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Von  Christoph Niekamp

Verachtet und beneidet

Ein Loblied auf Brüssels Bürokraten

Wer sind diese EU-Bürokraten, diese Beamten neuen Typs, die wir Eurokraten nennen? Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse flog nach Brüssel, nahm sich eine Wohnung und versuchte, möglichst viele von ihnen kennenzulernen. Was er erlebte, warf all seine Vorurteile über den Haufen.

„Der Beamte ist privilegiert und dabei weltfremd wie ein dekadenter Aristokrat; behäbig und verbohrt wie der Kleinbürger; regulierungssüchtig wie ein Arbeitnehmervertreter, dabei so arbeitsscheu wie ein Lumpenproletarier; engstirnig und dabei auf hinterhältige Weise schlau wie ein Bauer“, stellt Robert Menasse die Vorurteile gegenüber Staatsdienern zusammen. Eine Kunstfigur, die auch durch eigene Erfahrungen nicht ausgelöscht wird. Denn es gibt keinen anderen Berufsstand, zu dem mehr als zwei Drittel der europäischen Bevölkerung in einem engen familiären Verhältnis steht.

 

Verachtet und beneidet

Für Menasse ein weiteres Paradoxon: Eine Eurobarometer-Umfrage aus dem Jahr 2010 zeigt, dass 72 Prozent der Befragten eine „sehr negative“ oder „eher negative“ Meinung von Beamten haben. Trotzdem halten es zugleich 60 Prozent für „sehr erstrebenswert“, Beamter zu sein. „Der Beamte ist also in der gesellschaftlichen Fantasiewelt tatsächlich ein Unikum: Er wird von der Mehrheit gleichermaßen verachtet wie beneidet.“ resümiert der Österreicher.

Robert Menasse beschloss einen Roman zu schreiben, dessen Hauptfigur ein Beamter der Europäische Kommission sein sollte. Ein typischer Protagonist als Beispiel unserer Epoche. Genauso wie Tolstois „Anna Karenina“ oder Fontanes „Effi Briest“ Abbilder ihrer Zeit darstellen, wollte Robert Menasse seinen Roman dort spielen lassen, wo die „wirklichen und wirksamen Rahmenbedingungen unseres Lebens hergestellt“ würden.

Also flog er nach Brüssel, nahm eine Wohnung und versuchte in den darauffolgenden Wochen und Monaten, so viele Eurokraten wie möglich kennenzulernen, mit ihnen zu reden und bei ihrer Arbeit zu beobachten. Dabei überraschten die EU-Beamten den Schriftsteller immer wieder aufs neue und zerstörten seine alten Vorurteile.

 

Eurokraten überraschend sparsam, offen und humorvoll

Erste Überraschung: Die Kommission ist eine offene und transparente Institution. Menasse fand offene Türen vor und auskunftsbereite Beamte. Zweite Überraschung: Die Brüsseler Bürokratie ist extrem sparsam und bescheiden. Die Arbeitszimmer der Beamten sind funktional ohne unnötigen Luxus eingerichtet. Dritte Überraschung: Die Brüsseler Bürokratie ist unglaublich billig. Für die Verwaltung eines ganzen Kontinents haben die EU-Institutionen zwei Prozent des europäischen BIP zur Verfügung. Weitere Überraschung für den österreichischen Schriftsteller: Die Beamten zeigen sich locker und humorvoll, befreit von nationalen Zwängen.

Robert Menasse stimmt ein Loblied auf die Brüsseler Eurokraten an, die ihre Position nicht druch Seilschaften oder Parteimitgliedschaft erobert hätten, sondern durch ihre Qualifikationen. Von jährlich bis zu 30 000 Bewerbern bekommen nur etwa hundert eine Stelle in den EU-Institutionen.

 

Internationale Vielfalt als Stärke

Und diese hundert kommen aus allen Teilen Europas. Alle besitzen eine andere Muttersprache, einen anderen sozialen Hintergrund und andere Lebenserfahrungen. Genau diese Vielfalt sei die Stärke der Brüsseler Bürokratie, klärt ein britischer Beamter Robert Menasse auf. Diskussionen dauern so zwar oft tagelang, doch der Kompromiss am Ende basiere auf vielen verschiedenen Meinungen. Was davon schließlich bei den Menschen in Europa ankomme, liege aber ganz in der Hand der nationalen Medien.

Foto: Archiv


Erstellt oder aktualisiert am 29. Mai 2012.
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