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Von  Rudolf Wagner

„Modus operandi“

Ein Film zur Judendeportation aus Belgien

„Es ist ein Film über das Wie, nicht über das Warum“, sagt Hugues Lanneau, Regisseur von „Modus Operandi“, einem Dokumentarfilm, der den Mythos erschüttert, nach dem Belgien jüdische Verfolgte vor den Schergen des Naziregimes schützte wie kein anderes Land in Europa. Es ist ein bitterer Film, der sorgsam wissenschaftlich begleitet wurde, und der gerade für Deutschsprachige in Belgien besondere und wichtige Einblicke in die Geschichte des Landes ermöglicht, in dem sie leben.

 

Wie also haben es die nationalsozialistischen Besatzer erreicht, 24916 Juden aus Belgien nach Auschwitz zu deportieren? Die Dokumentaraufnahmen (in einigen Fällen wurde Material aus den Niederlanden verwendet, wenn damit Vorgänge aus Belgien optisch nachgezeichnet werden konnten) belegen Spaltungen zwischen den aus Osteuropa geflüchteten und belgischen Juden, Razzien auf Nazi-Befehl, die widerspruchslos von flämischer Polizei ohne deutsche Beteiligung ausgeführt wurden, die Gleichgültigkeit vieler Bewohner in der Nähe der Dossin-Kaserne oder Denunziationen in Brüssel.

 

Die Interviews mit Überlebenden erschüttern. Darunter gibt es auch Zeugnisse von christlichen Helfern, die jüdische Kinder in Klosterschulen oder bei Bauernfamilien verstecken halfen. Kein Kind sah später seine Eltern wieder. Und auch die Geschichte des 20. Deportationszuges wird nachgestellt: es geht um jenen Zug, der von jungen Menschen gestoppt wurde, die dann von außen eine Wagentür zur Flucht in die Freiheit öffnen konnten, bevor die Begleitmannschaft des Transports eingriff.

 

Alexander von Falkenhausen, Militärstatthalter in Belgien, über dessen Rolle auch deutsche Militärhistoriker streiten, wird im Film ambivalent dargestellt. Er sollte die Belgier ruhig stellen, und dies gelang ihm auch, bis er als Schwächling vom Oberkommando der Wehrmacht 1944 abgelöst wurde. Doch er verhinderte die Judenverfolgungen nicht. Die Rolle der von der Besatzung befohlenen Gründung einer Vereinigung der Juden Belgiens (AJB) wird im Film besonders kritisch gezeichnet; waren es doch Juden, die anderen Juden zeitweilig die Einberufung zur Arbeit im Osten (dem Transport nach Auschwitz) vermittelten.

 

„Die Deportation von 25000 Menschen, die von den Nazis sorgsam geplant und organisiert worden war, hätte niemals ohne die mehr oder weniger wissentliche, passive beziehungsweise aktive Kollaboration gewisser belgischer Verantwortlicher der damaligen Zeit geschehen können“, sagt Hugues Lanneau. Er schließt seinen Film „Modus Operandi“ mit dem Hinweis, dass etwa der Antwerpener Bürgermeister und sein Polizeichef sich niemals für ihre Haltung rechtfertigen mussten.


Erstellt oder aktualisiert am 24. März 2008.
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