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Von  Friedhelm Tromm

Lebendige Erinnerungen an ein Jahr in Amerika

Joachim Meyerhoff las an der Deutschen Schule

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder ein ganze Reihe von Geschichten“, schrieb einmal Max Frisch. Die Geschichten des frisch gekürten Bremer Literatur- Förderpreisträges Joachim Meyerhoff freilich sind so witzig, komisch und skurril erzählt, dass sie vollständig erfunden sein könnten, sind aber nach Aussagen des Autors allesamt selbst erlebt.

 

Wie der Schulausflug in der zweiten Klasse zu einer „Rutschenausstellung“, die für den Ich-Erzähler zu einem traumatischen Erlebnis wird, als ihn gerade auf dem „Mount Everest der Rutschen“ der „große Rutschenfluch“ ereilt und er sich keinen Millimeter fortbewegen kann: Er hatte morgens ausgerechnet eine Lederhose angezogen.

An diese und ähnliche Episoden früher Verunsicherung erinnert sich der Protagonist auf dem Weg nach Hamburg, wo er an einem Auswahlverfahren für ein Austauschjahr in die USA teilnimmt. Dort trifft der verschüchterte Kleinstädter auf äußerst selbstbewusste, ja blasiert auftretende hanseatische Großstadt-Dandys aus den Kreisen der „upper ten“. Der Moderation der hysterisch-fröhlichen deutschen Betreuerin Traudel Buscher-Böck folgt der Auftritt des unfreiwillig komisch wirkenden „Supervisors“ Phil: „Und weißt du, es gibt viele Klischee uber uns Amerikaner. Dass wir oberflachlich sind. Dass wir schlechte Bildung haben. Dass schlechte Essen gibt. Dickdumm sind. Vielleicht stimmt sogar, aber hey, Amerika ist groß, is riesige Land und du kommst und kannst dir selbst ein Bild machen“.

 

Als Deutscher im Ausland - Alltag für die Schüler

 

Man merkt, dass Meyerhoff im Erstberuf Schauspieler mit Erfahrungen an prominenten deutschsprachigen Bühnen ist, seit 2005 als Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. Er weiß seine Texte sprachlich in Szene zu setzen, Spannung aufzubauen und die Pointen gekonnt zu platzieren und so auch die fast 200 Schülerinnen und Schüler der 9. bis 12. Klassen der internationalen Deutschen Schule Brüssel (iDSB) in seinen Bann zu schlagen.

Die Themen, die sich durch Meyerhoffs Erinnerungsroman hindurchziehen, sind dabei für die Jugendlichen eher Gegenwart als Vergangenheit: Die Herausforderungen des Erwachsenwerdens und die Erlebnisse in der Fremde, die zu einer neuen Beziehung zur Heimat führen können. Entsprechend konkret sind die Nachfragen: „Wie haben Sie es geschafft, in Amerika zu überleben, wo Sie doch zunächst so schlecht Englisch konnten?“ – „Hatten Sie jemals Heimweh?“ – „Wie haben Sie die Rückkehr nach Deutschland erlebt?".

Meyerhoff gibt Auskunft als jemand, für den in den 1980er Jahren ein längerer Auslandsaufenthalt noch etwas sehr Exotisches war, ein „Weltenwechsel, der totale Bruch, die Flucht nach vorne“. Kein Wunder allerdings, wenn man sich zum Beispiel den Stundenplan des Austauschschülers vergegenwärtigt, der von „Bergsteigen“ in der ersten Stunde bis zum Fach „Searching for Identity“ in der letzten reichte.

 

Jede Erinnerung ist lückenhaft

 

Bleibt die Frage: „Wieviel von diesen Geschichten ist vielleicht doch erfunden?“ – „Höchstens 10 Prozent“, antwortet Meyerhoff, findet die Frage aber im Grunde eigenartig, denn: „Fängt nicht jeder, der sich erinnert, an, sich dabei auch etwas auszudenken? Schon, weil jede Erinnerung lückenhaft ist? Wie ließe sich überhaupt zweifelsfrei zwischen Fakten und Fiktion unterscheiden?“ Dem Mittvierziger Meyerhoff aber ging es vor allem darum, seine Erinnerungs-Geschichten durch Aufschreiben vor der eigenen Vergesslichkeit zu schützen, bevor das eigene Leben „im Rückblick auf ganz wenige Anekdoten zusammenschrumpft“, ähnlich wie es in Max Frischs Bonmot anklingt.

 

Signierte Bücher als Souvenir

 

Das Land Bremen hat ihm für das ursprünglich als Bühnenprojekt konzipierte und dann in Buchform herausgegebene Werk „Alle Toten fliegen hoch. Amerika“ den renommierten Bremer-Literaturförderpreis verliehen und ihn zur Vorstellung seines Buches nach Brüssel eingeladen. Schon zum vierten Mal profitierte die iDSB von dieser Präsentation eines Bremer Preisträgers, zum ersten Mal allerdings nahmen als Gäste auch Schülerinnen und Schüler der Europaschule in Woluwé teil, die sich genauso begeistert von der Veranstaltung zeigten. Die Buchhandlung Lesezeichen unterstützte das Event wieder mit einem Büchertisch, denn durch welches Souvenir könnte eine Lesung unvergesslicher bleiben als durch ein vom Autor signiertes Handexemplar?

Foto: Christine Kopp-Sommerlad


Erstellt oder aktualisiert am 24. Mai 2012.
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