„Nein - morgen habe ich keine Zeit. Morgen kann ich ihnen nicht mit der Übersetzung helfen. Ich muss etwas tun mit meinen Haaren - da sind Krabben und Krokodile drin. Das ist nicht angenehm.“
Ich versuche mein Gesicht so leer zu halten wie Ingrid Bergmann das ihre in Casablanca. Vor mir steht die Dame aus dem dritten Stock. Auf ihrem Klingelschild steht „Sciences politiques et Journalisme“.
Wie bitte? Krabben? Krokodile?
„Kommen Sie doch herein“. Ich folge ihr in das geräumige Wohnzimmer. Es duftet intensiv nach Kaffee und Lilien. „Jetzt haben Sie sicher gemeint ich bin verrückt..., aber wie soll man das sagen wenn die Haare so bäh sind... ich sage dazu Krokodile... wissen Sie, am Dienstag gehe ich immer zum Frisör.“
Sie schaut mich mit gespielter Unschuld an.
Ich verstehe: es war ein Test. Es gibt Tee und Kuchen.
Musik von Wagner
Das war im September 2003. Inzwischen sind wir befreundet, und ich habe viele Stunden in der Wohnung neben der ULB verbracht: Musik von Wagner oder Mahler im Hintergrund, Briefe und Zeitungen auf dem Tisch, stattliche Zimmerpflanzen, Bücher wohin man sieht, Fotoalben, eine alte Perserkatze.
Die Katze heißt Sissi, ist grau und wog einmal 9 Kilo. Die Fotoalben heißen Mexiko, Sri Lanka, Ägypten, New York, Israel oder Indonesien. Die Bücher sind von Rilke, Wilde, Blixen oder Michael Moore. Die Zeitungen können „Le Soir“, „Le Monde“ und „Le Canard Enchainé“ sein.
Es ist immer Schokolade für Gäste im Haus.
Ich bin bei Rose, Mademoiselle Rose, einst geliebte Tochter eines glücklichen Paares. Ihr Vater begegnet mir häufig in der Wohnung. Die Fotographien zeigen ein schmales markantes Gesicht in Schwarzweiß, einen großen weißen Kragen. Er war 39, als ihn die flämische SS in seinem Laden niederschoss, 5 Kugeln trafen ihn. Schwiegermutter, Ehefrau und Tochter wollten ihn abhalten die Türe zu öffnen. Er hat sie geöffnet, es hätte ja ein Mitkämpfer aus dem Widerstand sein können. 3 Monate später, als er wieder gehen konnte, holte ihn die deutsche Gestapo ab. Die Totenlisten von Auschwitz nennen seinen Namen im Oktober 1944.
Korsagenkleider und Zylinder
Rose ist in Brüssel geboren und aufgewachsen. Die Eltern hatten einen Buch- und Zeitschriftenladen. Beide waren als aus Polen eingewandert und hatten in Brüssel geheiratet. Roses Großmutter mütterlicherseits kam aus Breslau. Das Familienfoto aus deren Kindheit zeigt gründerzeitliche Pracht: Korsagenkleider und Zylinder.
Familie Meissner stellte Spitzen her.
Diese Großmutter brachte Rose Deutsch bei. Und sie, die jüdische Breslauerin bleibt während der Besatzungszeit im Haus der Familie zurück. Rose und ihre Mutter lebten ab der Verhaftung des Vaters im Untergrund. Es war ihm gelungen einen Zettel mit einer Warnung aus der Haft schmuggeln zu lassen: Ihr seid denunziert, taucht unter, sie kommen! Das Mädchen Rose erhält falsche Papiere auf den Namen Gilberte und lebt als „Tochter einer Freundin“ bei verschiedenen Familien. Doch: das Lyceum besucht sie unter ihrem richtigen Namen. In einem der Häuser sind die Nachbarn Kollaborateure. Sie bekommen deutschen Besuch. Rose versteht jedes Wort und darf sich nicht verraten. „Das Schlimmste war nicht der Hunger oder die Kälte; es war die Angst.“ Bis heute blieb aus dieser Zeit ein Unbehagen, wenn sich Rose unter einer größeren Gruppe Deutschsprachiger aufhält.
Im Januar 1944 weiß sie nicht wohin. Sie bleibt im Kino bis es dunkel ist. In der Tram auf dem Weg zu ihrer Großmutter begegnet sie dem Vater einer Klassenkameradin. Er fragt sie noch „Ist es nicht zu gefährlich für dich dort?“, aber er zögert sie aufzunehmen. 2 Tage lebt sie in trügerischer Sicherheit bei der Großmutter. Dann bringt die Résistance Rose mit anderen Kindern zu den Filles de la Sagesse in Tournai. Als die Bombardements zunehmen wechseln sie zu den Sœurs de Saint Vincent de Paul in Wiers. Nur wenig erzählt Rose aus dieser Zeit. „Das willst Du gar nicht wissen.“ Sie entwickelt Magersucht. will ihr Leben geben gegen das ihres Vaters. Mit Gott handelt man nicht sagt ein weiser Mönch. „Warst Du in Buchenwald?“ wird sie nach ihrer Rückkehr gefragt.
Die Mutter hat 9 Monate im Keller ihres Hauses gelebt. Es gab kein anderes Versteck mehr für sie. Die Nacht der Befreiung verbringt sie auf dem Balkon, endlich wieder frische Luft.
Die drei Frauen sind jetzt völlig mittellos. Die Zimmer sind leer geräumt. Aber Haus und Geschäft gehören ihnen wieder. Der Mann, der sie zum Schein vom Vater erworben hatte, gibt sie zurück.
Bettzeug
Ein geflohener Cousin, der als US-Soldat zurückkam, spürt die kleine Familie auf und sorgt für Bettzeug.
In der Zeit nach dem Krieg will Rose gegen den Willen der Mutter katholisch werden. Der Mönch rät ihr davon ab; sie habe zuviel Widerspruchsgeist für den Katholizismus. Rose bleibt ungetauft und korrespondiert mit dem Geistlichen bis zu dessen Tod.
Sie macht ihr Diplom an der ULB und arbeitet dort später als Assistentin der Verwaltung. Sie spricht außer Französisch und Deutsch noch Englisch und Niederländisch, ein wenig auch Polnisch. Bei der Weltausstellung arbeitet sie als Hostess – und Fernreisen werden ihre Leidenschaft. Ansonsten lebt sie mit ihrer Mutter zusammen und mit ihren Katzen und Hunden. Tagesausflüge führen die beiden in ihr Häuschen auf dem Land - mit dem blumenreichen Garten.
Jetzt ist Rose in Rente. Im Regal über ihrem Bett stehen Fotos ihrer Mutter und Großmutter wie Amulette. Dennoch braucht sie seit 40 Jahren chemische Helfer zum Einschlafen. Sie ist die Vertraute eines jungen, gutaussehenden Männerpaares. Die Zeit um Mitternacht nutzt sie für ihre weltweite e-mail-Korrespondenz. Sie schätzt ARTE, politische Diskussionssendungen und Opern. Sie pflegt ihre Freundschaften. Sie hat ihre Bücher, stets mehrere frische Blumensträuße und körperlichen Abscheu gegen Rechtspopulismus.
Oft bedauert sie es, dass Sissi nicht sprechen kann.
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