18. März 2010

Frisch frittiert

Steuern, Arbeitsrecht, die belgischen Sprachprobleme können deutsche oder österreichische Investoren durchaus abschrecken, in Belgien Geld einzusetzen. Einem unsere Leser scheinen diese Themen zweitrangig zu erscheinen. „Könnten Sie mich bitte informieren, wie hoch die Telefongebühren von Belgien nach Deutschland zur normalen Geschäftszeit sind, da ich - wenn auch bisher noch vage - die Idee habe, mich in Belgien niederzulassen?“ fragt er. Wer schlägt einen Pfad durch den Anbieter-Dschungel? Was für ein Glück, dass es Skype gibt, guter Mann.

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Laufanlagen und Krachmaschinen

Kinetische Kunst in der Stiftung Verbeke

Von Ferdinand Dupuis-Panther

Zur Eröffnung katapultierte Michiel Van Overbeek Kruzifixe in den zum Gelände der Stiftung Verbeke gehörenden Weiher. Was wohl Papst Benedikt XVI. dazu gesagt hätte, hätte er von den Vorgängen in Kemzeke erfahren? Vision in Motion – Motion in Vision heißt die Ausstellung, die sich der kinetischen Kunst widmet und bis zum 16. November 2008 zu sehen sein wird. Dabei schien und scheint es gleichgültig zu sein, auf welche Weise die geschaffenen Objekte in Bewegung geraten, ob durch Naturkräfte, elektrischen Antrieb oder durch das Handanlegen des Publikums.

 

Die aktuelle Schau widmet sich dieser Kunstströmung, der in den 1950er und 60er Jahren der Durchbruch gelang; sie zeigt Objekte von Pol Bury, Raphael A. Opstaele, Danny De Vos, Jean Tinguely, Timm Ulrichs, Bram Vreven, Bosch&Simons, Stan Wannet und anderen belgischen, deutschen und niederländischen Künstlern. 

 

Hingucker

 

Kleinschalige Kunstwerke sind nicht unbedingt nach dem Geschmack von Geert und Carla Verbeke. Nein, raumgreifend müssen die Objekte sein, die gezeigt werden. Platz genug gibt es, nicht nur in einer „Industriehalle“ mit angeschlossener riesiger Cafeteria und Terrasse, sondern auch in den Gewächshäusern, in denen Palmengewächse gezogen werden. Hühner gibt es auf dem weitläufigen Gelände – und nicht nur die aus dem „Kosmopolitischen Hühnerprojekt“ von Koen Vanmechelen, sondern auch solche, die „Kunsteier“ legen, die in den Verkauf kommen. Kunst rund um den Weiher, aber auch entlang der Nationalstraße, die am Gelände vorbeiführt, sind die Hingucker für die, die in diesen Teil des Landes von Waas bei Sint Niklaas kommen.

 

Neben der permanenten Kollektion kann man zweimal im Jahr große Sonderausstellungen sehen. Auf diese legt Geert Verbeke besonderen Wert, da er seine Sammlungspräsentation auf Dynamik und nicht auf Statik ausgerichtet hat. „Menschen müssen immer wieder kommen wollen, weil es Neues zu sehen gibt. Die Insel Hombroich ist zu statisch. Da passiert nichts mehr. Wer einmal dort war, kennt die dort gezeigte Kunst“, verrät er im Gespräch.

 

Zum Konzept der Stiftung gehört, dass Künstler vor Ort arbeiten und in situ Kunst schaffen, so wie Stan Wannet, der nicht nur zwei sich bewegende, ausgestopfte Hasen an jeweils einen Schreibtisch gesetzt hat, sondern auch eine gigantische Hamsterlaufanlage entwarf. Wie in seinem „Hasenprojekt“ gibt es unter den Hamstern solche, die klug und mit Konzept agieren und andere, die unüberlegt und verstört in ihren Behausungen umherlaufen. Wer dabei an die Spezies Homo sapiens denkt und meint, Wannet habe eine Gesellschaftskritik mit Mitteln der Verfremdung formuliert, mag das denken. Doch derartige Überlegungen sind dem Niederländer eher fremd.

 

Windgesäusel und Krachmaschine

 

Im Außengelände spielt der Wind mit 72 gigantischen Bambusrohren, die sechs Meter hoch sind und am Ufer des Weihers ihren Platz haben. „Weltwindorgel“ nannte Raphael August Opstaele seine Arbeit, die der Wind zum klingen bringt. Wer im CasAnus des Ateliers van Lieshout übernachtet, das auf einer Insel im Weiher seinen Platz hat, der kann sich von dem „Windgesäusel“ in den Schlaf wiegen lassen. Derweil gleiten vier schwarze Schwäne über das Wasser, machen sich Rallen im Röhricht am Ufer zu schaffen, spielt der Wind mit den Seerosen und Weiden, krähen die Hähne aus dem „Kosmopolitischen Hühnerprojekt“ um die Wette. Motorengeräusch und Reifenabrieb dringen von der nahen Nationalstraße herüber und verfliegen allmählich.

 

In der Haupthalle bewegen sich die Objekte von Panamarenko („Portable Air Transport1“, 1961), Pol Bury („Perspektive mit Zylindern“, 1982/83) und Jean Tinguely („Bär“) leider nicht. Es sind Leihgaben und zu empfindlich, um sie in Bewegung zu setzen. 

 

Schüttel-, Hüpf- und Rüttelbewegungen

 

Doch laute Klangfarben durchdringen das Gebäude. Peter Bosch und Simone Simons, zwei in Spanien lebende niederländische Künstler, haben aus Sprungfedern und Transportkisten, die mit Backsteinen und Keramik sowie anderem Material gefüllt sind, eine gigantische Klangmaschine geschaffen. „Krachmaschine“ (1994-1996) könnte man zu dieser Installation auch sagen: 56 Kisten geraten dank Computerprogramm und eingebauter Motoren ins Hüpfen und mit diesen das Material in den Kisten. Je nach der Intensität der Schüttel-, Hüpf- und Rüttelbewegungen, die die Kisten vollführen, entstehen eigene Klangteppiche. Mehr an ein bizarres Flugobjekt, das sich beim Nähertreten in Bewegung setzt, erinnert Björn Schülkes „Luftgitarre #2“ (2008). Vom gleichen Künstler stammt „Thamatrope Deception“ (1995), eine kinetische Arbeit, die sich dem Phänomen der optischen Täuschung annimmt.

 

Im „Dynamischen Labyrinth“ stehen wir von Sjef Meijmans „Rundreisendem Steinchen“. Die Ironie und der Humor, mit denen der Künstler bei seinem Objekt zu Werke ging, sind beim Betrachten des sich langsam im Kreise bewegenden Steinchens nicht zu übersehen. Man muss an die Arbeit des Sisyphos denken, denn das Steinchen scheint nie irgendwo anzukommen. Stan Wannet schuf keinen gewöhnlichen Torso, sondern mit „Elektrischem Leben“ einen Maschinenmenschen der Gegenwart, der zu funktionieren hat. Als Ironisierung von Lärm und Schnelligkeit ist Hans Weyers und Klaas Borms „Bombermaschine“ zu verstehen, ein aus Holz gefertigter Rennwagen, der weder seinen Auspuff zum Röhren bringen kann, noch gar schnelle Runden dreht, sondern an Ort und Stelle verharrt. 

 

Hans Martin Wagner lässt hingegen seine skelettierte Ziege (siehe Titelbild) hektische Bewegungen ausführen. Doch vergeblich reckt sich das Tier nach der roten Rose, die vor seinen Füßen blüht. Schaumblasen steigen in einem Werk von Reinier Kranendonk  unaufhörlich auf. Es ist eine spezielle „Aufblaspuppe“, der wir gegenüberstehen. Dabei handelt sich nicht um die Ironisierung des Sexspielzeugs, das Frau Uhse vertreibt, sondern, so der Künstler, um einen Kranken, der der Intensivpflege bedarf, besteht er doch nur aus Luft, Wasser, Pflanzenteilen und Seife. Während noch der Schaum wächst und wächst, dreht sich langsam eine auf dem Kopf stehende Christusfigur, die Yvan Derwéduwé geschaffen hat. In einer Nische ragen aus einem Kasten zwei Hühnerkrallen heraus, die sich in Intervallen bewegen und nach dem Besucher zu greifen versuchen – dank sei Danny Devos.

 

„Let's be Happy“

 

Im Palmengewächshaus hat die „Welle“ von Zorro Feigl ihren Platz: Dicke Taue vollführen dank Motorkraft und Gestänge wellenförmige Bewegungen, fliegen in die Luft und landen in den Furchen des sandigen Untergrunds des Gewächshauses. Unweit von hier drehen sich modifizierte Bürsten einer Autowaschanlage. „Let's be Happy“ von Kristina Smidts gleicht tanzenden Ballerinas oder Wassernymphen in grell bunten Kostümen. Ein Gebilde aus spinnenbeingleichem „Ziehharmonikagestänge“ hebt und senkt sich: „Entfaltbare Landschaft“ nannte Wouter Decorte seine Arbeit, die von der Architektur eines Le Corbusier ebenso beeinflusst ist wie von Lego und Fischertechnik. Wie eine Achterbahn en miniature schaut inmitten der Palmengewächse „Lady Roller Coaster“ (2003) von Ian Gyselinck und James Vervenne aus.

 

Fazit: Die Ausstellung kommt ohne kunsthistorische Einführung und Erläuterung aus, ist sie doch sinnlich erfahrbar. Das Oh und Ah des Besuchers angesichts der ungewöhnlichen Objekte und des durchaus nicht alltäglichen Umfelds der Schau ist gewollt. Die Schau ist gelungen und sehr unterhaltsam, fehlt ihr doch glücklicher Weise der bohrende didaktische Zeigefinger, der sonst Kunstausstellungen begleitet. Also mein Tipp: Hinfahren, stauen, schauen, verweilen, neugierig sein, entdecken – und eine Nacht im CasAnus einplanen!

 

Vision in Motion – Motion in Vision
Verbeke Foundation
Geert & Carla Verbeke
Westakkers
9190 Kemzeke (Stekene)
Tel.: 0032-(0)3-789 22 07
Fax: 0032-(0)3-789 15 13

bis 16. November 2008
Öffnungszeiten
Do-So 11-18 Uhr
Eintritt
8 € / 7 € (60plus); 6 € (Studenten, Behinderte, Gruppen ab 20 Personen), gratis (Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre), Jaarabonnement: 20 €
info(at)verbekefoundation.com
www.verbekefoundation.com

Erstellt oder aktualisiert am 28. September 2008.

 
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