Schule & Uni
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Von  Tanya Wittal & Christine Kopp

„Jede Schule, die wir bauen, ist ein Prototyp“

Stararchitekten diskutieren über iDSB-Neubau

„Ein innovatives Schulgebäude benötigt ein gutes pädagogisches Konzept“, meint Margret Fessler, Schulleiterin des Bundesrealgymnasiums in der Au in Innsbruck. Sie weiß, wovon sie spricht, denn sie hat ihr Schulneubauprojekt schon erfolgreich gestemmt. iDSB-Schulleiter Langlet und Verwaltungsleiter Grosse haben das noch vor sich.

 

Jürgen Langlet, Schulleiter der internationalen Deutschen Schule Brüssel, lud deshalb international bekannte Architekten wie Stefan Behnisch, Armand Grüntuch, Peter Otto, Yasser elGabry, Peter Mertens und Sebastan el Khouli zu einem Architektursymposium, um gemeinsam darüber nachzudenken, wie eine innovative Schule der Zukunft aussehen kann. Unter dem Motto „SCHULE NEU DENKEN: lowcarbon - high efficiency, energetisch und pädagogisch“ sollte ein Kriterienkatalog für nachhaltiges Bauen und eine Vision für ein modernes Schulgebäude entwickelt werden. Das Symposium unter der Schirmherrschaft von Günther H. Oettinger, Mitglied der Europäischen Kommission, wurde in Zusammenarbeit mit der Bundesarchitektenkammer, der Architektenkammer des Königreichs Belgien und der Internationalen Architektenvereinigung durchgeführt.

 

Energieeffizientes Bauen in Zeiten des Klimawandels

 

In seiner Eröffnungsansprache betonte Schulleiter Langlet, seine Vision einer guten Schule der Zukunft hänge sehr stark mit der energetischen Qualität des Schulgebäudes zusammen. Energieeffizientes Bauen in Zeiten des Klimawandels sei für ihn nicht nur eine wichtige Zukunftsaufgabe, sondern im Kontext einer verantwortungsvollen Pädagogik sogar vorrangig, denn: „Je mehr wir Energie sparen und unsere Umwelt schonen, desto mehr sorgen wir für eine gute Zukunft unserer Kinder“. Daher wolle er mit seinem „Projekt iDSB 2018“ ein Zeichen setzen und seinen Schulneubau zum ökologischen Brüsseler Schaufenster der Bundesrepublik Deutschland als Vorreiterin in Sachen Energieeffizienz machen.

 

Stefan Behnisch: Energieeffizienz ist nicht alles! Qualität zählt!

 

Zum Auftakt des Symposiums wurden innovative Bauprojekte und neue Konzepte zum Thema energieeffizientes und ressourcenschonendes Bauen vorgestellt.

 

Der international ausgezeichnete deutsche Architekt Stefan Behnisch, der mit seiner Firma Behnisch & Partner unter anderem das berühmte Ozeaneum in Stralsund realisiert hat, begrüßte zunächst den vom Schulleiter angeregten Dialog mit internationalen Partnern aus dem Architekturbereich als ebenso groß- wie einzigartige Initiative. In seinem Vortrag gab er zu bedenken: „Energieeffizienz ist nicht alles! Klima, Licht und Luft – Gebäudequalität bemisst sich nach einer Vielzahl von Kriterien. Was nützt uns ein Nullenergiehaus, das niemand bewohnen möchte, weil die Fenster zu klein sind und seine ästhetische Qualität gegen Null tendiert.“ Für ihn zähle die Qualität des gesamten Baus mehr als der Einzelposten Energiesparen. Kriterien der Nachhaltigkeit bemessen sich – laut Behnisch - an der klugen, reduzierten Auswahl der Materialien und an der Flexibilität des Baues: „Gebäude müssen viele Zwecke erfüllen können, um flexibel auf die zukünftige Nutzung reagieren zu können. Das halte ich insbesondere für die Pädagogik für wichtig.“

 

Der Architekt Yasser elGabry vom global operierenden Architekturbüro AEDAS aus London arbeitet im Programm „Schools fortomorrow“ europaweit an verschiedenen Schulneubauprojekten, unter anderem auch in Belgien, und zeigte den Teilnehmern verschiedene bereits realisierte Bauten zu unterschiedlichen Schulformen: „Jede Schule, die wir bauen, ist ein Prototyp.“ AEDAS baue nicht einfach Räume für das Lernen, sondern die richtigen Räume für spezifische Lernanforderungen und orientiere sich dabei am Nutzungsverhalten der Schüler, des Lehr- sowie des Servicepersonals.

 

In seiner Präsentation stellte er heraus, dass die Anforderungen an einen Bau für Kindergarten- und Grundschulkinder andere seien als die für ältere Kinder. Kleine Kinder benötigten schützende Räume und freie Entfaltungsflächen; größere Kinder und junge Erwachsene brauchten flexiblere Räume mit unterschiedlichen Gruppen-, Individual-, Labor- und Werkstatträumen, aber auch mit Ruhe- und Relaxzonen. Des Weiteren stellte der Architekt anhand eines englischen Schulbeispiels das Konzept „Architektur als dritter Pädagoge“ vor: Die Kinder lernen mit und in ihrem Gebäude physikalische, biologische und chemische Prozesse kennen, indem alle technischen Gegebenheiten des Gebäudes als pädagogisches Lernfeld gestaltet sind. Im Klassenzimmer können die Kinder beispielsweise den Temperaturaustausch erfahren; sie sehen ihren Wasser- und Stromverbrauch und lernen so am konkreten Phänomen.

 

Armand Grüntuch: Schule als Raum für Motivation und Innovation

 

Armand Grüntuch vom Berliner Büro „Grüntuch Ernst Architekten“ konnte in seinem Vortrag einen Werkstattbericht über die laufenden Arbeiten zu seinem gegenwärtigen Neubau der Deutschen Schule in Madrid liefern und spannende Einblicke in die Konzeption bereits realisierter Schulgebäude gewähren. Für ihn bedeutet nachhaltiges Bauen ebenfalls mehr als Energieeffizienz. Der Ort, die Lage, das Licht, das Material und das pädagogische Programmbilden sind für Grüntuch die Basis, auf der man ein innovatives Gebäude entwerfen kann. Ein Kriterium allein genüge für einen qualitativ hochwertigen Bau nicht, so der Experte. Schule sei für ihn ein Begegnungsort, ein Lernort für sozial verantwortliches Handeln und Verhalten. Schule sei darüber hinaus ein Ort, an dem Schüler sich frei entfalten können sollen, ein Lehr- und Lernort, der selbstständiges Lernen ermögliche.

 

Aus seiner Erfahrung mit vielen Schulneubauten und Schulumbauten in Berlin plädiert Grüntuch für lichtdurchflutete, luftige Räume (beeindruckend realisiert im Marie-Curie-Gymnasium in Dallgow-Döberitz, 2005) und für einen Bau, der auch die Instandhaltungs- und Unterhaltskosten gering halte. Grüntuch wünscht sich, dass es weniger starre Normen und Auflagen im öffentlichen (Schul)Bau gäbe, damit Schule als individueller Entfaltungsraum, als Raum für Motivation, Kreativität und Innovation auch umgesetzt werden könne – eine Einschätzung, die von den anwesenden Experten mit zustimmendem Kopfnicken goutiert wird.

 

Margret Fessler: Schule neu bauen, heißt Schule neu erfinden!

 

Die Innsbrucker Schulleiterin Margret Fessler zeigte den Zuhörern anhand des Beispiels ihres eigenen Schulneubaus für das Bundesrealgymnasium in der Au, dass „Schule neu bauen“ eigentlich „Schule neu erfinden“ heißen müsste. Sie hätte Glück bei ihrem Schulneubau gehabt, denn sie habe alle „Basics“ in Bau und Pädagogik frei gestalten können, da ihre Geldgeber und die zuständigen Behörden großes Vertrauen in ihr Schulteam gehabt habe. Da das pädagogische Programm des Bundesrealgymnasiums sich jedem Schüler mittels einer Lernstilanalyse individuell anpasse, sollten sich auch die neuen Schulräume flexibel und individuell den Bedürfnissen der Lernenden und Lehrenden anpassen.

 

Das Raumprogramm: Die Kinder arbeiten oft selbstständig in Form eines „Lernbuffets“ und suchen sich zum Lösen ihrer Aufgabe frei einen Platz im Schulgebäude. Die Fachräume sowie die pädagogische Technik sind frei modulier- bzw. variierbar, das ergonomische Mobiliar ist leicht zu transportieren und zu stapeln, um Freiräume zu schaffen. Rückzugs- und Entfaltungsecken sowie Erholungsstationen mit Frei- und Spielflächen sind Fessler sehr wichtig. Zudem legt die engagierte Schulleiterin viel Wert auf gesundes Essen, das aus lokalen Ökobetrieben geliefert und frisch zubereitet wird. Dosen, Pet-Flaschen und Kaugummis sind an ihrer Schule verboten; frisches Trinkwasser steht im Schulgebäude zur freien Verfügung.

 

 

Das Magdeburger Architektur- und Planungsbüro von Peter Otto kann auf eine jahrzehntelange Beschäftigung mit der räumlichen Umsetzung von modernen pädagogischen Konzepten zurückblicken. Zusammen mit der Uni Magdeburg hat der Architekt die „Planungsgemeinschaft Schulbau“ gegründet. Für Otto ist es wichtig, Räume effektiv und flexibel zu nutzen. Daher erarbeitet er zusammen mit dem Bauträger zuerst eine Machbarkeitsstudie und bemüht sich herauszufinden, was wirklich an Flächen und Räumen gebraucht wird. In einer Schule sollen schließlich nicht zu viele Räume im Laufe des Schultags leer stehen. In Schulen seien flexible Räume für individuelles und Kleingruppenlernen notwendig, die Otto gerne in so genannten Lernstudios mit den Klassenzimmern zu einer Einheit gruppiert. Flexible Trennwände ermöglichen die Gruppierung solcher Lernstudios zu größeren Lernsuiten.

 

Wichtig sei vor allem eine kluge Flächennutzung. Lange und komplizierte Wege zu einzelnen Räumen oder Gebäudeteilen unterminierten einen guten Unterrichtsablauf, eine Erkenntnis, die auch Schulleiterin Fessler sowie Sebastian elKhouli (Darmstadt) bestätigten. Auch für Peter Otto steht – wie für alle geladenen Fachleute - ein fundiertes pädagogisches Konzept vor der Entwicklung der Raumprogramms. Der Architekt betont zudem die Wichtigkeit einer guten Akustik und eines guten Lüftungssystems, zwei Aspekte, die entscheidend zum Wohlfühlklima an einer Schule beitrügen.

 

Workshop-Phase & Podiumsdiskussion

 

Im Anschluss an das Expertenhearing erläuterten die Architekten und Bauexperten in den anschließenden Workshops ihre Konzepte für das Bauen der Zukunft. Martin Amme und Johannes Beeh vom Kölner Architekturbüro Paul Böhm untersuchten in einer gigantischen Bauaktion mithilfe von Umzugskartons die Wichtigkeit von „Licht und Schall“ für einen pädagogisch wertvollen Bau. Eine Aktion, die allen Beteiligten sichtlich Spaß machte.

 

In der abschließendes Podiumsdiskussion unter der Leitung von Jos Leyssens von der Architektenkammer des Königreichs Belgien und Dr. Christian Trippe, dem Studioleiter der Deutschen Welle in Brüssel, wurden unter reger Beteiligung des Publikums die wichtigsten Ergebnisse, die für einen innovativen und nachhaltigen Schulbau der Zukunft relevant sind, zusammengefasst. Nun ist es an Schulleiter Langlet - zum Abschluss symbolisch mit Spaten und Schutzhelm ausgestattet - seine pädagogische Vision zu einer architektonischen werden zu lassen.

 

Fotos: Tanya Wittal


Erstellt oder aktualisiert am 14. März 2012.
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