07. September 2010

Frisch frittiert

Bart De Wevers Partei NVA, die als größte flämische Partei bei den letzten Wahlen abgeschnitten hat und auch im föderalen Parlament die größte Fraktion stellt, leidet an Mitarbeitermangel. Unter dem Spruch „Schaffe zusammen mit der NVA ein starkes Flandern“ werden jetzt bis zu 84 Mitarbeiter per Zeitungsanzeigen gesucht. Normalerweise sind solche Jobs in Belgien sehr ertragreich. Es wird allerdings auch vorausgesetzt, dass man voll und ganz mit der Ideologie der Partei übereinstimmt.

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Zwei Newcomer in Belgien/2

Johannes Hahn: ein kühler und harter Stratege

Von Annette Niemeyer-Martinez

Die österreichische Regierung einigte sich am 27. Oktober 2009, den Wissenschaftsminister und Wiener ÖVP-Chef Dr. Johannes Hahn als EU-Kommissar zu nominieren. Hahn setzte sich gegen die amtierende EU-Auβenkommissarin Ferrero-Waldner und Ex-Vizekanzler Molterer durch. Im neuen Team von Kommissionspräsident Barroso als Kommissar für Regionalpolitik vorgesehen, und vom Rat nominiert, trat Hahn von seinem Partei-Amt und zum 31. Dezember 2009 als Wissenschaftsminister zurück. Gut vorbereitet und souverän bestand er die Anhörung im Europäischen Parlament am 14. Januar 2010.

"Österreich steigt in die Regionalliga ab“ spotteten Kritiker, als das Portfolio für den designierten EU-Kommissar Hahn bekannt wurde. Sie verkannten bewusst oder aus Unwissen, dass für die Regionalpolitik bis 2013 ein Budget von 347 Milliarden Euro veranschlagt ist, der zweitgröβte Posten in der EU nach der Landwirtschaft. ÖVP-Chef und Vizekanzler Josef Pröll weiβ dies und erklärte stolz, mit diesem „wichtigen Zukunftsressort haben wir für Österreich das Beste herausgeholt“. Und Johannes „Gio“ Hahn ist dafür der richtige Mann.

Davon hat Hahn auch die Europaabgeordneten in der zweistündigen Anhörung am 14. Januar überzeugt: mit seinem Fachwissen über die Regionalpolitik, mit seinen Antworten auch auf heikle Fragen, in denen authentisch und glaubwürdig seine Erfahrungen, seine Überzeugungen, seine Visionen zum Ausdruck kamen, mit seiner Gelassenheit, seiner Offenheit, seinem gelegentlichem Schmunzeln und Humor.

Sein Credo: „Es gibt keine Politik, bei der Europa so sichtbar, so praktisch greifbar wird, wie bei der Regionalpolitik. Daher brauche ich das Mitwirken der Menschen. Wir müssen das so gestalten, dass sie bereit sind, mitzuwirken“. Konkrete Handlungsfelder für Hahn: die künftige Kohäsionspolitik klar in den Dienst der zentralen Prioritäten der EU-2020 Strategie stellen, wie Wettbewerbsfähigkeit, Klimaschutz und Energiewende. Eine neue Stadtpolitik für Europa. Keine Toleranz bei der Bekämpfung von Betrug.

Hahn hat nicht wie andere Kandidaten mehr oder weniger gut passagenweise in Englisch geantwortet, doch durchgängig die international üblichen englischen Fachausdrücke benutzt. Er besitzt nach eigenen Angaben umfangreiche Englischkenntnisse. 

 

Kopfsprung ins kalte Wasser

Johannes Hahn, Dr. der Philosophie, Jahrgang 1957, ist in Wien geboren, und dort politisch fest verwurzelt. Er ist verheiratet und Vater eines 1988 geborenen Sohnes. 1987 promovierte er an der Universität Wien mit einer später wissenschaftlich umstrittenen Arbeit: „Perspektiven der Philosophie heute - dargestellt am Phänomen Stadt“.

 Nimmt die neue Kommission ihre Arbeit am 10. Februar 2010 in Brüssel auf, steht Kommissar Hahn nicht zum ersten Mal vor dem Sprung ins kalte Wasser. Gewagt hat er ihn im Wechsel zwischen Jobs in der Privatwirtschaft und der Politik schon häufig: z.B. als Vorstand für den Glückspiel-Konzern Novomatic, als ÖVP-Landesgeschäftsführer im Parteimanagement, als Abgeordneter im Wiener Stadtparlament in der Kommunal- und Gesundheitspolitik, als Bundesminister für Wissenschaft und Forschung von 2007 bis zu seiner Amtsniederlegung Ende Dezember 2009.

Hahn setzt auf Innovation, Kreativität, Überwindung gesellschaftlicher Trägheit, erwarb sich als Chef und Modernisierer den Ruf eines kühlen und harten Strategen. Er wird dem liberalen Flügel der ÖVP zugerechnet.

 

Bei der Anhörung im Parlament wies Hahn darauf hin, dass er als Wissenschaftsminister „eine Plattform der mittel- und osteuropäischen Wissenschaftsminister geschaffen“ habe, „weil wir verhindern wollen, dass es einen innereuropäischen brain drain gibt; unser Ziel ist brain circulation“.

Die Gelassenheit des Hahn

Der 52 jährige zierliche Brillenträger wirkt jugendlich, sportlich, offen und sehr gelassen. Er ist kein Volkstribun, versuchte auch in Wahlkämpfen nicht den dröhnenden Entertainer zu geben, der seine politischen Konkurrenten schmäht. Mitarbeiter und Journalisten schätzen seine Fähigkeit zuzuhören. Selten ist es einem provokanten Interviewer gelungen ihn emotional aus der Reserve zu locken - er bleibt gelassen. Bescheiden ist er auch und realistisch, und lässt keine Sprechblasen ab.
 
Ein Vorbild für den gelernten Philosophen Hahn ist der groβe Erkenntnistheoretiker österreichischer Herkunft, Karl Popper, den er bewundert.

Segeln im Mittelmeer und Lesen sind seine privaten „Aktiva“, dem Junior hat er immer auch gern beim Handball im Jugend-Nationalteam zugeschaut.

Mit 21 Jahren erkrankte Hahn an Krebs. Sieben lange Jahrelang muβte er sich der Chemotherapie unterziehen. Das prägt, war vielleicht auch der Grund für den Wechsel seines Studienfaches von Jura zur Philosophie. Und erklärt die Gelassenheit.

Der neue Kommissar Hahn hat bereits ein gutes Team. Kabinettschef ist der Vorarlberger Hubert Gambs (41), der schon für Franz Fischler und Benita Ferrero-Waldner gearbeitet hat. Pressesprecher ist der Niederländer Ton van Lierop (44). Der war zuletzt im Kabinett Verheugen tätig.

Erstellt oder aktualisiert am 09. Februar 2010.

 
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