Richard Wagner, seine Musik und seine Nachfahren strahlen eine ungebrochene Faszination auf die Musikwelt und die Öffentlichkeit aus – auch in Brüssel. Diese Erfahrung konnte die Urenkelin des umstrittenen Komponisten, Dr. Nike Wagner, dieser Tage bei einem Auftritt in der Brüsseler Oper „La Monnaie“ machen. Nike stand nicht auf der Bühne, sondern sie sollte auf Einladung der Oper und des Goethe-Instituts anlässlich der aktuellen Inszenierung das Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ sachkundig kommentieren.
Assistiert wurde sie dabei von dem belgischen Schriftsteller Jacques de Decker, von dem soeben eine zunächst nur in Französisch vorliegende Biographie Richard Wagners erschienen ist. Das Gespräch in dem mit über 300 Zuhörern vollbesetzten großen Probenraum der Oper wurde vom Dramaturg des Hauses, Christian Longchamps, exzellent moderiert. Nike Wagner, die seit 2004 das Kunstfest „Pèlerinages“ in Weimar leitet, konnte dabei ihre perfekten französischen Sprachkenntnisse anbringen.
Das Gespräch der drei Wagner-Kenner ging dabei weit über die Inszenierung an der Monnaie hinaus. Die Urenkelin und Jacques De Decker konnten etliche bisher unbekannte, für den Komponisten nicht immer schmeichelhafte Aspekte beisteuern. So wäre Wagners Erfolg ohne die zahlreichen Freunde und Gönner nicht möglich gewesen. Da sind vor allem Franz Liszt, Friedrich Nietzsche, der Dirigent Hans von Bülow und der Architekt Gottfried Semper zu nennen. Seinen größten Bewunderer und Mäzen hatte Wagner jedoch in dem bayerischen König Ludwig II. Trotzdem war der Komponist – der das schöne Leben und die Frauen liebte – immer in finanziellen Nöten, so dass er sogar vor seinen Gläubigern flüchten musste.
Der Meister mochte „seine Belgier“
Nach Jacques De Decker gab es schon zu Wagner Lebzeiten einen sehr aktiven Freundes- und Fördererkreis in Belgien, ebenso in Frankreich. Aus beiden Ländern kamen größere Spenden für das ab 1872 in Bau befindliche Festspielhaus in Bayreuth. Der Meister schien ein Faible für seine belgischen Fans zu haben, denn er sprach von „seinen Belgiern.“ Für Jacques De Decker war dies die Zeit des „Wagnerisme“ in Belgien und Frankreich. Der Schriftsteller sieht in dem monumentalen Brüsseler Justizpalast übrigens ein „wagnerianisches“ Gebäude. So eine Ansicht hatte man bisher noch nicht gehört, viele Zuhörer waren doch überrascht.
Auch der Vater von Nike Wagner, der geniale Regisseur und Erneuerer von Bayreuth, Wieland Wagner, hatte offenbar eine Schwäche für die Brüsseler Oper.
Er inszenierte mehrfach an der „Monnaie“, und nicht nur die Kompositionen seines Großvaters Richard. Dazu Tochter Nike: „Man isst bekanntlich so gut in Brüssel.“
Wieland Wagner starb im Jahre 1966 in noch jungen Jahren. Sein Bruder Wolfgang leitet bis vor zwei Jahren alleine das Wagner-Imperium in Bayreuth, er überlebte Wieland um über 40 Jahre. Vor seinem Tode hat er seine Nachfolge so geregelt, dass heute seine beiden Töchter (Halbschwestern) Eva und Katharina die Festspielleitung inne haben. Die Cousine Nike Wagner hatte sich auch beworben und zusammen mit Gérard Mortier ein originelles Zukunftsprojekt vorgestellt. Letzten Endes hatte sie aber keine Chance.
Zu der Brüsseler Inszenierung des „Parsifal“ konnte sich Nike noch nicht äußern, da sie die Aufführung nicht gesehen hatte. Sie meinte aber, dass gerade der „Parsifal“ jungen Regisseuren viel Raum zur Entfaltung lasse. Von dieser künstlerischen Freiheit hat der Regisseur der laufenden Inszenierung, Romeo Castellucci, schon mal reichlich Gebrauch gemacht.
Richard Wagner hatte bestimmt, dass der „Parsifal“ nur in Bayreuth aufgeführt werden dürfe. Der Grund liegt in der beschränkten Akustik in Bayreuth. Dort ist der Orchestergraben überdacht, so dass die Musik nur nach vorne abstrahlt. Es entstehe so der für den „Parsifal“ typische Mischklang, meinte Nike Wagner. Adolf Hitler, der mit Siegfried und seiner Frau Winifried Wagner eng befreundet war, mochte zwar die Musik des „Parsifal“, nicht jedoch den mystischen und religiösen Text. Er wollte daher von seinem Ideologen Rosenberg einen anderen Text schreiben lassen; dazu kam es dann aber doch nicht mehr.
Bayreuth als Mutter aller Festspiele
Die Brüsseler Oper und das Goethe-Institut boten dem Gast aus Weimar die Garantie für einen gelungenen Abend. Dieser wurde optimiert durch am Klavier gespielte Auszüge aus dem „Parsifal“ sowie durch das Verlesen vom Briefwechsel Richard Wagners mit Freunden und Förderern. Weniger zufrieden waren die Zuhörer allerdings mit der unzureichenden technischen Übertragungsanlage, wodurch die Stimmen der Diskutanten oft nicht zu verstehen waren. Manche im Publikum mögen doch den Wunsch verspürt haben, wenigstens einmal im Leben eine Aufführung im Festspielhaus in Bayreuth erleben zu dürfen. Schließlich war Bayreuth für Richard Wagner „Die Mutter aller Festspiele.“
Die Musik Richard Wagners erklingt derzeit nicht nur in der Brüsseler Oper. Am 3. März spielt das Budapest Festival Orchestra unter der Leitung von Iván Fischer im Rahmen der European Galas im BOZAR Ouvertüren und Auszüge aus Opern des Meisters. Die deutsche Sopranistin Petra Wagner besingt in der Rolle der Brünnhilde aus der „Götterdämmerung“ das tragische Ende der Nibelungen. Wer die Musik Wagners liebt, sollte sich dieses Konzert nicht entgehen lassen.
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