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Von  Christoph Niekamp

Nostalgie im Schlamm

Rund 600 Schauspieler stellten die Schlacht bei Waterloo nach

Historisch korrekt bis ins kleinste Detail: Weiße Straußenfedern ragen aus seinem Dreispitzhut, eine breite Schärpe spannt sich quer über seine reichverzierte Uniform. Der braune Backenbart reicht bis fast ans Kinn. Einmal im Jahr verwandelt sich der Bibliothekar Franky Simon in den französischen Marschall Michel Ney auf dem Schlachtfeld bei Waterloo.

Nur die erlesenste Speisen und teuersten Wein kommen bei Napoleon Bonaparte auf den Tisch. Dafür sorgen rund ein Dutzend junger Diener, die unentwegt zwischen Kochstelle und der Tafel des Feldherren hin und her laufen. Nur wenige Schritte weiter sitzen Napoleons Soldaten im Gras und löffeln Suppe.

Vor 12 Jahren saß auch Franky Simon hier mit einer Holzschüssel in der Hand. Heute sitzt er in Marschallsuniform direkt neben dem französischen Kaiser am Mittagstisch und speist mit silbernen Besteck. Im „normalen“ Leben arbeitet Simon in einer Bibliothek. Aber einmal im Jahr schlüpft er in die historische Rolle des Marschalls Michel Ney und befehligt einen Teil der französischen Soldaten in der Schlacht bei Waterloo.

 

Mehr als Schauspiel

Mehr als 600 Teilnehmer sind am vergangenen Wochenende aus ganz Europa nach Waterloo angereist, um wie vor knapp zwei hundert Jahren zu lagern, zu essen und den Alltag in der Armee zu leben. Kleidung, Waffen, Ausrüstung – alles originalgetreu und vielfach sogar selbst gefertigt. Dabei handelt es sich nicht um ein einfaches Schaupiel, sondern vielmehr um eine Rekonstruktion der Geschichte, betont Franky Simon. „Wir stellen jeweils eine konkrete historische Person oder ein Regiment dar“, erklärt er. Dahinter stecke viel Recherchearbeit und eine genaue Kenntnis der Militärgeschichte. Aber auch das alltägliche Leben müsse man studieren.

 

Allein unter Männern

Es sei auch ein Hauch Nostalgie mit dabei, gibt Cynthia Vangrieken aus Charleroi zu. Die Belgierin gehört zur Gelernten Jäger Kompanie Braunschweig. Kein deutscher Verein, sondern eine geschichtsbegeisterte Gruppe aus dem wallonischen Châtelineau. Von den zehn Mitgliedern der „Jäger Kompanie“ ist Cynthia Vangrieken die einzige Frau. „Es gibt nicht viele Frauen in den Reihen der Armee. Normalerweise gibt es in einem Bataillon nur zwei Köchinnen und zwei Waschfrauen. Aber dazu kommen noch viele Damen aus dem Rotlichtmileu“, erklärt Marschall Franky Simon.

Bei dem historischen Spektakel rund um Waterloo gibt es für Frauen noch eine weitere Alternative: Sie können sich Hosen anziehen und in die Rolle von männlichen Soldaten schlüpfen. „Wenn es passt, warum nicht? Das ist etwas für die ganze Familie“, sagt Carl Schulze. Der Fotograf aus dem Münsterland trägt eine dichten Backenbart und eine runde Nickelbrille. Ganz im Stil des 19. Jahrhunderts. Schulze leitet die britsche Grenadiereinheit Black Watch und ist faziniert vom Militäralltag: „Mich interessiert das Leben des einzelnen Soldaten. Wie sie marschiert sind, wie sie gelebt haben, wie sie gelitten haben. Das ist für uns heute gar nicht mehr greifbar.“

Dass das Soldatenleben vor 200 Jahren nicht immer angenehm war merken die Teilnehmer auch bei ihren Schlafplätzen. „Das Zelten im Schlamm macht natürlich nicht so viel Spaß“, sagt Cynthia Vangrieken und zeigt auf die weißen Leinenzelte. Auf den Besucherpfaden und zwischen den Zelten liegt Stroh verteilt, doch das hilft alles nichts: Lagerbewohner wie Gäste verschmutzten im braunen Matsch ihre Schuhe und Hosen. Einige Besucher haben sich deshalb Gummistiefel übergestreift und stapfen ohne Probleme über den feuchten Ackerboden im alliierten Lager. Cynthia Vangrieken hofft wenigstens für den Sonntag auf gutes Wetter: „Am Besten ist es, wenn es trocken bleibt.“

 

2015 – Das Jubiläumsjahr

Vangriekens Hoffnung erfüllt sich: Es bleibt trocken, als am Sonntag die beiden gegnerischen Armeen ein paar Kilometer südlich von Waterloo aufeinander treffen. Franky Simon und seine französischen Soldaten stehen den allierten Truppen gegenüber, in deren Reihen auch Carl Schulze und seine Männer kämpfen. Kanonen donnern, Offiziere brüllen Befehle, es krackt, poltert und raucht auf dem gesamten Schlachtfeld. Gruppenführer Carl Schulze will die Mitglieder der Black Watch sicher durchs Gefecht bringen: „Ich fühle mich dafür verantwortlich, dass den Jungs nichts passiert und dass sie auch den Gegner nicht verletzen.“

Hunderte von Besuchern tummeln sich an den Hängen des Örtchens Maransart und verfolgen das historische Schauspiel. „Napoléon! Napoléon!“, feuern die jüngsten Zuschauer den französischen Feldherren an, als er auf seinem Schimmel auf die Besucher zureitet. Auf der Flanke des weißen Pferdes prangt ein schwarzes „N“. Die Zuschauer klatschen und jubeln. Doch es nützt alles nichts: Wie jedes Jahr müssen sich die französischen Soldaten nach zwei Stunden den alliierten Truppen geschlagen geben. Napoleon lässt sich ein letztes Mal von den Zuschauern feiern, dann ist alles vorbei.

Im Jubiläumsjahr 2015 planen die Organisatoren eine besonders große Auflage des Spektakels. Genau 200 Jahre nach der Schicksalsschlacht von Waterloo sollen statt 600 mehrere tausend Teilnehmer die Geschichte zum Leben erwecken. Auch Franky Simon wird wieder mit von der Partie sein. Er denkt, dass viele die Chance nutzen und Waterloo besuchen: „Alle werden hierher kommen, um beim Jubiläum der Schlacht dabei zu sein.“

Fotos: Christoph Niekamp


Erstellt oder aktualisiert am 18. Juni 2012.
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