Er nennt sich "The Voice of Europe", ist in Europa nahezu unbekannt, rühmt sich mit Erfolgen in den USA und stellt sich mit Frank Sinatra auf eine Stufe. Eddy Wally, Sohn eines Markthändlers aus dem ostflämischen Industriestädtchen Zelzate, ist nicht gerade bescheiden, wenn es um seine ruhmreiche Karriere als Schlagersänger geht. Passend zu diesem von ihm selbst gepflegten Image eröffnete der betagte Entertainer Anfang des Jahres sein eigenes Museum in dem von ihm bewohnten Pflegeheim Bloemenbos.
Zelzate, das Industriestädtchen am Kanal Gent-Terneuzen, ist um eine Attraktion reicher. Neben der Hochofenkulisse und Frituur Cindy gibt es seit Anfang 2012 eine weitere Top-Attraktion in der 15.000 Einwohner zählenden Gemeinde. Schlagersänger Eddy Wally, mit bürgerlichem Namen Eduard René Van De Walle, hat sich und seinen Heimatort mit einem eigenen Museum beglückt, das Anfang Januar seine Türen öffnete.
Stimmungskanone
Wally, der sich wegen vermeintlicher Erfolge in den USA auch "The Voice of Europe" nennt, ist genauso skurril wie seine Idee, im von ihm selbst bewohnten Pflegeheim sein eigenes Museum zu eröffnen. Der nach einer Gehirnblutung nicht mehr ganz so fitte - in Flandern weltberühmte - Schlagerstar ist so eine Art Mischung aus Johannes Heesters, Dirk Bach und Paul Kuhn. Seine Auftritte haben Showcharakter, sein Äußeres ist exzentrisch, seine Musik dient der einfachen Unterhaltung, und überall dort, wo Eddy Wally die Bühne betritt, ist gute Stimmung.
Die Schlager, die Eddy Wally produzierte, waren keine Mega-Hits. Abgesehen von "
Chérie", "
Ik spring uit een vliegmachien" und "
Valencia" brachte der Waasländer die Massen eher mit seinen einfachen Texten und mit seiner volkstümlich-charmanten Art in Stimmung. Wally ist nie ein belgischer Superstar gewesen, kein Toots Thielemans, kein Milow, erst recht kein Jacques Brel. Und trotzdem ist Eddy Wally eine lebende Legende, verkörpert er doch eine Art flämischen Mikrokosmos, eine Mischung aus kleinbürgerlichem Hang zu unerreichbaren Träumen und Überschwang.
Auch in seiner Sprache ist der nun fast 80-Jährige unverkennbar. Bei Eddy Wally gibt es nur Superlative: Alles, was man ihn fragt, kommentiert er mit "geweldig" (gewaltig), wow! oder "onvoorstelbaar" (unvorstellbar). Mit diesen persönlichen Jingles hat er sich und sein widersprüchliches Image als Marke im flämischen Showbizz etabliert.
Eddy Wally hat sich und seinen Fans eine eigene Traumwelt geschaffen. Eine Welt aus Glitter und Glamour, die in krassem Kontrast zu seiner bürgerlichen Wirklichkeit steht. Wirtschaftlich war dem Künstler nie großer Erfolg zu Teil geworden. Bevor er als Entertainer sein Geld (natürlich Millionen Dollars!) verdiente und den Broadway (vielleicht die Bredestraat in Gent) zum Beben brachte, verdiente er sein Geld als Besitzer einer Diskothek im nahegelegenen Ertvelde und als Handtaschenverkäufer auf Wochenmärkten ebenda.
Die Welt ist nicht genug
Im schrillen, vergnügsamen Gegensatz zu seiner Herkunft stehen außerdem Wallys mehr oder weniger erfolgreiche Auftritte in Las Vegas und seine aberwitzigen Anstrengungen, mit einer chinesischen Übersetzung seines Hits "
Cherie" die 1,3 Milliarden Einwohner des Riesenreiches zu beglücken. Seine grenzenlose Selbstüberschätzung zu einem Markenzeichen auszubauen und die Tatsache - trotz 100-prozentiger Flopgarantie - nichts unversucht zu lassen, verdient allein schon Respekt. Eddy Wally ist auf diese Weise in Flandern zu einem Phänomen geworden.
Jeder kennt seine Gassenhauer, jeder seine Sprüche. Sein gesundheitliches und persönliches Schicksal bewegt ganz Flandern, aber niemand mag es zugeben. Eddy Wally ist Flandern und Flandern ist auch ein bisschen Eddy Wally: bescheiden, großkotzig, weltoffen und kleinbürgerlich, rebellisch und zurückhaltend, hämisch und doch brav. Auch wenn "The Voice of Europe" nicht mehr selber singen kann, werden die Flamen ihn und seine Hits nie vergessen. Auch deshalb hat die Gemeinde Ertvelde ihrem bekanntesten Sohn bereits zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt.
(Leider müssen wir in diesem Beitrag auf Fotos verzichten, weil Wallys Manager selbst Fans vor dem Altenheim mit angeblich 20 Millionen Euro Strafe droht, wenn sie ihr Idol ablichten. Das alles ist zwar Unfug und gehört zur letzten Show, aber wir wollen Schwierigkeiten lieber aus dem Weg gehen. D.Red.)
Kommentare
Kommentar hinzufügen