Was haben Brtnice und Brüssel gemeinsam? Eine Frage, die auf den ersten Blick absurd anmutet. Brüssel als Hauptstadt Europas ist weltbekannt, Brtnice ist ein unbekanntes Provinzstädtchen in Mähren, in der heute tschechischen Republik, "wo sich die Füchse gute Nacht sagen". Ursprünglich deutschsprachig, war Pirnitz zu Barockzeiten unter den Grafen Collalto eine Handels– und Handwerkerstadt.
In diesem kleinen Ort, am Unteren Hauptplatz Nr. 263, wird am 15. Dezember 1870 Josef Hoffmann geboren, der um die Jahrhundertwende 1900 bereits einer der bekanntesten Vertreter der Wiener Sezession sein wird.
Ländliche Umgebung
Die ländliche Umgebung von Pirnitz bringt den jungen Hoffmann in Kontakt mit Barockbauten – neben seinem Geburtshaus beeindrucken die drei Brücken mit ihren überdimensionalen Heiligenfiguren auch heute noch – und ländlicher Kunst, Elemente, die später in sein dekoratives Werk einfließen. Er wendet sich aber lange vor Art Déco geometrischen Formen zu, was ihm den Spitznamen "Quadratl-Hoffmann" einbringt.
Dass ihn die Schule nicht inspiriert, sieht er selbst als Schande, wie er in seiner persönlichen Biographie schreibt. Sein Vater, als Bürgermeister sehr honorig, hat für die schlechten Noten auch kein Verständnis, und Hoffmann geht zuerst nach Brünn (Brno), um Zivilingenieur zu erlernen und 1892 nach Wien, um Architektur zu studieren, womit er bereits 1899 eine Professur erlangt. Seine "Sommerfrische" verbringt er weiterhin in seinem Geburtshaus, welches er ab 1907 auch im Sinne der Wiener Moderne umgestaltet.
Und dieses Barockhaus beherbergt heute ein kleines Hoffmann-Museum, geleitet von der Mährischen Galerie Brno und dem Österreichischen Museum für angewandte Kunst/Gegenwartskunst.
Wer sich in dieses barocke Nest verirrt, wird belohnt: denn unter den ausgewählten, ausgestellten Stücken – Gläser, Entwürfe, Skizzen, alle in den ursprünglichen Wohnräumen mit den von Hoffmann entworfenen Tapeten – befindet sich ein seltenes Objekt: ein Lageplan des Palais Stoclet. Dieses, von den Besuchern wenig beachtete Ausstellungsstück, schliesst gleichsam den Kreis von Hoffmanns Anfängen zu seinem Meisterwerk.
Überlebendes Gesamtkunstwerk
Das Palais Stoclet ist das einzige überlebende Gesamtkunstwerk des Jugendstils, stilistisch bereits an der Grenze zu Art Déco, nach Hoffmanns Plänen erbaut, mit der Innenausstattung von den Wiener Werkstätten. Aber nur wenige haben je einen Blick ins Innere geworfen: seit seinem Bau in Privatbesitz, ist es der Öffentlichkeit praktisch nicht zugänglich.
Daher die besondere Bedeutung des Plans, der einen Einblick gestattet, was sich hinter der Fassade befindet. Er zeigt interessante Details aus der Zeit: rechts ein Hof, der zum "Autostand" für drei Wagen führt, ganz rechts das Lager für Benzin (Tankstellen waren damals noch eine Seltenheit, das Palais wurde zwischen 1905 und 1911 erbaut). Hinter der Küche, dem Garten zu, die "Abwasch", die Speisekammer, Kohlenkammer und Fleischkammer. Der prestigeträchtigste Raum ist die grosse Halle, über der außen der "Turm" prangt und von der aus man ins Musikzimmer mit Bühne (ganz links) oder ins 18-sitzige Speisezimmer gelangt. Links von Terrasse und Loggia ist ein mit "HERR" bezeichneter Raum, das Arbeitszimmer von Adolphe Stoclet.
Seit 2009 Weltkulturerbe, wird das Palais Stoclet derzeit renoviert.
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