11. März 2010

Frisch frittiert

Es war zu erwarten, aber es ist bitter: Belgien hat keine einzige Medaille bei den Olympischen Spielen ergattern können. Der Eisschnellläufer Bart Veldkamp, Bronze über 5000 Meter in Nagano 1998, ist der letzte belgische Edelmetallträger. Seppe Smits, Snowboarder, konnte diesmal nicht antreten – auf ihm liegen nun alle Hoffnungen, dass Belgien in Sotschi besser abschneidet als in Vancouver.

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„Die Belgier können groß denken“

Margareta Hauschild im Gespräch mit Rudolf Wagner

 

Frage: Frau Hauschild, gibt es eigentlich irgendwo im Goethe-Institut ein Exemplar vom "Faust"?

Hauschild: Im Goethe-Institut Brüssel?

Ja.

Hauschild: In meinem Büro steht er zwar nicht. Aber ich denke, dass es im Lehrerzimmer, im Bereich Spracharbeit sehr wohl ein oder sogar mehrere Faust-Exemplare gibt. Warum fragen Sie?

Ich wollte nur mal wissen, wie es um das Wohlbefinden der guten deutschen Literatur bei Ihnen bestellt ist. Nach all den wilden Diskussionen um die Abschaffung der Bibliothek.

Hauschild: Das tut immer noch weh, auch, wenn es jetzt schon vier Jahre zurückliegt. Zumal das Goethe-Institut 1959 ja nicht als Goethe-Institut, sondern als Deutsche Bibliothek in Brüssel gegründet worden ist.

Aber ist es nicht eigentlich unmöglich, dass eine Stadt wie Brüssel, die mittendrin steht im europäischen Geschäft, keine wirkliche deutsche Bibliothek anzubieten hat?

Hauschild: Sie werden es kaum glauben, aber das war gerade einer der Gründe, weshalb wir die Bibliothek geschlossen haben. Wir sind hier im Europaviertel umgeben von den europäischen Institutionen – Rat, Parlament und Kommission – und die haben alle sehr gut ausgestattete Bibliotheken.

Nur hat das breite Publikum zu diesen Bibliotheken keinen Zugang.

Hauschild: Da müssen wir uns über die Zielgruppen unterhalten und über die Problematik, vor der die Goethe-Institute vor ein paar Jahren standen.

Sie meinen die Sparzwänge?

Hauschild: Richtig. Die Bibliothek ist 2005 geschlossen worden zu einer Zeit, als das Goethe-Institut in Europa sehr große Einbußen hinnehmen musste. Es gab ja sogar Überlegungen, Institute ganz zu schließen. Doch dann hat man gesagt: Wir schließen nicht, dünnen aber das Netzwerk aus. Was heißt, dass an verschiedenen Orten, wo bisher das ganze Programm der Goethe-Institute angeboten wurde, man sich künftig auf Schwerpunkte beschränkt. In Lille macht man heute zum Beispiel fast nur noch Filmarbeit, Bordeaux hat die Spracharbeit zurückgefahren. In Brüssel hat man entschieden, die Bibliothek zu schließen, dafür aber die Spracharbeit und die Kulturarbeit zu erhalten.
 
Weil Ihre Zielgruppen das so nahe legten?

Hauschild: Genau. Für das Brüsseler Goethe-Institut gibt es ganz grob gesehen zwei Zielgruppen: die Mitarbeiter der europäischen Institutionen und die Belgier. Da die „Europäer“ durch die Institutionen schon gut eingedeckt waren mit Bibliotheken…

… dürfen die Belgier in die Röhre schauen.

 

Hauschild: Das stimmt so nicht, denn was hat ein Deutschlehrer aus Kortrijk oder aus  Arlon von einer Bibliothek in Brüssel, die er nicht erreichen kann? Doch es gibt eine Zielgruppe, für die es mir wirklich Leid tut, und das ist die Zielgruppe der Studenten. Es gibt in Belgien viele Deutsche, es gibt die deutsche Vertretung, es gibt ja auch sehr viele deutsche EU-Beamte, und denen stehen Bibliotheken zur Verfügung. Und wir sollten auch jetzt nicht sagen, dass wir eine Bibliothek erhalten für Kinder und Jugendliche von Deutschen, die hier leben. Das wäre aus meiner Sicht falsch. Da würden Steuergelder nicht gut verwendet.

 

Ich finde, diese ganze Geschichte ist so schön symptomatisch für den tiefgreifenden Wandel, den Sie in Ihrer Zeit in Brüssel miterlebt haben. Angefangen haben Sie als Leiterin eines Kulturinstituts, heute sind Sie Chefin eines Beschaffungszentrums von EU-Geldern.

Hauschild: Da widerspreche ich vehement. Es ist wichtig, die Kollegen der Goethe-Institute weltweit darin zu unterstützen, europäische Projekte im Bereich Bildung und Kultur, in Zusammenarbeit mit europäischen Partnern, zu planen und durchzuführen. Hier spielt die Zusammenarbeit mit anderen europäischen Kulturinstituten eine wesentliche Rolle und selbstverständlich bewerben wir uns auch um EU-Fördermittel. Das Goethe-Institut möchte als deutsches Kulturinstitut zu einer besseren Kooperation zwischen europäischen Kulturinstitutionen beitragen.

 

Die Anbindung an das Auswärtige Amt hat Sie also nie sonderlich behindert? Kunst will ja eigentlich immer frei sein.

Hauschild: Da gibt es natürlich das Für und Wider, vor allem, weil es andere Stellen beim Bund gibt, wo mehr Geld für auswärtige Kulturarbeit zur Verfügung steht. Doch letztlich ist das eine praktische Überlegung. In bestimmten Ländern außerhalb der EU können wir nur arbeiten dank einer engen Kooperation mit dem Auswärtigen Amt, wenn es zum Beispiel um Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen geht.

Was für Belgien ja nicht gilt, weil die deutsch-belgischen Beziehungen auf kulturellem Niveau exemplarisch sind. Ist doch noch so, oder?

Hauschild: Das fragen Sie lieber die belgischen Spezialisten. Wir als Deutsche haben ja immer eine Vorstellung dessen, was wir mit der Arbeit des Goethe-Instituts erreichen wollen. Auch, wenn da die Meinungen auseinander gehen. Wichtig für eine qualitative Bewertung finde ich jedoch im Zielland zu fragen, wie dort unsere Arbeit gesehen wird. Für Belgien konkret: Ob das Goethe-Institut Brüssel noch seiner Aufgabe nachkommt, ein Begegnungszentrum zu sein und ob wir der Aufgabe nachkommen, außerhalb des Hauses deutsche Kultur nach Belgien zu tragen. Ich glaube, die Antworten würden überraschen.

Was war der Höhepunkt Ihrer Zeit beim Goethe-Institut Brüssel?

Hauschild: Da gibt es mehrere. Stolz bin ich darauf, dass wir den Informationsdienst über die europäischen Programme und Möglichkeiten der Kofinanzierung für alle Goethe-Institute weltweit auf die Beine gestellt haben. Und er funktioniert so gut, dass ich ihn mit ruhigem Gewissen jetzt meinem Nachfolger überlassen kann. Weiter freue ich mich, dass wir es in den Jahren der finanziellen Knappheit geschafft haben, dank europäischer Projekte trotzdem ein tolles Kulturprogramm anzubieten, obwohl wir nur sehr bescheidene Mittel hatten. Natürlich war auch die deutsche EU-Ratspräsidentschaft ein Höhepunkt mit unserem Leuchtturm-Projekt auf dem Schuman Platz, der Installation „Mehr Licht!“ von Anny und Sibel Öztürk.

Wenn Sie jetzt bald nach Madrid wechseln: Welche positiven, welche negativen Eindrücke von Belgien nehmen Sie mit?

Hauschild: Ich bewundere hier die Dinge, die man woanders nicht findet. Die Belgier können trotz ihres kleinen Landes und der drei Sprachengemeinschaften groß denken, großartige Dinge auf die Beine stellen. Und sie sind tolerant. Ich bewundere, dass in Belgien während der deutschen Besetzung im 2. Weltkrieg mehr Juden als in anderen von Deutschland besetzten Gebieten gerettet wurden.

 

•¤•

 

Margareta Hauschilds Tage in Belgien sind gezählt. Seit knapp acht Jahren leitet sie das Goethe-Institut Brüssel, prominent gelegen mitten im Europaviertel. 50 Jahre besteht das Aushängeschild deutscher Kultur in Belgien bald, und den dazugehörigen Feierlichkeiten fiebert Hauschild schon mit angespannter Freude entgegen. Doch es wird eine ihrer letzten Aktivitäten in Brüssel sein. Ab September soll sie in der spanischen Hauptstadt die Geschicke des dortigen Goethe-Instituts leiten.

Erstellt oder aktualisiert am 04. März 2009.

 
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