Geschichte
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Von  Klaus Inderfurth

Mama, was ist ein Judenbalg?

Überleben zwischen Deutschland und Belgien

Es war ein Abend, den die Menschen, die dabei waren, nicht so schnell vergessen werden. Eingebettet in eine Veranstaltung der belgischen Botschaft in Deutschland sprach der Schriftsteller Helmut Clahsen in der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin über seine Kindheit und Jugend in der Nazizeit, aber auch über seinen Auftrag des Wachhaltens der Erinnerung im Nachkriegsdeutschland und Nachkriegsbelgien.

 

Helmut Clahsen wurde 1931 in Aachen als Sohn eines katholisch-arischen, wie er es nennt, Vaters und einer jüdischen Mutter geboren. Seine Familie zerfiel also in zwei Hälften, wovon die eine Hälfte in der Zeit des Nationalsozialismus die andere Hälfte bekämpfte.

 

Mit seinen 80 Jahren erzählte er aus seiner Kindheit in Aachen und, untergetaucht, aus seinem Leben in Belgien Geschichten, die kaum wiederzugeben sind. Er hat diese Jahre in dem Buch „Mama, was ist ein Judenbalg?“ und in vier anderen Büchern zu verarbeiten versucht.

 

Tuberkulose

 

 

Es begann damit, dass er als Sechsjähriger mit seiner Mutter und dem zwei Jahre jüngeren Bruder zu angeblichen ärztlichen Untersuchungen befohlen wurde, die er als kleiner Junge gar nicht verstehen konnte. Sie wurden auf eine menschenverachtende Art und Weise vorgenommen und zielten in Wirklichkeit auf Versuche an Menschen. Seine Mutter wurde gezielt mit Tuberkulose infiziert und musste später im Krankenhaus mehrere sie zerstörende Operationen über sich ergehen lassen. Er sah sie gerade zweimal am Fenster des Krankenhauses wieder.

 

Später wurde er von Schutzengeln, wie er die Helfer nennt, mit seinem Bruder versteckt. Seine Nenntante Mary organisierte das, zuerst im Kloster in Aachen, als das zu gefährlich wurde, in dem von den Deutschen annektierten deutschsprachigen Teil Belgiens. Dort wurde er von wildfremden Menschen – die Männer hießen immer Jean und die Frauen Marie, damit sie nicht identifizierbar waren, wenn solch eine Aktion aufflog – geschützt, weiter gereicht, versorgt. Über Jahre hinweg.

 

Menschenfresser

 

Bis dann das Kloster, in dem die Kinder schließlich waren, von den Amerikanern befreit wurde. Die Kinder waren anfangs erschreckt: die deutschen Besatzungssoldaten hatten sie vor den Menschen fressenden amerikanischen Negern gewarnt. Erst als ein Deutsch sprechender Sergeant Klein verkündete, dass sie alle in Sicherheit seien, konnten die Kinder das glauben.

 

Helmut Clahsen hätte noch stundenlang weiter reden können – es war wirklich interessant und gelegentlich sogar amüsant, ihm zuzuhören. Dass dieser Mann seine ganze große jüdische Verwandtschaft bis auf zwei Personen verloren hat, dass er selbst miterlebt hat, wie Kinder erschossen wurden, dass er viele andere Greueltaten erlebt hat, ging in seinen lebhaften Erzählungen beinahe unter – oder wurde das Grauen durch diesen Widerspruch erst wirklich nachfühlbar?

 

Vor Clahsen hatte nach Eingangsworten des Direktors der Stiftung Topographie des Terrors, Dr. Andreas Nachama, des belgischen Botschafters in Berlin, Renier Nijskens, und des Ministerpräsidenten der DG, Karl-Heinz Lambertz, der Leiter der GrenzGeschichteDG, Dr. Herbert Ruland, über „Widerstand und Repression im von Deutschland annektierten Gebiet Altbelgiens 1940-1944/45“ gesprochen. Die „GrenzGeschichteDG“ ist eine Fakultät der Autonomen Hochschule der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens in Eupen.

 

Eine Veranstaltung der Belgischen Botschaft in der Stiftung in Berlin anläßlich des belgischen Vorsitzes in der IHRO, der International Holocaust Rememberance Organisation.

Zum Nachlesen:

Helmut Clahsen, Mama, was ist ein Judenbalg, Helios Verlag Aachen, 2003

GrenzGeschichteDG: Öffnet externen Link in neuem Fensterhttp://www.grenzgeschichte.eu/


Erstellt oder aktualisiert am 01. April 2012.
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