseler Palais des Beaux Arts (BOZAR) gefordert. „To be or not to.be“ hieß die Sammlung von sechs Filmen, die als die besten von 114 Projekten nacheinander gezeigt wurden. Alle zum Thema: Belgien, geteilte Nation?

 

13.15 Uhr, der Startschuss fällt. Mit „Das gelobte Land“ übernimmt ein Dokumentarfilm die ersten 60 Minuten. In klassischer Machart berichtet er über Flamen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach Wallonien eingewandert sind, um dort Arbeit zu finden. Vor allem in den Kohlegruben rund um Charleroi. Zeitzeugen sprechen, Erinnerungen der Protagonisten leben auf. Applaus erfüllt den Saal, der Anfang ist geschafft.

14.40 Uhr, es wird witzig: Die in Brüssel französischsprachig aufgewachsene Regisseurin Isabelle Dierckx spürt ihren flämischen Wurzeln in Antwerpen nach. Erkennt sich selbst als lebendiger Sprachenmix, verbessert vor der Kamera in oft heiteren Gesprächen ihre eigenen Flämischkenntnisse, unterlegt alles mit Zeichnungen und Animationen. Belgien zum Augenzwinkern (die Regisseurin lernt jetzt Russisch…).

 



16.08 Uhr: Die TV-Moderatoren Christophe Deborsu und Phara de Aguirre laufen in Staffeletappen mit zwei flämisch-wallonischen Vierer-Teams die flämisch-wallonische Sprachgrenze ab. 300 Kilometer in drei Tagen, einmal von Westen nach Osten. Busse begleiten die Teams. In den bereiften Gefährten ruhen sich die gerade nicht laufenden Protagonisten aus und unterhalten sich. Über Belgien, über Flamen, über Wallonen. Harmonie und Verständnis herrschen vor. „Der Film war in seiner Aussage ein wenig dürftig“, sagt nach dem Streifen ein Zuschauer.

17.35 Uhr: Die Hälfte der Distanz ist geschafft, Zeit für Politik. Denn jetzt kommen die Separatisten zu Wort, Wallonen und Flamen. Politiker und Aktivisten. Platte Stammtischatmosphäre macht sich auf der Leinwand breit, die Parolen amüsieren ein ums andere Mal den Saal. „Sagen Sie, haben die Leute in dem Film ihre Aussagen wirklich ernst gemeint?“, will sich am Ende eine Dame im BOZAR-Saal M vergewissern.

19.04 Uhr: Langsam wird es hart, die Gesäßmuskeln fangen an zu schmerzen, doch natürlich geht es weiter. Und da flimmert auch schon Maya Van Leemputs Beitrag über die Zukunft auf der Leinwand. Belgien, die Welt allgemein: Wie wird das alles sein in 30, 40 Jahren? Belgier geben Antwort. Künstler, Wissenschaftler, Philosophen. Ein nachdenklich stimmender Film, mit unklaren Aussagen für Belgien, aber auch den Rest der Welt. Nur, dass ein turbulenter Zusammenbruch unseres bisherigen Gesellschaftssystems wohl unausweichlich sein wird. Beängstigend.

20.32 Uhr, die letzten Minuten als grandioses Finale. Leider ein wenig in Moll verpackt, da der Regisseur des letzten Films, Jacques Duez, eine Woche zuvor verstorben ist. Doch die Leichtigkeit seines Films bläst schnell das beklemmende Gefühl aus dem Saal. Denn Duez hat Kinder in Schulen befragt. Wie sehen junge Wallonen die Flamen? Wie junge Flamen die Wallonen? Und wie die Deutschen? Es ist das erste Mal, dass auf dem Filmmarathon über Belgien die deutschsprachige Gemeinschaft etwas ausführlicher gewürdigt wird.

Die Antworten sind so lustig, so ehrlich, so unverblümt, dass die Lach- den Gesäßmuskeln zu Konkurrenten erwachsen beim gefühlten Schmerz. „Wenn sich die Wallonen und Flamen nicht über die Sprache einig werden können, die man in Belgien spricht, sollen sie zur Strafe alle Deutsch lernen.“ O-Ton eines Migrantenkindes an einer flämischen Schule in Brüssel. Perfekter kann der Zieleinlauf im BOZAR heute gar nicht sein. Gerade für einen deutschen Teilnehmer.

Erstellt oder aktualisiert am 08. Februar 2010.

 
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