Brechend voll war der Saal des Brüsseler Goethe Instituts, als der deutsche Schriftsteller Günter Wallraff am 21. September 2011 das Buch "Leben ohne Mindestlohn. Arm wegen Arbeit" vorstellte. Der Autor ist international als Begründer der verdeckten Recherche unter angenommener Identität bekannt und hat in einigen Ländern Mitstreiter gefunden, die seine Arbeitsweise übernommen haben.
Mitherausgeber sind Frank Bsirske, Vorsitzender der Gewerkschaft ver.di und Franz-Josef Möllenberg, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. In dem Buch kommen "Niedriglöhner", Leiharbeiter und "Aufstocker" zu Wort, d.h. Arbeitnehmer, die wegen ihres geringen Einkommens zusätzliche Hilfe beantragen müssen, um eine "Grundsicherung" zu erreichen.
Auf gemeinsame Einladung des Brüsseler Büros des Deutschen Gewerkschaftsbundes und des Goethe-Instituts war eine internationale, überwiegend deutschsprachige Zuhörerschaft versammelt. Der flämische Journalisten Michel Vandersmissen stellte die Fragen an Günter Wallraff. Die Tageszeitung "De Standaard" hatte Ende Mai dieses Jahres sein Interview mit Wallraff unter der Überschrift "Deutschland ist sicher kein Vorbild für Belgien" veröffentlicht und damit eine Debatte angestoßen.. Wallraff war in der Zeitung damit zitiert worden, dass durch die deutsche Sozial- und Wirtschaftspolitik viele "in der Scheiße" gelandet seien.
Gemeinschaftsunternehmen DGB und Goethe-Institut
Überwältigt war Dr. Berthold Franke, der Leiter des Brüsseler Goethe-Instituts, von dem Publikumsinteresse an diesem Gesprächsabend. Für ihn ist Wallraffs Thema Gerechtigkeit - Gerechtigkeit darin, was den Menschen widerfährt und wie darüber berichtet wird. Wallraff "leuchtet seit vierzig Jahren die dunklen Ecken Deutschlands aus", meint auch Gloria Müller, die Leiterin des Brüsseler Verbindungsbüros des Deutsachen Gewerkschaftsbundes.
In Deutschland als einem von sieben Mitgliedstaaten der Europäischen Union gibt es keinen Mindestlohn. Wie Gloria Müller unterstreicht, gibt es einen Mindestlohn zwischen 6,53 und 13 Euro in zwölf Branchen. Als allgemeinen Mindestlohn fordern die deutschen Gewerkschaften 8,50 Euro pro Stunde. Wallraff unterstützt diese Aktion tatkräftig, und das Buch gehört dazu.
"Ich habe nichts anderes gelernt"

"Warum machen Sie das?" fragt Michel Vandersmissen den Autor und erhält die Antwort "Ich habe nichts anderes gelernt. So kann ich mich nützlich machen und Veränderungen erreichen." „Und wie machen Sie das?" Wallraff berichtet, wie ihn 1962 die Bundeswehr drangsaliert hat, weil man ihn, den Pazifisten nicht als Kriegsdienstverweigerer anerkennen wollte. Schließlich landete er in der geschlossenen Psychiatrie des Bundeswehrlazaretts in Koblenz. "Abnorme Persönlichket, für Krieg und Frieden untauglich", lautete das Urteil der Psychiater. Immerhin - Wallraffs Akten werden im neuen deutschen Armee-Museum in Dresden, wo auch die Skandale aufgearbeitet werden, ihren Platz finden.
Kein Borat und kein Michael Moore
Auf Vandersmissens Frage berichtet der Autor über seine Angst vor Enttarnung, die ihn bei seinen Undercover-Aktionen stets begleitet hat. Er übernahm die Identität der Dargestellten, dachte und träumte sogar wie sie. Ein Autohändler in Ostdeutschland, den er als Schwarzer traf, sagte ihm sofort: "Herr Wallraff, ich kenne Sie". Erkannt hatte er ihn nicht am Aussehen, sondern am rheinischen Tonfall. Aber verraten hat er ihn nicht.
Den Vorwurf der Verallgemeinerung und Übertreubung nimmt Wallraff nicht an. Ihm geht es um seine subjektive Sicht, er provoziert nicht. "Ich bin kein Borat und kein Michael Moore",
Eine neue Stiftung
Viele Menschen, die gemobbt und drangsaliert werden, wenden sich persönlich an den Autor. Sie erhalten Hilfe durch moralische und anwaltliche Unterstützung. Mit Honoraren hat Wallraff eine neue Stiftung gegründet, um junge Autorinnen und Autoren zu fördern, die seinem Modell folgen. Auch die Veröffentlichung soll gefördert werden. Die Rolle der Öffentlichkeit. Sie ist für Wallraff "der Sauerstoff der Demokratie". Die direkte Ansprache von Unternehmen ist oft erfolgreich - nichts fürchten sie mehr, als dass über ihre illegalen, rechtswidrigen Aktionen gegen Arbeitnehmer berichtet wird.
Wallraff ist nicht verwundert, dass Deutschland ein Auswanderungsland geworden ist und beispielsweise Bürger türkischer Herkunft in die Türkei zurückgehen. "Es wird sich Grundlegendes ändern müssen", meint er. Man müsse Deutschland attraktiver machen. Ein Einwanderungsgesetz wie in Kanada wäre notwendig. Wichtig für Wallraff in Brüssel: Im gemeinsamen Europa sollte man nicht auf andere herabblicken, sondern von anderen lernen.
Fotos: Johannes Wachter
Das Buch
Günter Wallraff, Frank Bsirske, Franz-Josef Möllenberg (Hrsg.)
Leben ohne Mindestlohn. Arm wegen Arbeit
VSA Verlag Hamburg 2011
Goethe-Institut
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