Eine Woche ist es her. Eine Museums-Eröffnung als Happening: die Place Royale war für den Durchgangsverkehr gesperrt, nur Bus und Tram durften ganz langsam vorbeifahren. „Ceci n’est pas une inauguration“? Aber sicher doch! Alle Fenster aller Gebäude zum Platz hin waren mit blauen, weiß bewölkten Magritte-Himmeln verkleidet. Auf dem Platz surreale Installationen und Lebende Bilder nach Magritte-Gemälden mit unbeweglich dasitzenden Akteuren und passenden Requisiten. Besucher konnten sich ins Bild setzen und ablichten lassen.
Inzwischen wurden die Menschenschlangen gezähmt, wenn auch noch immer die Sicherheitsleute des Museums Besucher nur en bloc einlassen, damit die Schau-Räume nicht überfüllt werden. Die 30er-Jahre-Musik vom Pfingstwochenende ist aber nicht mehr zu hören.
Vorhang auf!
Das Jahr 2009 ist für Magrittefans ein Festjahr im doppelten Sinne: Das Jahr des ersten monographischen Museums in der Geburtsstadt des Künstlers und das Jahr des einhundertundzehnjährigen Geburtstages von René Magritte. Der Direktor der Königlichen Kunstmuseen, Michel Draguet, erwartet im Eröffnungsjahr mehr als eine halbe Million kunstinteressierte Besucher, danach hoffentlich noch mehr. Er spricht von einem Touristenmagnet für Brüssel und ganz Belgien.
Rund 250 Meisterwerke aus allen Schaffensperioden des Malers sowie Entwürfe, Zeichnungen und Skizzen, Fotos, Filme, biographisches Material und Briefe zeigt das neue Museum auf rund 2.500 Quadratmetern Fläche und auf fünf Ebenen. Die Ausstellungsstücke stammen aus den Königlichen Museen der Schönen Künste und aus Nachlässen von Magrittes Freundin Irene Hamoir Scutenaire und von seiner Frau Georgette Magritte. Es ist die weltweit größte Zusammenschau von Werken des größten aller belgischen Surrealisten. Die Umrüstung des des Hôtel Altenloh auf ein multimediales und interaktives Magritte-Zentrum hat mehr als 6 Millionen Euro verschlungen. Einen Großteil sponserte der belgo-französische Energiekonzern Suez. Das ist das bislang größte Fördervolumen der Suez-Gruppe für den Bereich Kunst!
Ein Denkmal für den Brüsseler Meister
Der belgische Surrealist René Magritte verbrachte beinahe sein gesamtes Leben in Brüssel. Hier starb er im Jahr 1967. Magritte gehört, laut Umfragen, zu den zehn bekanntesten Malern der Welt.
Aber hier an der Place Royale ist nichts ist so, wie es scheint. Erwarten Sie kein normales Museum, das die Biographie Magrittes aufbereitet. Hier spielt man mit surrealistischen Umkehrungen. Etwa die: der Parcours beginnt im obersten Stockwerk. Hier oben (übrigens mit einem fantastischen Ausblick auf Brüssel und – wenn man Glück hat – auf genau den Himmel, den Magritte so oft gemalt hat) wird der Künstler gleichsam geboren. Seine Anfänge und Aufbrüche, sein Wesen und seine Widersprüche werden von oben nach unten entwickelt. Denken Sie daran, wenn Sie ins Magrittemuseum gehen: „Ceci n'est pas une pipe“, dies ist keine Pfeife. Hier werden Sie konfrontiert mit dem Universum einer schwinde(l)nden Realität. Lernen Sie hier mit Magritte am Augenschein zu zweifeln!
Klug aufbereitete Dokumentationen und Informationen erscheinen im Wechselspiel mit Bildern, Grafiken, Zeichnungen und Filmen. Wandintarsien mit Magrittezitaten geleiten die Besucher zudem durch Magrittes Vorstellungswelten. Videoschirme (Schirm passt ja sowohl zu Magritte als auch zu Brüssel) zeigen vor jedem Stockwerk Filmsequenzen aus Magrittes Filmen oder aus Magrittes Leben. Die witzigen Magrittefilme zeigen mit mehr als nur einem Augenzwinkern, wie kolportiert Magritte das Leben (in Brüssel und anderswo) fand „Was ist der Surrealismus? Das ist ein Kuckucksei, das uns unter Mitwissen von René Magritte ins Nest gelegt wird“, sagte schließlich André Breton.
Täuschungen und Umkehrungen
Am Ende landet man im Keller. Und unter der Erde enden wir ja bekanntlich alle. Magritte liebte Täuschungen. Die Museumsmacher lieben es, mit Magrittes Täuschungen, Verrätselungen, und seinen poetischen Erkundungen ins Reich des Über-Natürlichen zu spielen. Umkehrungen der vordergründigen Wahrnehmung, Subversionen liebte Magritte auch. Die Museumsarchitektur spiegelt sein Universum der Poesie multimedial und multipolar wider. Kleine Gänge im Wechsel mit Sälen, Glasvitrinen, die Biographisches und Studien direkt mit dem zugehörigen Werk konfrontieren. Dazu ein interaktiver Saal, in dem die Kunstliebhaber virtuellen Zugriff auf das gesamte Magritte-Archiv haben. Alle Magritte-Fans und alle Magritte-Forscher der ganzen Welt dürfen ausflippen!
Tag und Nacht, aus Tag wird Nacht –
Was ist Tag? Was ist Nacht?
Eine der Inkunabeln des Museums, vor dem sich auch schon bei der Pressekonferenz alle Journalisten scharten, wird wohl Magrittes Werk aus dem Jahr 1954 werden: „L’Empire des Lumières“, zu Deutsch „Das Reich der Lichter“. Dieses Bild gilt sogar als das berühmteste Werk des Malers überhaupt. Unter einem taghellen Himmel ein nächtlicher Raum mit einem Haus, dessen linkes Fenster mit elektrischem Licht beleuchtet wird.
Die surreale Szenerie dieses täuschend „echt“ gemalten Bildes entfaltet sich für die Betrachtenden erst auf den zweiten Blick: „Im Reich der Lichter habe ich verschiedene Vorstellungen wiedergegeben, nämlich eine nächtliche Landschaft und einen Himmel, wie wir ihn am Tage sehen. Die Landschaft lässt an Nacht und der Himmel an Tag denken. Ich finde diese Gleichzeitigkeit von Tag und Nacht hat die Kraft zu überraschen und zu bezaubern. Ich nenne diese Kraft Poesie“, so Magritte über sein Bild.
Was ist Tag? Was ist Nacht? Was ist Wirklichkeit? Was ist Traum? Was ist Licht? Was ist Dunkelheit? Magritte zeigt uns mit seinem immensen Schatz malerischer Mittel die Dinge der wirklichen und banalen Welt zwar glasklar und fotografisch exakt, verwirrt sie aber mit seiner poetischen Logik, die alle Dinge in ein ganz neues Licht stellt und sie mit einer fantastisch-mythischen Magie auflädt.
Schwierig, ein solches Universum museal und didaktisch zu vermitteln... Brüssel wagt ... und schafft es! Wenngleich die Auswahl der Bilder nur wenige der weltbekannten Highlights Magrittes präsentiert, so führte es jedoch auf besondere Weise durch die verschiedenen Schaffens-, Denk- und Traumphasen dieses Brüsseler Künstlers.
Spannend ist, dass die Besucher den privaten Brüsselliebhaber Magritte kennen lernen, der stets von seinen engsten Freunden umgeben, ein genz normales bürgerliches Leben führte, so ganz ohne Allüren und Skandälchen. Stets elegant gekleidet war er, ging brav seinem Beruf als Illustrator nach, lebte fast ohne Fernweh und richtig bürgerlich in Jette, verreiste – wie jeder Belgier – an die Küste und trotzdem zeigen seine Werke ein surreales Universum, das allen Werten eines Otto Normalverbrauchers spottet...
Übrigens:
Obwohl Magritte einmal sagte, Kunst solle man nicht mit Kommerz verwechseln, leistet die Werbemaschinerie dem neuen Museum gigantische Hilfe. Sogar Thalys macht mit und schickt mit Magrittes Wolkentaubenzug (die bekannte „Wolkentaube“ aus René Magrittes Gemälde „Retour“ von 1940) Reisende von Köln über Aachen nach Brüssel und Paris!
Fotos: Johannes Wachter
Weitere Informationen:
Magritte-Museum am Brüsseler Kunstberg:
http://www.musee-magritte-museum.be/
Was es sonst noch im Magritte-Brüssel gibt:
Magritte-Stiftung: www.magritte.be
Magrittemuseum, im ehemaligen Wohnhaus des Malers, Rue Essegem 135, Jette: www.magrittemuseum.be
Lieblingskneipe der Brüsseler Surrealisten: La Fleur en papier doré
Rue des Alexiens/Cellebroersstraat 55, 1000 Brüssel
Schachkneipe von Magritte: Le Greenwich
Rue des Chartreux/Kartuizersstraat 7, 1000 Brüssel
„Der Himmel von Magritte“ – ein Wandgemälde im Théâtre des Galeries
Wandgemälde von Magritte im Brussels Meeting Centre (ab September 2009)












