11. März 2010

Frisch frittiert

Es war zu erwarten, aber es ist bitter: Belgien hat keine einzige Medaille bei den Olympischen Spielen ergattern können. Der Eisschnellläufer Bart Veldkamp, Bronze über 5000 Meter in Nagano 1998, ist der letzte belgische Edelmetallträger. Seppe Smits, Snowboarder, konnte diesmal nicht antreten – auf ihm liegen nun alle Hoffnungen, dass Belgien in Sotschi besser abschneidet als in Vancouver.

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Porträts großbürgerlicher Extravaganz

Eine Ausstellung über Alfred Stevens in Brüssel

Von Ferdinand Dupuis-Panther

In Kooperation mit dem Amsterdamer Van-Gogh-Museum wurde im Brüsseler Museum für Schöne Künste eine Retrospektive konzipiert, die einen in den letzten Jahrzehnten fast vergessenen belgischen Künstler aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorstellt. In Brüssel geboren und teilweise ausgebildet, ging Alfred Stevens alsbald nach Paris, wo er den Rest seines Lebens verbrachte und seine größten Erfolge verzeichnete.

Die Welt des kleinen Mannes sowie die Auswirkungen der industriellen Revolution und die technologischen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts fließen in Stevens' Werk – ganz im Gegensatz zu Constantin Meunier – kaum ein. Vielmehr sind es die schönen, bisweilen auch neurotischen und depressiven Damen der großbürgerlichen Gesellschaft, die es Stevens angetan hatten. Man kann ihn mit Fug und Recht als einen Chronisten des mondänen Lebens seiner Zeit bezeichnen. Betrachtet man das Porträt, das Henri Gervex 1884 von Stevens gemalt hat, so sieht man einen ergrauten, distinguierten, in Schwarz gekleideten Herrn mit Zylinder und Gehstock. Er scheint ganz und gar in die Welt seiner elegant gekleideten Leinwanddamen zu passen.

Überreste eines Panorama


100 Arbeiten werden aktuell in zwei Sälen präsentiert: Dabei ist ein Saal ausschließlich den Studien, Zeichnungen und Fragmenten gewidmet, die Stevens gemeinsam mit Henri Gervex für ein Panorama anlässlich der Weltausstellung in Paris im Jahre 1889 geschaffen hatte. Es war ursprünglich ein 20 Meter hohes und 120 Meter langes Gemälde, das sich mit der Geschichte Frankreichs zwischen 1789 und 1889 befasst. Der Titel dieses Monumentalwerks, das nach dem Ende der Weltausstellung in 65 Teile zerschnitten wurde und zu großen Teilen heute verschollen ist, lautet „Panorama der Geschichte des Jahrhunderts“ und zeigt 660 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Politiker ebenso wie Schriftsteller und hochrangige Militärs. Stevens sind die dekorativen Elemente und die Porträts zu verdanken, Gervex die szenischen Arrangements. Wie das Panoramagemälde einst komplett ausgeschaut hat, können wir nur den 1889 entstandenen Fotogravüren entnehmen, die ebenso im Besitz des Königlichen Museums für Schöne Künste in Brüssel sind wie die geretteten Fragmente.

Im Mittelpunkt der aktuellen Schau stehen allerdings die elegant gekleideten Damen der Pariser Gesellschaft. Gleich beim Betreten der Ausstellung steht man einer in Gelb gekleideten Dame gegenüber, die in einer gekünstelten Haltung ihren Fächer vor ihre Stirn legt. Das vor ihr liegende Buch wird keines Blickes gewürdigt, ist Staffage. Worauf es in diesem wie auch anderen Gemälden ankommt, ist die schimmernde Hülle aus Seide und Tüll, die den weiblichen Körper umspielt.

Das Großbürgertum hat es „schwer“

Bei Stevens sind die Frauen sinnlich, leidend, überspannt, neurotisch, scheinen sich nach dem Liebsten zu sehnen, der so fern ist; sie sind wie in „Herbstblume“ in ein Korsett von Konventionen eingeschnürt; oder wie Georges Rodenbach es formulierte: „Juwelen aus Fleisch in einem Schrein“. Puppenhaft wirken die Porträtierten, so auch die Dame im zartgrauen bodenlangen Kleid, die vor einem grünen Paravent steht und einen Brief in der Hand hält.

Die Welt der Frauen ist das eigene Heim, nicht die Welt da draußen. Die Schattenseiten des Lebens sind in den Salons des Großbürgertums ausgeblendet. Die Damen der Pariser Gesellschaft haben genug damit zu tun, sich entsprechend herauszuputzen, ehe sie sich zu Klatsch und Tratsch treffen und wie in „Die Teestunde“ Hausmusik genießen. Sie haben nichts gemein mit der von bewaffneten Gendarmen aufgegriffenen Landstreicherin, die eines ihrer Kinder im Arm hält, während an ihrem Rockzipfel ihr weinender Junge hängt. Eine feine Dame reicht der Abgeführten in „Die Landstreicherin oder Die Jäger von Vincennes“ verschämt ihr Geldsäckchen. Doch an der Lage der Landstreicherin ändert das nichts. In „Kleines Gewerbe oder Zugestandene Bettelei“ (1857) wird das soziale Elend ebenso thematisiert wie in „Der kranke Musikant“ (1852). Diese Werke bilden jedoch im Gesamtwerk von Stevens die Ausnahmen.

Immer wieder Frauen

Frauen, Frauen und immer wieder Frauen in ihren prächtigen, kostbaren Kleidern sind es die Stevens ins rechte Licht rückte: leer ist der Blick der Dame mit Hochsteckfrisur und kostbarem Schmuck in „Verzweiflung“, ein Werk das ebenso präsentiert wird wie Stevens langhaarige blonde Maria Magdalena mit einem Totenschädel auf dem Schoß oder die schöne Salome mit ihrem sinnlichen Kussmund. Der Wahnsinn steht Stevens Lady Macbeth sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben, während Stevens Geigerin ihr Instrument lustlos spielt. Eine junge, am Tisch sitzende Witwe starrt ihr Spiegelbild an, als Amor unter dem Tisch hervor kriecht – ein Zeichen dafür, dass dem baldigen Liebesglück nichts mehr im Wege steht. Modell stand Stevens unter anderem seine Gattin, die er im Kindbett mit Töchterchen Katharina und als Stillende malte – ganz so wie das Frauenbild des 19. Jahrhunderts es vorsah.

Hinzuweisen ist zum Abschluss auf einige Seeblicke, die Stevens Sinn für das Licht besonders verdeutlichen, ob nun „Die Milchstraße“ oder „Mondschein über dem Meer“. Diese Arbeiten sind qualitätsvoll, an die Arbeiten französischer Impressionisten mit ihrem expressiven Malduktus und ihrem Sinn für das Lichtspiel reichen sie jedoch nicht heran. Die abwechslungsreich und rhythmisch gestaltete Ausstellung ist bis zum 23. August 2009 im Königlichen Museum für Schöne Künste in Brüssel zu sehen.

 

Ferdinand Dupuis-Panther

Erstellt oder aktualisiert am 14. Juni 2009.

 
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