Es gibt Bücher mit Fernwirkung. Das im Jahr 2000 erschienene Buch "Stille Rebellen" der inzwischen verstorbenen ehemaligen «Spiegel»-Korrespondentin Marion Schreiber ist so eines. Unser Autor Roland Schmid von der Stiftung Atelier Marcel Hastir und der Stiftung Robert Maistriau schildert, wie es dazu kam, dass Marion Schreibers Leser sich nun im Kongo für ein ökologisches Projekt und eine Schule engagieren.
Mit dem Kongo hatte Marion Schreibers Buch eigentlich nichts zu tun. Es beschreibt den spontanen, informellen Widerstand einer weit verzweigten Gruppe von Brüsseler Bürgern, zumeist Freunden, gegen die deutsche Besatzung in den Jahren 1940-44. Ein Ort dieses Widerstands war das Atelier des Künstlers Marcel Hastir im Brüsseler Quartier Léopold, dessen Geschichte kürzlich wieder in einem von der RTBF ausgestrahlten Film zu erleben war. Marion Schreibers Buch hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Bedeutung dieses Ateliers in Erinnerung gerufen wurde. Es wurde so vor der drohenden Zerstörung gerettet, unter Denkmalschutz gestellt und sogar von der öffentlichen Hand zu seiner Sicherung aufgekauft. Nun ist die Stiftung Atelier Marcel Hastir für diesen Ort verantwortlich. Marcel Hastir ist im Juli 2011 mit 105 Jahren gestorben, sechs Jahre nach Marion Schreiber.
Ein weiterer "Stiller Rebell" war Robert Maistriau - auch mit ihm freundete sich Marion Schreiber bei ihrer Recherchier-Arbeit an, auch sein Lebenswerk bestimmte sie mit. Maistriaus erste Operation im Widerstand war zugleich eine der waghalsigsten, die durchgeführt wurde. Angriffsziel war ein Deportationszug von Mechelen nach Deutschland im April 1943. Dass der wahre Bestimmungsort Auschwitz war und was die 1631 Zuginsassen (viele von ihnen aus Deutschland geflohene Juden) dort erwartete, das wussten Robert Maistriau und seine Freunde nicht einmal. Zu dritt, bewaffnet mit einer roten Sturmleuchte, einer Pistole und drei Beißzangen, hielten sie den Zug an. Robert Maistriau öffnete einen Waggon, 17 Menschen flohen, dann eröffneten die deutschen Bewacher das Feuer. Bis der Konvoi die deutsche Grenze erreichte, konnten jedoch weitere 225 Insassen, alarmiert durch die Schüsse, durch die Belüftungsluken in die Nacht entkommen.
Robert Maistriau war weiter aktiv im Widerstand, schloss sich der Gruppe G an, die aus Professoren und Studenten der Freien Universität Brüssel bestand, unternahm mit ihnen einen groß angelegten Sabotageakt gegen die Stromversorgung im ganzen Land ("la grande coupure") und wurde zuständig für die Anwerbung neuer Mitglieder, ein besonders riskanter Posten. Das prächtige Brüsseler Hotel Métropole wurde ihm zum Verhängnis. Die Einberufung zu einem Treffen dort war eine Falle, er musste in Buchenwald und Bergen-Belsen ein ganzes Jahr schlimmste Entbehrungen und Misshandlungen ertragen. Er überlebte, kam mit weniger als 40 kg Körpergewicht zurück nach Brüssel, beschloss aber wenige Jahre später, Europa den Rücken zu kehren.
Erst im Widerstand, dann im Kongo
Robert Maistriau fand eine neue Heimat in Afrika, in Belgisch-Kongo, wie dieses weite, tropische Land damals hieß. Eine junge belgische Frau begleitete ihn, Colette. Das junge Paar ließ sich in der Gegend von Kikwit nieder, ungefähr 500 km östlich der Hauptstadt. Dort war Maistriau zunächst Verwalter einer Ölfabrik, entschied sich aber nach einigen Jahren für eine selbständige Tätigkeit und eröffnete Gemischtwarenläden, die er mit seinen eigenen Frachtwagen belieferte. Er war so ständig in Kontakt mit der Bevölkerung, reiste viel auf den Sandpisten der Region, wurde bekannt und geschätzt - und er erlernte im direkten Austausch mit den Leuten die regionale Sprache Kikongo und sogar den einen oder anderen lokalen Dialekt. Mit dem ihm eigenen Schalk war es ihm ein Vergnügen, Gruppen von Dorfbewohnern, die sich ungeniert über ihn unterhielten, mit der Enthüllung zu überraschen, dass er sie durchaus verstanden hatte.
Seine Reisen in Lastwagen und Jeep zeigten ihm, dass es unabdingbar war, die Pisten als Kommunikations- und Transportwege besser zu unterhalten. Er zeigte sich an dieser Arbeit interessiert und wurde damit beauftragt. Wie im sprachlichen Bereich setzte Robert Maistriau auch als "Pistenmeister" alles daran, ein perfektes Ergebnis zu erzielen. Noch heute lebt in der Region von Kikwit die Erinnerung an die glatten, tadellosen Pisten von "Monsieur Maistriau", auf denen es sich so schnell fuhr wie auf einer Teerstraße.
Um 1963 packte Robert Maistriau eine neue Herausforderung an: er kaufte einige Rinder und erwirkte Weidekonzessionen auf einer Savannenfläche in 900 m Höhe, 200 km südlich von Kikwit. Ein gutes Klima, doch der Sandboden der Savanne war karg. Robert Maistriaus wissenschaftliche Neugier brachte die Lösung. Mit Hilfe von Freunden, die in Botanik bewandert waren, besorgte er sich in Australien bestimmte Sorten von Grassamen, die auf seinem Boden gut wuchsen und sein Vieh gut ernährten. So gut, dass es sich bis zum Anfang der 90er Jahre auf 3.800 Tiere vermehrte und so insgesamt 100 Viehhirten Arbeit gab.
Maistriau als lokaler Patriarch
So wuchs auch, sozusagen um Robert Maistriaus Viehherde herum, die Bevölkerung. Er wurde eine Art lokaler Patriarch, der verehrt und zuweilen auch als Schlichter von Konflikten hinzugezogen wurde. So verehrt, dass 1974, als er in der Phase der "Zaïranisierung" enteignet wurde, eine Delegation von Personalangehörigen und Ortsansässigen nach Kinshasa zog, um bei Präsident Mobutu vorstellig zu werden. Robert Maistriau bekam seine Weidekonzessionen zurück.
Doch die Savanne konnte diese gewachsene Bevölkerung um Robert Maistriau nicht tragen. Um hier in großer Zahl dauerhaft leben zu können, genügte es nicht, Gras zu säen, man brauchte auch Holz, damit die Frauen kochen konnten - und sei es nur Wasser zur Zubereitung von Maniok.
Wieder experimentierte Robert Maistriau mit der sachkundigen Hilfe seiner Botaniker-Freunde an der Universität von Kinshasa, ließ Baumsamen aus aller Herren Länder einführen, ließ ihn keimen, setzte die Keimlinge aus, beobachtete, verglich, jahrelang. Anhand der Ergebnisse in Gesundheit und Wachstum traf er seine Wahl: er würde Akazien aus Afrika, aber auch Pinien aus Zentralamerika und vor allem verschiedene Sorten von Eukalyptus aus Australien anpflanzen. Auch andere Arten, aber in geringerem Ausmaß. Hundert Hektar wurden so von Robert Maistriau und seinen Helfern gepflanzt. "Bois Fleuri", sein "Blütenwald", nahm Form an.
Ein «Blütenwald» entsteht
In seinen letzten Lebensjahren sah Robert Maistriau gerne die Videofilm-Kassetten an, die ein Freund ihm von seinem Werk im Kongo mitbrachte und die zeigten, dass sein Wald kein Fremdkörper in der Savanne war, sondern vielen anderen Vegetationsarten erlaubt hatte, Fuß zu fassen, und dass diese Gesamtvegetation inzwischen an vielen Stellen einen natürlichen Wald bildete. Maistriau selbst hatte den Kongo wegen eines Unfalls verlassen müssen, seine Gattin verloren und war nicht bei guter Gesundheit. Während seiner Abwesenheit wurde auch beim Durchmarsch von Truppen, die Laurent Kabila zur Macht verhalfen, seine riesige Rinderherde in schrecklicher Weise dezimiert. Er war wirtschaftlich ruiniert. Da er in Belgien von einer mageren Rente leben musste, sah Robert Maistriau keine andere Lösung als seinen Wald zu verkaufen. Er stieß dabei auf Leser des Buchs "Stille Rebellen" von Marion Schreiber. Dies gab seinem Verkaufsplan eine andere Wendung.
(Fortsetzung im 2. Teil)
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