Gegen einen Betonhöcker, eine Panzersperre des Zweiten Weltkriegs, lehnt sich eine schüchtern wirkende junge Frau mit einem Strauß Feldblumen im Arm. Ihr Bild ist das Buchcover der "Grenzlandfrau" von Maryanne Becker, einer Ostbelgierin, die als Autorin und Audiotherapeutin in Berlin lebt.
2010 ist ihr Roman im Grenz-Echo-Verlag in Eupen erschienen. Die Geschichte, die die 1952 geborene Maryanne Becker erzählt, spielt an der belgisch-deutsch-niederländischen Grenze zwischen 1919 und 1958. Die Autorin hat das auf der Grundlage wahrer Begebenheiten verfasste Buch ihrer Mutter gewidmet.
Jacki, eigentlich Jakobine, wird westlich von Aachen an der belgisch-deutschen Grenze gegen Ende des Ersten Weltkriegs geboren. Die Autorin nimmt den Leser mit in ihre Familie und ihre Region. Die Romanheldin erlebt die Nachteile des "mittleren" Kindes. Hätschelkinder waren der ältere Bruder und die jüngere Schwester, Jacki durfte sich dagegen nützlich machen, wo es nur ging - Wasser holen, den Aufwasch machen, Wäsche waschen und zur Bleiche auslegen. Dennoch schimpfte ihre Mutter stets mit ihr: "Scham Disch !" hieß es immer wieder, und der schwache Vater konnte seiner geliebten Tochter nicht helfen.
Das Heimatdorf, in dem man Platt sprach, war durch den Versailler Vertrag an Belgien gefallen. Die Grenze war jetzt auf der anderen Hausseite. Bei der Einschulung in der Dorfschule taufte die Lehrerin das Kind Jacqueline, weil man sowieso hier bald nur Französisch sprechen würde. Der Kommunionunterricht war aber auf Deutsch, damit alle alles verstanden und sich ausdrücken konnten, besonders beim Sündenregister für die Beichte.
Mit fünfzehn Jahren ging Jacki zu einer Familie in Verviers "in Stellung" und danach als Arbeiterin in die Kammgarnfabrik in Eupen. Sonntags half sie im Café ihrer Eltern und trug mit ihrem Lohn zum Haushalt bei.
In ihrem Dorf lernt sie auf der Kirmes ihren zukünftigen Mann kennen.
"Heim ins Reich" bis hin zur Evakuierung
Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Belgien wird das Dorf wieder deutsch, und die Einwohner bekommen deutsche Pässe. Auch angrenzende "alt-belgische" Orte werden annektiert und die Bewohner zu "Deutschen auf Widerruf" gemacht.
Jul, Jackis Mann, und seine beiden Brüder werden eingezogen und an die Ostfront geschickt. Die Brüder fallen, und Jul wird vermisst.
Jacki und ihre Mutter werden beim Herannahen der Front nach Westfalen evakuiert, wo sie nicht willkommen sind. Die Tochter beteiligt sich an Sabotageakten in der Fabrik, in der siwe arbeiten muß, wird aber zum Glück nicht erwischt.
Ein anderes Leben in der Heimat
Zurück in der wieder belgischen Heimat, arbeitet sie erneut in der Fabrik in Eupen. Wegen der hohen Steuern in Deutschland liefert der Kaffeeschmuggel ein willkommenes Zubrot. Kooperative Zollbeamte und Gendarmen bekommen ihren Anteil. Jacki lernt einen unglücklich verheirateten Gendarmen kennen und wird seine Geliebte. Von Scheidung und Heirat ist keine Rede.
Weil sie keine Hoffnung mehr hat, lässt sie Jul für tot erklären, als nach Jahren auch die Witwen deutscher Soldaten eine belgische Rente beanspruchen können. Jacki und ihr Geliebter Henri bekommen eine Tochter mit dem Vornamen Lucy, den man auf Deutsch und Französisch gleichermaßen aussprechen kann.
Das Gerede über die uneheliche Tochter und die täglichen kleinen Gemeinheiten im Dorf lassen Jacki unbeeindruckt. Die Tochter soll später nicht in der Fabrik arbeiten. Sie wechselt zur Schule nach Eupen, und die Mutter beschließt, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Das wäre auch ihrem toten Mann Jul recht. Davon ist sie überzeugt.
Was die Leute sagen
Die Autorin beschreibt das Leben in einem Dorf, in dem man "katholisch und anständig" zu sein hat. Ob man belgisch oder deutsch ist, ist für die meisten nicht so wichtig. Engstirnigkeit und Gemeinheit, Erbschleicherei und soziale Ungerechtigkeit werden dargestellt - doch auch gegenseitige Unterstützung, Freundschaft und Liebe - und kleine Freuden wie die Kirmes und Kaffee und Kuchen am Sonntag.
Für viele ist es entscheidend, was die Leute sagen. Doch Jacki befreit sich von diesen Zwängen. Als ihre Tochter nach Eupen wechselt, kauft sie sich hochhackige Schuhe und einen Hut und fühlt sich glücklich. Sie erinnert an Bertolt Brechts "Unwürdige Greisin", die sich um das Gerede der Leute nicht kümmert, aber in jüngeren Jahren. Jacki kann und will ihr eigenes Leben führen.
Der Autorin gelingt es, Zeitkolorit und Lebensgefühl darzustellen, wie es viele aus Erzählungen von Eltern, Verwandten und Freunden in ihrer eigenen Region kennen. Zugleich ordnet sie das private Leben und seine Entwicklung in die tief greifenden politischen Änderungen ein, die während vierzig Jahren dramatische Folgen für die Bewohner des Grenzlandes hatten. In einem Prolog stellt sie knapp aber verständlich die Geschichte des Raumes dar, in dem der Roman spielt. Er entstand in Anlehnung an wahre Begebenheiten. Erzählungen aus der Familie lieferten den Stoff.
Verschmitzt blickt die Autorin Maryanne Becker uns aus dem Internet an. Krauses rotes Haar umrahmt ihr Gesicht. "Lest meine Bücher!" ruft sie uns zu.
Grenz-Echo-Verlag, 176 Seiten, 125 x 205 mm (im Hochformat),
Paperback
Preis: 15,00 €
Erstellt oder aktualisiert am 21. August 2011
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