11. März 2010

Frisch frittiert

Es war zu erwarten, aber es ist bitter: Belgien hat keine einzige Medaille bei den Olympischen Spielen ergattern können. Der Eisschnellläufer Bart Veldkamp, Bronze über 5000 Meter in Nagano 1998, ist der letzte belgische Edelmetallträger. Seppe Smits, Snowboarder, konnte diesmal nicht antreten – auf ihm liegen nun alle Hoffnungen, dass Belgien in Sotschi besser abschneidet als in Vancouver.

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Soldatenfriedhöfe, versteinertes Leid

Käthe Kollwitz und die "trauernden Eltern"

Von Gisbert Kuhn

Langemarck, Ypern, Diksmuide, Nieuwport und andere zu Symbolen des Grauens gewordenen Orte standen am 11. November wieder im Mittelpunkt der Erinnerungen, nicht nur der Belgier, die des Waffenstillstands und damit des Endes des 1. Weltkrieges gedenken. Unser Mitarbeiter Gisbert Kuhn hat die Friedhöfe und das Denkmal von Käthe Kollwitz besucht.

 

Selbst wenn dieser alles durchdringende kalte Regen nicht über das platte Land fegte, würde der Anblick der zwei knieenden Gestalten frösteln machen. Grau alle beide. Der Mann hat ganz die Schultern hoch gezogen. Die Arme sind, so weit überhaupt möglich, um den Oberkörper geschlungen. Als ob nur noch auf diese Weise wenigstens irgendwie Haltung bewahrt werden könnte. Das Gesicht: eingefallene Wangen, verschlossene Lippen, die Mundwinkel verbittert nach unten gezogen. Aber der Rücken ist kerzengerade aufrecht. Und erhoben, Würde ausstrahlend, ist genauso das Haupt. Der leicht nach unten gerichtete Blick konzentriert sich auf nichts Spezielles; er scheint sich im Unendlichen zu verlieren.

 

Sehr ähnlich, und gleichzeitig doch wieder völlig anders, die Frau. Auch ihre Hände verkrampfen sich, Halt suchend, im Stoff des Mantels. Die linke Kragenseite ist schützend ans Gesicht gezogen. Nein, dieser Mensch will nicht einmal mehr den Schein von Stärke vorgeben. Er ist nur noch verzweifelt. Ein tiefer Schmerz zwingt den Rücken in die Beuge. Die Augen sind geschlossen, als wollten sie diese Welt nicht mehr sehen.

 

Die zwei sind ein einziges Bild unendlicher Trauer; ein trauerndes Elternpaar. Käthe Kollwitz, die große Zeichnerin vor allem der kleinen, geknechteten, im Schatten des Lebens stehenden Menschen, hat es geschaffen und ihm zugleich auch diesen Namen gegeben. Ein Denkmal auf dem deutschen Soldatenfriedhof am Rande des kleinen west-flämischen Dorfes Vladslo, ein paar Kilometer von dem malerischen Städtchen Diksmuide entfernt.

 

Der stille Platz im Praatswald am Rande von Vladslo: hier stehen die "trauernden Eltern". Vor allem Belgier zieht es hierher, aber auch Scharen von Briten. Deutsche weniger. Immer wieder sind sogar die kleinen Holzkreuze mit der papiernen Mohnblume zu entdecken, wie sie Engländer auf den Gräbern ihrer Gefallenen niederlegen. "We shall remember" steht darauf zu lesen.

 

Dort, wo sich im Herbst 1914 der deutsche Vormarsch im künstlich überfluteten Gelände festgelaufen hatte, wo am Yser-Kanal in den folgenden vier Jahren Hunderttausende Deutsche, Franzosen, Briten, Belgier, Australier und andere in der flandrischen Kriegshölle gefallen, gestorben, krepiert sind. Die Künstlerin Kollwitz, die Mutter Kollwitz vor allem, hat es entworfen in Erinnerung an den Sohn Peter, Angehöriger jener zum übersteigerten Patriotismus herangezogenen Jugend, die mit dem Deutschlandlied auf den Lippen in die MG-Garben gelaufen ist bei Langemarck, Ypern, Diksmuide, Nieuwport und wie die zu Symbolen des Grauens gewordenen Orte alle heißen.

 

"Unerwarteter Widerstand"

 

Peter Kollwitz hatte sich damals freiwillig gemeldet. Sein Tod kam schon wenige Wochen nach Kriegsbeginn. Am 23. Oktober 1914 ist er (der "Musketier", wie es auf einer Grabplatte geschrieben steht) bei einem Sturmangriff auf die Stadt Diksmuide gefallen. Knapp 18 Jahre erst alt. Vielleicht war es sogar die Attacke, über die ein Kommandant des 11. Belgischen Linienregiments auf der anderen Seite in der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober in seinem Tagebuch festhielt: "Er (der Feind) hat zahllose frische Truppen vor der Stadt zusammengezogen und den Befehl gegeben, koste es was es wolle, die Stellung zu nehmen. Kaum zurückgeschlagen, gruppieren sie sich erneut zum Angriff und mit immer größer werdender Stoßkraft. Was hat man diesen Männern versprochen, dass sie sich so töten lassen?... Sie erreichen die Laufgräben nur, um hier den Tod zu finden." Der deutsche Heeresbericht verzeichnet an diesem Tag lediglich "unerwarteten Widerstand, der uns jedoch nicht aufhalten wird".

 

Ausweislich ihrer eigenen Notizen hatte Käthe Kollwitz bereits am 1. Dezember 1914 den Plan gefasst, ein Mahnmal zu schaffen. Ihrem Sohn Peter zu Ehren, aber auch all den anderen ins Verderben geschickten Männern, von denen aus Deutschland 134 000 in Flandern beerdigt sind, allein 25 644 unter den mit jeweils bis zu 20 Namen versehenen schwarzen Granittafeln in Vladslo. Freilich sollten vom ersten Gedanken bis zum letzten Hammerschlag an den beiden Gestalten noch 18 Jahre vergehen. Die Kollwitz selbst hat es nie dem Zufall zugeschrieben, dass dieser Zeitraum praktisch genau so lange währte wie zuvor das Leben des Sohnes.

 

Schrecken und Mitleid

 

"Hier liegt die Jugend", wollte sie ursprünglich in Stein meißeln. Dann verwarf sie das wieder. Zeitweise schien ihr, die doch mit Kohle und Stift so unnachahmlich Schrecken und Mitleid auf Papier zu bannen verstand, mit den Plastiken gar nichts zu gelingen. Bis schließlich, beeinflusst durch Ernst Barlach, der Gedanke reifte, den Figuren der Trauernden die Züge der Eltern Käthe und Karl Kollwitz zu geben.

 

Am 24. Juni 1932 schließlich wurden die zwei lebensgroßen Granitgestalten aufgestellt - noch nicht in Vladslo, sondern auf dem kleinen, einsam in den weiten Feldern des Yser-Gebiets gelegenen Soldatenfriedhof Roggeveld (er wurde 1956 aufgelöst). Das Echo seinerzeit war keineswegs etwa durchgehend freundlich. Noch immer unter dem Eindruck der fürchterlichen vier Kriegsjahre stehend, mochten nicht wenige Flamen in den "trauernden Eltern" keineswegs die gebrochene Mutter und den zerstörten Vater erblicken, als vielmehr in Stein gehauene Feind und Feindin. Als "Mette" und "Pette", "Manten" und "Kalle" wurden die Statuen verspottet.

 

Und daheim in Deutschland? Dass das NSDAP-Organ "Völkischer Beobachter" der von Gram gebeugten Frauenfigur nachsagte, so sehe "eine deutsche Mutter hier Gott sei Dank nicht aus", erstaunt nicht. Aber es waren eben nicht nur die Nazis, denen der fehlende Heroismus missfiel. Der (noch heute) über dem Tor zum noch größeren deutschen Soldatenfriedhof in Belgien, Langemarck, prangende Satz des Dichters Heinrich Lersch "Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen" - er passte besser in die Zeit, die nur sechs Jahre später einen neuen, noch schrecklicheren Krieg gebar.

 

Inzwischen ist der stille Platz im Praatswald am Rande von Vladslo wohl gerade wegen der Kollwitz-Figuren ein überwiegend von Belgiern und Briten viel besuchter Ort. Wer den Blick hebt, sieht die langen Gräberreihen und die "Trauernden" am Ende. Peter Kollwitz liegt genau zu Füßen seiner versteinerten Eltern.

 

 

 

Erstellt oder aktualisiert am 18. November 2009.

 
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