War das ein Spaß an diesem Sommerabend bei den Bayern in Brüssel! Bierbänke und süffiger Gerstensaft lockten zwar eher in den schotterbestreuten Garten unter freiem Himmel. Doch keiner der Besucher wird wohl bereut haben, knapp eineinhalb Stunden das Draußen gegen das Drinnen gewechselt zu haben, um Zeuge einer Show zu werden, die man nicht alle Tage zu sehen kriegt.
Brüssels ARD-Chef Rolf-Dieter Krause gegen den deutschen EU-Kommissar Günter Verheugen. Der „Grillmeister“, wie ihn Michael Köhler, Vorsitzender des Brüsseler Verbandes der veranstaltenden Europa-Union, aufgrund der Hartnäckigkeit beim Fragen sinngemäß einführte, gegen den Politiker, dem Sonntagsreden fremd sind. Der kein Blatt vor den Mund nimmt, der sich bald von der EU-Bühne nach zehn Jahren aktiver Kommissars-Arbeit verabschieden wird. Zwei Gründe, weshalb man gerade ihn geladen hatte.
"Sind Sie gut drauf?"
Ein Zeichen von Krauses Kopf, eine bestätigende Geste von Verheugen, beide betreten die Bühne. Zum Plaudern, wie der Journalist sagte. Krause: „Sind Sie gut drauf?“ Verheugen: „Ja“ Und los geht’s.
Vom jüngsten Urteil des Bundesverfassungsberichts zum Lissabon-Vertrag über die demokratischen Strukturen der EU, die neuen Mitgliedsländer bis hin zu Menschen wie Kommissions-Präsident José Manuel Barroso, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bürokratie-Abbauer Edmund Stoiber reichte das thematische Grillmaterial, das Krause auf den verbalen Rost legte. Kräftig ließen die beiden das Zeug dann schmoren. Es brutzelte und zischte – doch wurde es auch wirklich gar?
Aus der letzten Reserve ließ sich Verheugen nicht locken. Wusste genau, wann er was sagen wollte oder konnte – „Ich bin noch Mitglied dieser Kommission, da muss ich mich zurückhalten“ – und wann eben nicht. Dennoch war es unterhaltsam. Weil erstens Krause nie aufgab – „Ich mache jetzt einen dritten Anlauf“ – und Verheugen trotz eindeutiger Grenzen genug klare Worte fand, um zu überraschen. Nichts weniger als das „Dreamteam Stoiber – Verheugen“ wurde so geboren. Der Politiker verteidigte die neuen Mitgliedsländer aus Mittel- und Osteuropa, warf über alle 27 Mitgliedsstaaten der EU das Verdikt der Sünder, wenn es bei Verhandlungen hart auf hart käme und nationale Interessen berührt würden. Eine wirklich demokratische EU malte Verheugen als Utopie, in der die Kommission als direktes Ergebnis der EU-Parlamentswahlen entstehen sollte. Merkel eine gute Europäerin? Ja! Muss man Opel retten? Nein!
„Wenn Sie bald Ihr Amt verlassen müssen…“ „Dürfen!“ „Dürfen?“ „Ja, weil ich mich auf die Zeit danach freue.“ „Aber es gibt doch die Vorstellung, dass Politik die Menschen süchtig macht?“ „Ach wissen Sie, ich habe das jetzt 40 Jahre gemacht, und ich kann sagen: Ich bin im positiven Sinne gesättigt.“ Krause und Verheugen im Dialog.
Gesättigt
Und dann war es vorbei. In der Manier von zwei Showmastern, die sich gegenseitig den Ruhm gönnen, standen die beiden Männer aufrecht am Rande der Bühne, wiesen strahlend mit dem Arm auf den anderen, genossen den Applaus. Das verbale Grillen war vollbracht, jetzt ging es raus zu handfesteren Genüssen. Bier und Wurst und Leberkäs unter freiem Himmel auf schotterbestreutem Garten. In einer schönen lauen Sommernacht.












