In diesen Tagen packen viele nach Belgien entsandte Deutsche, Österreicher oder Schweizer und natürlich noch mehr nicht deutschsprachige Mitarbeiter der EU-Kommission, aus Lobbybüros oder Schulen ihre Koffer. Die einen gehen, die anderen kommen. Was verlassen die einen, was dürfen die anderen erwarten? Einer, der gern gekommen, ungern gegangen ist und in Brüssel viel erlebt hat, gibt Auskunft.
Deutscher, kommst du nach Brüssel, erlebst du Neues, Überraschendes, Chaotisches, meist Angenehmes, manchmal Unerfreuliches. Du betrittst eine Insel, auf der inmitten von 1,5 Millionen Menschen unterschiedlicher Abstammung, Herkunft, Sprachen und Hautfarben auch einige Tausend Deutsche leben. Viele von ihnen leben dort richtig und dauerhaft, andere kommen und gehen schneller als Dir lieb ist.
Alle Sprachen dieser Welt
Spricht hier jemand Belgisch? Du hörst alle Sprachen dieser Welt, vor allem die europäischen, und wenn du in Flandern versehentlich Französisch redest, versteht dich niemand, und wenn du Deutsch oder Englisch oder Flämisch in der Wallonie sprichst, versteht dich auch niemand - und das alles in Belgien.
Schnell lernst du das belgische Leben lieben: den französischen Wein, die exzellente Küche einschließlich der Fritten, die Länge der Mittagspausen, den späteren Beginn der Arbeit (wegen der vielen Häppchen auf den zahllosen Empfängen des Vorabends) und vieles andere.
Aber hüte dich: Belgischer Gerstensaft kann viele Umdrehungen haben, also lies die Aufschrift auf Flasche oder Dose. Meide manches Viertel, wenn dir dein Auto und sein Inhalt lieb und teuer sind. Jammere nicht über die täglichen Staus, sondern nimm die Metro, und fluche nicht, wenn sie zweimal im Jahr dort streiken.
Ignoriere, wenn im Winter das Auto deines belgischen Nachbarn eine Viertelstunde warm läuft, während er noch das Frühstücksbrötchen schmiert – er ruiniert seinen Motor, nicht du. Und nutze die wenigen großartigen Wertstoffhöfe und erzähle über sie, denn nicht alle wissen davon, geschweige denn nutzen sie auch.
Akzeptiere, dass belgische Autofahrer mindestens so schlecht sind wie die deutschen, dass man rechts vor links sehr ernst nimmt, die Hupe und unfreundliche Gesten mit der Hand dir klar anzeigen, wenn du dich nicht an die Verkehrsregeln gehalten hast (zumindest nach Meinung deiner Partner im Straßenverkehr). Versichere dich gut, denn es gibt niemanden, der nicht einen Einbruch oder eine Sachbeschädigung am eigenen Leib erlebt hat. Gewöhne dich daran, alle ein bis zwei Monate nach Aachen zu fahren und dort all das einzukaufen, was dir Brüssel nicht bieten kann wie Brot, Schlagsahne, deutschsprachige DVDs und warme Unterwäsche.
Hohe Hecken
Freue dich über die hohen Hecken der Grundstücke, über und durch die das ganze Jahr niemand sehen kann – es erspart dir lästige Kommunikation, auf die man eher weniger Wert legt, und nimm das nicht persönlich, in Wanne-Eickel oder Burgkirchen an der Alz kann dir das auch passieren.
Du wirst dich in Brüssel wohl fühlen. Deutsche können so nett sein, wenn sie im Ausland sind. Sie helfen sich gegenseitig, sie reden miteinander, allen (oder zumindest den meisten) geht es materiell sehr gut. Natürlich wird oft gejammert, z.B. über all diese unglaublichen Dinge, die man in Brüssel, also mitten in Europa erleben kann, man lese also den vorherigen Absatz noch einmal und stelle fest, auf welch hohem Niveau man larmoyant sein kann.
Schöne Ziele
Und da Lärm und Gestank der Großstadt so grässlich sind und bei der Beschreibung des Wetters eine Skala von Grautönen ausreicht, muss man zum Ausgleich und gegen die Depression in unter einer Stunde ans Meer fahren, das man an der belgischen Küste nicht sieht, weil sie so schrecklich verbaut ist und den Niederländern deshalb klare Standortvorteile verschafft, oder nach London mit dem Zug (dauert aber ein bisschen länger) oder im Sommer mit dem Auto nach Frankreich. Das ist ganz ordentlich, weil man so schöne Ziele hat wie den Atlantik oder das Mittelmeer oder die Berge und weil man auch gut essen kann und auf der Rückfahrt noch französischen Wein mitnehmen.
Und wenn du das einige Jahre ausgehalten hast, stellst du fest, dass es eigentlich doch ganz schön war und du eigentlich doch am liebsten bleiben möchtest und eigentlich dein Arbeitgeber nicht nett zu Dir ist, weil er Dich nach Hongkong oder London versetzt – oder Dich wieder nach Hause holt. Und dann spätestens fließen die Tränen über die tolle Zeit in Brüssel.
Fotos: Johannes Wachter
Viereinhalb Jahre war Ulrich Beyer (51) Sachsens „Botschafter“ in Brüssel. Hier erlebte er die EU-Erweiterung mit, das Scheitern der Verfassung, das Feilschen um den Finanzrahmen 2007-2013, den Umzug des Sachsen-Büros in die Avenue d’Auderghem 67 und die deutsche Ratspräsidentschaft 2007. Am 1. Juli 2007 wurde der studierte Agraringenieur nach Sachsen repatriiert, wo er inzwischen in der Staatskanzlei die Abteilung 3 (Politische Planung, Außenbeziehungen, Medien) leitet.












