Garten
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Von  Ulrich M. Alexander

Fressen oder gefressen werden

Das tierische Leben der Kathedrale von Antwerpen

Voll im Leben steht die Kathedrale, nicht nur im Leben der Menschen, sondern auch im Leben der Tier- und Pflanzenwelt: Vierbeinige Nager, zweibeinige Raubvögel und Fische ohne Beine treiben ihr Unwesen im Labyrinth eines riesigen Gebäudes. Das Büfett ist angerichtet!

 

Eines ist jedenfalls klar, wenn man über die Kirche spricht: Die Ratten verlassen sicher nicht das sinkende Schiff. Ganz im Gegenteil – sie laden sich selbst unerwünscht ein. Da muss nur das benachbarte Restaurant leer stehen und schon hat man durch die unterirdische Autobahn Kanalisation eine wahre Plage am Hals. Bei uralten Gebäuden gibt es immer eine Schwachstelle, durch die man zur Sonne durchbrechen kann.

 

Die kleinen Spitzmäuse, die die Terrasse eines der Priester unsicher machen, sind dann schon wieder eine niedliche Abwechslung. Wenn sie nicht tot vor der Wohnungstür liegen!

 

Das Paradies nach dem Sündenfall

 

Was die Kathedrale von Antwerpen zu einem Sonderfall und ökologisch sinnvoll macht, ist das nur halbwegs gut gehütete Geheimnis des eigenen Gartens. Kurz erklärt wollte man im größenwahnsinnigen Antwerpen im 16. Jahrhundert das bis heute bestehende Kirchengebäude der Kathedrale noch viel größer machen. Durch einen vernichtenden Großbrand ist allerdings nur die neue Chormauer verwirklicht worden. So befand sich damals zwischen heutigem Chor und dieser neuen Chormauer eine große, leere Fläche, die in einen Garten umgewandelt wurde.

 

Hier schiessen nun im Herbst die Pilze aus dem Boden und das ganze Jahr über blüht der Garten in den schönsten Farben. Dass gerade die Kirche ein Schaukasten für die Evolution ist, ist hier zu sehen und nur wenig amüsant – für Tauben und Goldfische. Zum Betrachten dagegen sehr amüsant. Im Teich sorgen die Goldfische für Leben und farbenfrohe Abwechslung vom belgisch-grauen Himmel. Allerdings nur so lange, bis sie gefischt werden. Schon vor ein paar Jahren entdeckte ein Reiher – woher er auch kommen mag – dieses wunderbare Büfett und vergnügt sich nun den Sommer über mit burgundischer Lebens- und Esskunst.

 

Räuberische Tätigkeiten

 

Relativ bekannt sind die Wanderfalken, die in der Brüsseler Kathedrale leben. Im Turm der Kathedrale von Antwerpen nisten dagegen Sperber, wie die Foto-Konsultation bei einem Biologen ergeben hat. Sind Falke und Sperber für den Laien nur schwer auseinanderzuhalten, so gibt es einen deutlichen Unterschied: Der Sperber schnappt sich selbst mal eine Taube zum Mittagessen. Wenn man Glück hat, kann man also ein martialisches Spektakel bewundern. Eine ökologische Lösung für das Taubenproblem, die zu empfehlen ist!

 

So gesehen ist auch das neben der Symbolik eine Erklärung für die Vielfalt an Tieren und Natur in kirchlichen Gemälden. Die Inspirationsquellen von Malern lagen vor der Tür. Übrigens ist diese grüne Lunge seit diesem Herbst wieder einsehbar für Besucher. Im Rahmen einer angemeldeten Führung „Hinter den Kulissen“ der Kathedrale, die auch in den Dachboden und den kleineren Südturm führt, darf man auch kurz auf die Terrasse des wunderschönen Gartens und die grüne Aussicht bewundern.


Erstellt oder aktualisiert am 18. November 2011.
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