Überraschung in Frankfurt am Main und auch in Brüssel: Der Belgier Peter Praet wird neuer Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB). Damit entschied das Direktorium unter Leitung von EZB-Präsident Mario Draghi gegen die beiden als Favoriten für den Posten gehandelten Kandidaten: den Deutschen Jörg Asmussen und den Franzosen Benoît Coeuré.
Asmussen wird stattdessen für die internationalen Beziehungen der Notenbank zuständig sein („Außenminister“) und die Rechtsabteilung leiten. Die erhält zunehmend Bedeutung, weil deren Experten juristisch über die umstrittenen Käufe von Staatsanleihen durch die EZB urteilen müssen. Trotz guter Miene in Berlin dürfte der Bundesregierung aber aufstoßen, dass dem Deutschen der Posten des Chefvolkswirts verwehrt bleibt. Denn noch im Dezember hatte der Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in Brüssel unterstrichen, dass „Asmussen als Chefvolkswirt vorgesehen ist“. Seit dem Start der Währungsunion hatten stets Deutsche den Posten inne.
So wird Praet Nachfolger von Jürgen Stark, der aus Protest gegen die EZB-Käufe von Staatsanleihen zurücktrat. Ebenfalls aus Unzufriedenheit mit der Politik der Notenbank hatte Axel Weber, der als Bundesbankchef im EZB-Direktorium saß, hingeworfen und damit die Hoffnungen der Bundesregierung in Berlin zunichte gemacht, ihn ins Rennen um den Chefsessel der europäischen Notenbank schicken zu können.
Seine Mutter ist Deutsche
Die Berufung des Belgiers, der in wenigen Wochen 63 Jahre alt wird, gilt als Kompromisslösung im deutsch-französischen Konkurrenzkampf um den Posten des Chefvolkswirts. Sprachlich dürfte er den Deutschen keine Probleme bereiten: Praet wurde in einem Dorf bei Siegburg geboren, wo sein Vater als Arzt bei den belgischen Truppen diente. Seine Mutter ist Deutsche. Er besuchte die belgische Schule in Köln und wechselte zum Studium nach Brüssel, wo er Professor wurde. Er beschäftigte sich vor allem mit dem Geld- und Bankwesen sowie mit der Wirtschafts- und Währungsunion.
Erfahrungen sammelte er in der Wirtschaft, als Chefökonom bei Fortis, und in der belgischen Regierung, als er von 1999 bis 2000 das Kabinett des langjährigen belgischen Finanzministers und heutigen Außenministers Didier Reynders leitete. Zur Zeit der Euro-Einführung wechselte Praet als Direktor zur Nationalbank und war seit 2002 einer der wichtigsten Persönlichkeiten der belgischen Bankenaufsicht. Daneben gab er zunächst noch Vorlesungen zum Thema Unternehmensethik.
Jenseits der Landesgrenzen war Praet für den Internationalen Währungsfonds tätig und arbeitete außerdem an den Regeln für die Bankenregulierung mit, die Ende 2010 als Konsequenz aus der Finanzmarktkrise unter dem Schlagwort „Basel III“ beschlossen wurden. International gilt der bärtige Belgier als gut vernetzt.
Auf der Karriereleiter
Dennoch kandidierte er zwei Mal vergeblich für einen Posten im Direktorium der EZB. Dabei unterlag er Konkurrenten aus Griechenland und Portugal. Beim dritten Mal, im Juni des vergangenen Jahres, kam er dann zum Zuge. Praet wird unter Notenbankern allgemein ein hohes Ansehen bescheinigt.
Die Deutschen dürften seine Wahl dennoch mit gemischten Gefühlen sehen und aufmerksam registrieren, dass der künftige Chefvolkswirt als geldpolitische „Taube“ gilt. Anders als die „Falken“ will er durch eine lockere Politik der Zentralbank eher Wachstum stimulieren als durch strenges Agieren Inflationsneigungen bekämpfen. Dennoch dürfte er deutschen Vorstellungen der Geldpolitik näher stehen als der Franzose Coeuré.
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