Tourismus
Drucken|Kommentieren|

Von  Friederike Gänßlen

Neuhaus, Delhaize und Solvay

Ein Spaziergang über den Friedhof von Ixelles

Jürgen Hahn

Es ist einer dieser hellgrauen und trockenen Herbsttage. Eine kleine Gruppe hat sich vor dem Eingang des Friedhofes von Ixelles eingefunden, um in eine Welt von Geschichten einzutauchen. Geschichten, die sich zu den Menschen erzählen lassen, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Noch vor dem ersten Rondell läßt Friedhofsgänger Jürgen Hahn alle Interessierten nach links abbiegen. Die erste Station ist an der Grabplatte des Bildhauers Constantin Meunier. Auch an seine Künstlerkollegen, Victor Horta und Antoine Wiertz, die wir später besuchen, erinnern nur vergleichsweise schmucklose Steinplatten.

Ein rätselhafter Stein

Im Gegensatz dazu der aufwendig bearbeitete Stein des Bildhauers, Poeten und Konzeptkünstlers Marcel Broodthaers. 1976 hat er sich an seinem 52. Geburtstag das Leben genommen. Die Symbole und der Spruch auf der Rückseite seines Steins geben Rätsel auf. Der Detailreichtum läßt sich im Internet leider nur schwer wiedergeben, deshalb verzichten wir auf ein Foto.


Der Friedhof von Ixelles wurde 1877 eingeweiht und ist bis heute in Betrieb. Auf dem nach Südosten abfallenden Hügel werden sie zu Nachbarn: die grauen, skulpturen- oder kapellengeschmückten Gräber aus der vorletzten Jahrhundertwende, der aus niedrigen Heckenzeilen bestehende Soldatenfriedhof und die zeitgenössischen Einzelgräber und Urnentürme. Die weltkugelgeschmückte Grabanlage der georgischen Prinzessin Tourandokht Samii fällt besonders ins Auge.

Grabmal Charles de CosterDer Rundgang führt vorbei an klingenden Namen wie Neuhaus, Delhaize - oder dem des Chemikers und Soda-Millionärs Solvay. Auch der in München geborene Schriftsteller Charles de Coster hat hier 1879 seine letzte Ruhe gefunden. Mit seinem Epos „Tijl Uilenspiegel“ schuf er das erste Werk der frankophonen belgischen Nationalliteratur.

Ganz unscheinbar dagegen das Grab des Seeoffiziers Georges Lapointe, der an der Expedition der Belgica in die Antarktis teilgenommen hatte. Schwer auszumachen das Grab der Künstlerin Anna Boch, die 1890 van Goghs Bild „Weinernte“ kaufte - es sollte das einzige bleiben, das er zu Lebzeiten verkaufen konnte.

Viele individuell gestaltete Gräber ziehen unsere Aufmerksamkeit an. Das Grab des Uhrmachers, Eisenhändlers, Kunstreiters, Zahnarztes, Arztes und schließlich Theaterdirektors Gil Naza schmückt seine Büste, mit gleich drei Gesichtern. Eine ausdrucksvolle Büste auch auf dem Stein des 1961 verstorbenen Medizin-Nobelpreisträgers von 1919, Jules Bordet. Hier ein Rennfahrer, genannt Grizzly, den Helm und Brille nicht schützen konnten. Weiter vorbei an Madonnen, Davidsternen, Freimaurerzeichen und orthodoxen Kreuzen.

Im südwestlichen Feld reckt ein vergoldeter Hahn auf einer schlanken Säule streitlustig den Schnabel in die Luft. Gestiftet nach dem 1.Weltkrieg von einem eigens eingerichteten Förderverein erinnert er an die Brüder Chaineye. Achille war zunächst Bildhauer, Hector Rechtsanwalt. Als Journalisten und Zeitungsmacher setzten sie sich um die letzte Jahrhundertwende für die Wallonie ein - und führten nebenbei Neuheiten wie Interview und Nachrichtenspalte ein.

Und an wen erinnert dieses weiße römische Grabmal dort, und dieses Jugenstil-Kupferrelief hier?

Marguerite und Georges

Es war die Niederlage Frankreichs gegen das deutsche Kaiserreich 1870/71, die in General Georges Boulanger die Idee zu einem Staatsstreich wachrief. Vom Zentrum der erstrebten Macht aus wollte er Berlin einen neuen Krieg aufzwingen. Doch der Plan mißlang. Von der Justiz verfolgt setzte sich „Général Revanche“ mit seiner weit jüngeren Geliebten aus Paris ab. Als sie im Sommer 1891 in Brüssel an Tuberkulose starb, besuchte er zweieinhalb Monate lang täglich ihr Grab - und nahm sich dort das Leben. Der Stein vermerkt nur Marguerite und Georges.

Fast noch im Schatten der westlichen Mauer liegt das Grab des fast vergessenen deutschen Dramatikers Carl Sternheim. Der durch die Erfolge seiner Theaterstücke reich gewordene Sternheim starb 1942, seiner Besitzungen beraubt, mit 64 Jahren. Statt Lorbeer ziert heute Efeu seinen Stein.

 

Zuerst online im Oktober 2004


Erstellt oder aktualisiert am 24. Oktober 2010.
zurück hoch
 

Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
*
*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie den Zahlencode nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*
Kommentar schreiben