Der ehemalige deutsche Außenminister sagt: „Je mehr ich über den Holocaust lese, desto weniger verstehe ich.“ Trotzdem sprach Joschka Fischer mit Saul Friedländer über die millionenfache, industrielle Vernichtung der Juden Europas. Dan Diner moderierte das Gespräch am 11. Juni im Goethe-Institut Brüssels mit dem Thema „Der Holocaust im europäischen Gedächtnis – zur Zukunft der Erinnerung“. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hatte die Podiumsdiskussion organisiert.
Saul Friedländer ist ein israelischer Historiker und lehrt an der University of California. Für sein Werk „Das dritte Reich und die Juden“ wurde der Professor 2007 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Dan Diner, ein in Israel und Deutschland lebender Historiker, bemerkte zu Beginn der Diskussion: „Wir parlieren in Deutsch!“, obwohl nur einer der drei die deutsche Staatsbürgerschaft hat und die Sprache „kontaminiert“ sei – als Sprache der Täter.
Deutsche Verhältnisse
Friedländers Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere hat sich der Historiker immer intensiver mit dem Holocaust auseinandergesetzt. Fischer, Vertreter der deutschen Nachkriegsgeneration, beschrieb die bundesrepublikanischen Verhältnisse der 50er und 60er Jahre irgendwo zwischen „Davon haben wir nichts gewusst“ und „Darüber wollen wir nicht reden“.
Die Wende habe 1985 Richard von Weizsäckers Rede zum zum 40jährigen Gedenken an das Ende des 2. Weltkrieges gebracht. Der 8. Mai 1945 galt fortan auch bei den Konservativen als Sieg der Menschlichkeit und nicht länger als Niederlage der Deutschen. „Geschichtspolitik“ habe sich als Wort und Diskussionsfeld danach entwickelt, erklärte Fischer, es existiere so nur in der deutschen Sprache. Die Konsequenz: „Die Shoa ist konstitutiv für die Bundesrepublik“, habe Angela Merkel jüngst in Israel gesagt, berichtete Fischer und wertete: „Sie hat Recht! Auch wenn sie es vielleicht nicht so meint...“
1999 wurde diese Geschichtspolitik auf europäischem Boden konkret. „Nie wieder Auschwitz“ als Begründung für die Intervention auf dem Balkan. Zu Recht? Friedländer äußerte sich kritisch, Fischer: „Ich habe es einmal so begründet und ich würde es wieder tun – nur geschickter formulieren.“
Die europäische Dimension
Friedländer sprach über die kalifornischen Studenten, die seine Vorlesungen zum Holocaust hören. Eine heterogene Gruppe sei das, oft aus lateinamerikanisch und asiatisch geprägten jungen Menschen zusammen gesetzt, die aus ihren Bezugsländern ihre eigenen Leidensgeschichten mitbrächten. Und die gerade vor diesem Hintergrund die Shoa akzeptierten, Leiden aber nicht gegenseitig relativierten. Ein Modell für die EU?
Über die europäische Elite zwischen 1942 und 1945 fällt der Historiker ein vernichtendes Urteil: „Keiner von ihnen hat öffentlich gegen die Deportationen geschrien“. Somit hätten sie über die Ermordung von Millionen Juden geschwiegen. „Unfassbar!“, klagte Friedländer.
„ Aber vor einer daraus abgeleiteten europäischen Verantwortung“, sagte Fischer deutlich, „kommt die deutsche. Hitler war nicht Vorsitzender des Europäischen Rates, sondern deutscher Reichskanzler.“ Friedländer stimmte ihm zu: Wenn dies klar sei, könne über eine europäische Schuld geredet werden. Und über die Schuld anderer Nationen: „Ohne Franzosen und die französische Polizei wäre die deutsche – in Anführungsstrichen – Arbeit viel schwieriger gewesen“.
Für das Projekt Europa zog der ehemalige Außenminister die Konsequenz, dass die EU eine Werte- und keine Religionsgemeinschaft sein müsse. Friedländer pflichtete ihm bei, gerade die christliche Mehrheit habe die Juden immer als fremd betrachtet, und „dadurch wurde den Deutschen die Shoa in ganz Europa leicht gemacht“. Statt eines Gottesbezuges in einer europäischen Verfassung sähe Fischer lieber garantierte, unveräußerliche Menschenrechte, die zusammen mit Demokratie und Justiz die Säulen der EU bilden müssten.
Und in Belgien?
Aus Belgien wurden während der deutschen Besatzung 24.916 Juden deportiert. Prozentual zur Anzahl der Juden im Land lag die Todes-Rate jedoch weit hinter beispielsweise den Niederlanden. Friedländer führt dies unter anderem darauf zurück, dass in Belgien ein mehr religiös aufgeladener Antisemitismus vorherrschte und dass die Juden in Belgien oft geflohene Arbeiter und Kommunisten waren, die sich organisierten und verteidigten.
Dass dieser Teil der belgischen Geschichte noch nicht vollständig aufgearbeitet ist, zeigte sich an den Redebeiträgen aus dem Publikum. Die Aussage eines ULB-Professors, in Belgien habe keiner den Deutschen geholfen – „außer der Bürgermeister Antwerpens und die anderer, gewisser Städte“ –, wurde von einem Antwerpener gekontert: „L'ULB lui-même a collaboré !“, die Brüsseler Uni habe doch selber kollaboriert. Plötzlich war sie da, die belgische Debatte über den Holocaust. Sie wird nicht auf Deutsch geführt werden können.











