Artikel 4 der belgischen Verfassung sagt: „Belgien umfasst vier Sprachgebiete: das deutsche Sprachgebiet, das französische Sprachgebiet, das niederländische Sprachgebiet und das zweisprachige Gebiet Brüssel Hauptstadt. Jede Gemeinde des Königreiches gehört einem dieser Sprachgebiete an.“
Wer in Belgien den Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen auf die 178 Jahre seit der Gründung des Königreiches reduziert, greift zu kurz. Der Kampf um ein eigenes Idiom in Flandern begann schon vor 706 Jahren, genau am 11. Juli 1302.
Damals versammelten sich die Flamen gegen den Machtanspruch Frankreichs auf ihr Terrain, auf dem es schon damals eine blühende Tuchindustrie gegeben hatte. In seltener Einmütigkeit verteidigten flandrische Truppen, der Adel, Patrizier, Handwerker und Bauern ihre Freiheit gegen die hoch zu Ross anstürmenden Franzosen. In dem blutigen Kampf verloren 700 französische Ritter ihr Leben und die adligen unter ihnen ihre goldenen Rittersporen. Seitdem sprechen die Historiker von der „Goldenen Sporenschlacht“ oder der „Sporenschlacht von Kortrijk“, wo noch heute der Triumph gebührend gefeiert wird.
Der Sieg hatte aber offenbar den klaren Blick in die Zukunft getrübt. Denn trotz des überraschenden Erfolges bei Kortrijk mussten die Flamen in den folgenden Jahrhunderten erkennen, dass sie trotz des Wechsels zu anderen kontinentalen Obrigkeiten von den Französisch parlierenden Eliten immer mehr dominiert wurden. Das änderte sich auch nach der Ausrufung des Königreiches im Jahre 1830 nicht. Der noch junge belgische Staat wurde schon sehr früh mit internen Sprachenproblemen konfrontiert.
Minderwertig?
Die französische Sprache war Pflicht. Niederländisch wurde als „minderwertige Sprache“ angesehen. Zehn Jahre nach der Gründung des belgischen Staates wehrten sich die Flamen 1840 zum ersten Mal gegen die „Aufzwingung der französischen Sprache“. Doch erst 1873 kam es zum ersten Sprachengesetz mit der Gleichschaltung des Niederländischen im Justizbereich, ab 1878 im Verwaltungs- und ab 1883 im Unterrichtswesen. Damit war den Ansprüchen der Flamen jedoch noch lange nicht Genüge getan. Die Gründe dafür sind vielfältig.
Für heutige Begriffe unvorstellbar, und doch belgische Geschichte: erst 64 Jahre (1894) nach dem Beginn der Monarchie wurde das Wahlrecht nicht mehr nur den wohlhabenden Bürgern der frankophonen Bourgeoisie vorbehalten. Alle Männer mussten fortan wählen. Allerdings hatten diejenigen, die reich oder gebildet waren, mehrere Stimmen. Erst ab 1919 fielen diese Privilegien weg. Die Flamen hatten also fürderhin ihre eigenen Vertreter im Parlament. Sechs Millionen niederländisch- sprachigen Flamen stehen vier Millionen französisch- sprachige Wallonen gegenüber, dazwischen eine Million Brüsseler, die zu 85 Prozent Französisch reden.
Der Zorn der Flamen erreichte im Ersten Weltkrieg einen neuen Höhepunkt. Da die Offiziere der belgischen Armee ihre Befehle ausschließlich in französischer Sprache erteilten, die von den flämischen Soldaten nicht verstanden wurden, liefen sie oft ins offene Feuer und starben.
Sprachenstreit
Der nicht endende Sprachenstreit in Belgien muss also vor einem zeitlich weitreichenden Hintergrund gesehen werden. Die heutige Situation lässt sich wie folgt zusammenfassen:
- Die Amtssprachen Belgiens sind Niederländisch, Französisch und Deutsch. Die umgangssprachlichen Bezeichnungen Flämisch beziehungsweise Holländisch für die Sprache im nördlichen Belgien und den Niederlanden gelten als überholt und werden im modernen Sprachgebrauch durch Niederländisch ersetzt.
- Die Aufteilung Belgiens in vier Sprachgebiete (mit dem zweisprachigen Brüssel – Französisch und Niederländisch) wurde durch die Sprachgesetzgebung 1961/1963 beschlossen und durch die 1. Staatsreform 1968-1971 verfassungsrechtlich verankert.
- Die Europäische Union (EU) mit ihren 27 Mitgliedsländern verfügt über 23 Amtssprachen, darunter selbstverständlich das von 21 Millionen Europäern gesprochene Niederländisch.











