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Von  Ulrich M. Alexander

Kulturpreis Europa Nostra

Wenn Lust, Verkehr und Sühne einmal im selben Bett liegen

Mehr als drei Stunden dauerte die Verleihung der Europa Nostra Kulturpreise in Antwerpen, weil diese Auszeichnungen der Europäischen Union an drei verschiedenen Orten vergeben wurden: zum bunten Gemisch an Gewinnern gehören in diesem Jahr der Antwerpener Hauptbahnhof, die Dachorganisation der fünf größten Kirchen der Scheldestadt sowie Eckkneipen von Flandern und Brüssel. Der Preis belohnt nicht die schönsten und teuersten Neubauten, sondern Zusammenarbeit und nachhaltige Umbauten von Kulturgütern. 


Der wohl schönste Gewinner dürften die Kneipen sein: Wann erhält die Kneipe um das Eck schon einmal einen Preis für Kulturerbe? Volkskunde Vlaanderen hatte 2008 ein Projekt „Hart voor volkscafés“ - ein Herz für Eckkneipen – aufgebaut, um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten für die immer geringer werdende Anzahl an kleinen Kneipen und eine Zusammenarbeit untereinander zu organisieren.

 

Tatsächlich haben diese Kneipen eine solidarische Nachbarschaftsfunktion, die sie bis heute aufrechterhalten, wie die Jury mitteilte: „Sie bieten Qualität für den Alltag, durch das Angebot eines täglichen Treffpunkts und Kommunikationsmöglichkeiten für Menschen jedes Alters.“ Da gegen diesen Verlust mit mehr Publizität vorgegangen wird, erhält dieses Projekt auch den Preis in der Kategorie „Bildung, Ausbildung und Bewusstseinsbildung.“ Jaja, so kann man auch zum Thema Sauflust und Kaffeedurst Stellung beziehen.


In derselben Kategorie erhält der Verein "Monumentale Kirchen von Antwerpen" (MKA) einen Preis. Der 2005 gegründete Verein ist eine Dachorganisation der fünf bekanntesten Kirchen: Liebfrauenkathedrale, St. Paulus, St. Jakob, St. Andreas und St. Karl Borromäus, um eine einheitlichere Zusammenarbeit und Außendarstellung zu erreichen. Dazu gehört die Verbesserung der Notfallpläne und -koordination. Der Brand in St. Karl Borromäus 2009 ist ein aktuelles Beispiel, dass eine fruchtbare Zusammenarbeit zum Schutz der von Kunstwerken berstenden Kirchen notwendig ist.

 

Kathedrale und Eisenbahnkathedrale

 

Neben der katholischen Kathedrale hat auch der im Volksmund Eisenbahnkathedrale genannte Hauptbahnhof von Antwerpen den Preis in der Kategorie „Erhaltung“ gewonnen. Der wunderschöne eklektizistische Kopfbahnhof von 1905 wurde zwischen 1998 und 2007 in einen modernen Durchgangsbahnhof umgebaut, um die Hochgeschwindigkeitsachse Amsterdam-Brüssel-Paris zu verbessern. Dazu wurden drei unterirdische Stockwerke eingebaut, durch die der 3,8 Kilometer lange neue Eisenbahntunnel unter Antwerpen läuft.


Weitere Preisträger in Belgien sind die 's Hertogenmolens in Aarschot und die Villa Empain in Brüssel. Die Europäische Kommissarin für Bildung, Kultur und Jugend Androulla Vassiliou meinte bei der Preisverleihung dann auch: „Fünf der 27 Preisträger kamen aus Belgien, so viele wie aus keinem anderen Land. Es ist dabei sehr auffallend, dass drei aus Antwerpen kamen.“


Europa Nostra ist eine 1963 gegründete Dachorganisation für Gruppierungen, die sich mit Kulturerhalt beschäftigen. Heute sind 250 Nichtregierungsorganisationen, 150 assoziierte Organisationen und 1500 Privatpersonen Mitglied. Seit 2002 organisiert die Vereinigung für die Europäische Kommission die Verleihung des EU-Preises für das Kulturerbe/Europa Nostra-Preis. Dieser Preis geht an Organisationen, die sich um den Erhalt von Kulturgütern kümmeren. Für den Bürger am sichtbarsten ist Europa Nostra als Koordinator des Tags der offenen Denkmäler Mitte September.


Erstellt oder aktualisiert am 23. November 2011.
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