Diesen Monat wird zur Frankfurter Buchmesse der Deutsche Buchpreis 2008 verliehen. Die Organisatoren veranstalteten dazu mit jedem der sechs Nominierten eine Blind Date-Lesung: sechs Städte wurden ausgewählt, der oder die Autorin aber erst im letzten Moment bekannt gegeben. Iris Hanika stellte ihr Buch „Treffen sich zwei“ in einer Veranstaltung des Goethe-Instituts in der Permekebibliothek in Antwerpen vor, das neben Rom der einzige ausländische Veranstaltungsort war.
Die Stimmung ist düster an diesem Abend. Dem Auditorium der Bibliothek fehlt die angenehme Atmosphäre einer Buchhandlung und die höchstens zwei Dutzend Besucher verlieren sich im Saal. Der geringe Zuschauerzuspruch mag eine Enttäuschung für alle gewesen sein, die Anwesenden werden dafür mit viel Liebe fürs Detail über die Gedanken zweier frisch Verliebten belohnt, so dass man sie sich lebendig vor den eigenen Augen vorstellen kann.
Liebesgeschichte in Berlin
In dem in Berlin-Kreuzberg spielenden Roman geht es um die Liebesgeschichte von Senta und Thomas. Sie treffen sich abends an der Bar. Liebe auf den ersten Blick. Die drei Buchausschnitte, die Hanika vorliest, behandeln die ersten drei, vier Tage des Kennenlernens zwischen den beiden Protagonisten. Der rote Faden, der sich durch das Buch zieht, ist dabei die Plastizität, mit der die Autorin Gefühle und auch die Umgebung beschreibt.
Diese ersten Tage spielen im Sommer. Hanika vermittelt die Stimmung der Jahreszeit, so dass man sich die warmen Temperaturen wieder herbeisehnt. „Ein großes Innehalten ist der Sommer im August.“ Dies ist das Thema des ersten Buchauschnitts. Es gäbe keine Dunkelheit mehr, die Tage wären lang und scheinend. Der Sommer sei eine große Pause im August, eine Tür ins Paradies – oder ins Bett; jedenfalls für Senta und Thomas.
Ernüchterung am Morgen
Der Gegensatz ist das Thema des zweiten Buchausschnitts. Es geht um den Moment des Wiedersehens am zweiten Abend. Für Senta ist der Anblick von Thomas eine erste Ernüchterung: „sie war definitiv nicht mehr online.“ Thomas hingegen ist von dem Augenblick, in dem er sie auf der gegenüberliegenen Straßenseite sieht, erregt: „Er hat den Magneten eingeschaltet, der ihn zu ihr hinzog.“ Doch es kommt die Ernüchterung, als er ihren Gesichtsausdruck und Körperhaltung erkennt: „Ihm wurde kalt. Ihr war schon kalt.“ Das Wechselspiel zwischen positiven und negativen Gedanken, die Zweifel und Hoffnungen beider Charaktere ziehen dabei in den Bann.
Rational gegen Irrational
Die Gegensätze kommen direkt ins Spiel, zwischen Senta, in der Galerie arbeitend, und Thomas, dem Systemberater. Die gefühlvollere Senta erkennt ihren Fehler, und will ihn wieder gut machen. Die Wiederholung der Szene endet erfolgreich im Lachen der beiden und den Gedanken, warum denn alles so kompliziert sein müsse. Es endet gut, und die beiden verbringen auch die nächsten Tage in trauter Zweisamkeit.
Ob nur die erste Begegnung der beiden Verliebten positiv endet, oder auch das gesamte Buch, darf jeder Leser für sich selbst herausfinden. Der Leser würde sich langweilen, wenn er keine Verbindung zu den Charakteren aufbauen kann. Doch genau das gelingt Iris Hanika. So gesehen war die Dunkelheit des Veranstaltungsortes nicht schlecht: man war ungesehen mit seinen Gedanken allein, und konnte sich die eigenen Verhaltensweise ungeniert durch den Kopf gehen lassen - und mit denen von Senta und Thomas vergleichen. Man versetzt sich leicht in die eigenen Erinnerungen erster Verabredungen oder Begegnungen und der damit zusammenhängenden Achterbahn der Gefühle. Wieso habe ich nicht geflirtet? Mag sie mich? Fazit: Raus aus der Wohnung, und den Selbstversuch anwenden, oder auf der Couch lümmeln und das Buch zu Ende lesen.
"Treffen sich zwei" von Iris Hanika ist im Verlag Droschl erschienen, Graz 2008. 238 Seiten, 19 Euro.












