11. März 2010

Frisch frittiert

Es war zu erwarten, aber es ist bitter: Belgien hat keine einzige Medaille bei den Olympischen Spielen ergattern können. Der Eisschnellläufer Bart Veldkamp, Bronze über 5000 Meter in Nagano 1998, ist der letzte belgische Edelmetallträger. Seppe Smits, Snowboarder, konnte diesmal nicht antreten – auf ihm liegen nun alle Hoffnungen, dass Belgien in Sotschi besser abschneidet als in Vancouver.

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Zwei Newcomer in Belgien/1

Deutschlands neuer Mann bei der EU: Günther H. Oettinger

Von Renate Kohl-Wachter

„Baden-Württemberg ist ein schönes Land.“ Dieser Satz zierte viele von Günther H. Oettingers Reden, seit er im April 2005 seinen Vorgänger Fritz Teufel als Ministerpräsident des Südweststaates abgelöst hatte. Manches Landeskind ist ihm noch heute gram wegen seines Griffs nach der Macht. Aber der langjährige CDU-Fraktionsvorsitzende im Stuttgarter Landtag, Jahrgang 1953, hätte auf den Generationswechsel kaum länger warten können.


Seine Anhänger schätzten an Oettinger dessen Modernität. Er galt als wirtschaftsliberaler Hoffnungsträger, errang bei den Landtagswahlen im März 2006 mit 44,2 Prozent fast die absolute Mehrheit der Mandate und liebäugelte kurz mit einer schwarz-grünen Koalition, bevor dann doch die FDP das Rennen machte. Als MP brachte er das riesige Infrastrukturprojekt „Stuttgart 21“ auf den Weg. Zusammen mit dem ehemaligen SPD-Fraktionschef im Bundestag Peter Struck suchte er in der Föderalismuskommission II die politischen Zuständigkeiten sinnvoller zu ordnen und erfand die "Schuldenbremse" mit, die nun im Grundgesetz verankert ist. Dabei bewies er beim Aushandeln von Kompromissen Fähigkeiten, die ihm als Kommissar in Brüssel noch zugute kommen können. Im Ländle demonstrierte seine Regierung in den Haushaltsjahren 2008 und 2009, vor der Wirtschaftskrise, eisernen Sparwillen und häufte keine neuen Schulden mehr auf.

Das Verhältnis Oettingers zu den Medien allerdings ist nicht spannungsfrei. Mehr als einmal geriet er unfreiwillig in die Schlagzeilen. So entfuhr dem Vater eines Sohnes im Januar 2006 die Bemerkung, deutsche Kinder müssten morgens zu früh in die Schule gehen. Dem folgte ein Aufschrei der Entrüstung im Ländle, wo Langschläfer sich ein zweites Bettzeug besorgen und ab 6 Uhr aus dem Fenster hängen, um nicht als „Tagdiebe“ zu gelten. Vollkommen unverständlich bleibt, wie in Oettingers Rede zur Beerdigung seines Vorvorvorgängers Hans Filbinger am 11. April 2007 jener Satz geraten konnte, in dem der einstige Marinerichter als „Gegner des NS-Regimes“ bezeichnet wurde. Angela Merkel selbst griff ein und zwang den Schwaben zurückzurudern. Sie war es auch, die am 24. Oktober 2009 den Europäern überraschend Oettinger als deutschen Kommissarskandidaten und Verheugen-Nachfolger vorschlug.

Lachen, Weinen, Stolz

"Mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge - und natürlich auch mit einer gewissen Portion Stolz - haben wir von der Entscheidung der Bundeskanzlerin erfahren, unseren Landesvorsitzenden und Ministerpräsidenten Günther H. Oettinger als EU-Kommissar vorzuschlagen,“ verkündete im Oktober 2009 MdB Thomas Strobl, der Generalsekretär der Landes-CDU: „Baden-Württemberg verliert einen höchst erfolgreichen Ministerpräsidenten, Europa gewinnt einen brillanten Kopf."

 

 

Als Energiekommissar in der „Kommission Barroso II" vorgesehen, musste sich Oettinger wie seine künftigen Kollegen allerdings erst dem Europäischen Parlament stellen. Zwar dürfen die Volksvertreter im Prinzip keinen einzelnen Kandidaten durchfallen lassen, sondern nur der Kommission im Ganzen ihre Zustimmung verweigern. Doch machte schon vor fünf Jahren der italienische Kandidat unversehens die Erfahrung, dass das EP kein zahnloser Tiger mehr ist. Diesmal bereiteten sich die Nominierten besonders intensiv auf die Anhörungen vor. Sie bezogen provisorische Büros in der Brüsseler Avenue des Nerviens und paukten ihren Lernstoff mit ihren Stäben. Oettinger hatte als seinen Chefberater und Kabinettchef in spe Michael Köhler gewinnen können, der bisher Kabinettchef von Fischereikommissar Borg war.

Viel Applaus im Parlament

So trat der Schwabe am 14. Januar 2010 wohl gerüstet vor die Abgeordneten des Industrie- und Umweltausschusses zum "Grillen". Nach einer etwas steifen ersten halben Stunde kam er im Laufe der Anhörung in Fahrt und erstaunte Freunde und Gegner durch Schlagfertigkeit. Unter anderem konnte er grünen Befürchtungen, er stünde den Energieriesen e.ON und RWE zu nahe, überzeugend entgegentreten. So gab es zwischendurch und am Ende der Anhörung für Oettinger viel Applaus, nicht nur aus den eigenen Reihen. An ihm lag es jedenfalls nicht, dass sich die Bildung der neuen Kommission weiter verzögerte. Vielmehr zog die bulgarische Kandidatin Rumania Jelewa ihre Bewerbung zurück, so dass am 3. Februar Bulgariens neue Kandidatin Kristalina Georgiewa angehört werden musste und das Europäische Parlament erst am 9. Februar über die gesamte Kommission abstimmen kann.

„Englisch wird die Arbeitssprache“

Nach seiner Anhörung wusste Oettinger sich beim Presspoint sogar auf Englisch auszudrücken. Linguistisch stand er freilich von Anfang an unter besonderer Beobachtung, denn im November 2005 hatte er in einem SWR-Interview prophezeit: „Englisch wird die Arbeitssprache. Deutsch bleibt die Sprache der Familie und der Freizeit, die Sprache, in der man Privates liest.“ Obwohl man in Baden-Württemberg alles kann außer Hochdeutsch, war diese Idee doch auf Kritik gestoßen. Nun kursierte nicht nur in Brüssel ein YouTube-Video von einem Oettinger-Vortrag im Dezember 2009, bei dem sein schwäbischer Akzent mit der hoch-englischen Sprache rang. Binnen weniger Tage schaffte dieser (inzwischen gelöschte) Rede-Zusammenschnitt auf „Schwänglisch“ mit Untertiteln mehr als eine Million Klicks.

 

 

Es gehört wohl zu den deutschen Paradoxa, dass einerseits der Bedeutungsverlust der deutschen Sprache in Europa beklagt wird, andererseits jeder Stammtisch sich Ministern oder Ministerpräsidenten in der Englisch-Kompetenz überlegen fühlt. In anderen großen EU-Staaten wie Frankreich wäre eine solche Diskussion undenkbar.

Von der Website „bild.de“ dazu befragt, versprach der Schwabe: "Sobald ich meine Aufgaben als Ministerpräsident im Land ordentlich erledigt und übergeben habe, werde ich in Brüssel einen Sprachkurs machen." In der Zwischenzeit könnte Günther H. Oettinger, der den Zungenbrecher „Baden-Württemberg ist ein schönes Land“ in Rekordgeschwindigkeit aufsagen kann, schon einmal einen neuen Standardsatz auf Englisch einüben. Wir schlagen vor: „Europe is a beautiful continent.“

Erstellt oder aktualisiert am 13. Februar 2010.

 
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