Wirtschaft & Soziales
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Von  Rainer Lütkehus

„Es macht mir Spaß und lohnt sich“

Warum ostbelgische Handwerker gern in Brüssel arbeiten

Montagmorgen um 4:30 Uhr 134 km Autobahn von Eupen nach Brüssel und am Wochenende dieselbe Strecke zurück. Welcher ostbelgische Handwerker will sich das schon antun? Axel Honnen (50), Anstreicher aus Eupen tut’s, und sogar gern.

Rund 9.000 Deutsche, 1300 Österreicher und 700 Schweizer leben in der reichen Ein-Millionenmetropole, von denen viele Wert auf gute Handwerksarbeit legen und lieber ihre Anliegen mit einem Fachmann besprechen, der der deutschen Sprache mächtig ist. Eine Chance für ostbelgische Handwerker, die aber nur wenige nutzen oder - nutzen können. Die polnischen Handwerker sind zwar billig, aber die Qualität „made in East Belgium“ erreichen sie nicht.

„In Eupen kennt man unser Unternehmen, hier nicht“, sagt der schlanke sportlich wirkende Axel Honnen auf der zweiten ostbelgischen Handwerkerbörse am 17. Oktober in Brüssel im Gespräch mit Belgieninfo, wo 20 ostbelgische Handwerksbetriebe in den Ausstellungsräumen der Region Wallonien, ein paar Schritte von der Grand Place entfernt, zwei Tage lang Kontakte zu potenziellen deutschsprachigen und anspruchsvollen Kunden aus Brüssel knüpfen konnten.

Eigentlich ein Zweimann-Unternehmen

 

Honnen liebt die Abwechslung. „Ich fahre gern ‚hierauf‘“. Hierauf? „Ja, so sagt man in Eupen“. Eigentlich fährt er ja hinunter, aber das tut der Sache nichts.

Honnen ist eine Ein-Mann-GbR, eigentlich ein Zweimann Unternehmen. Er macht die Arbeit. Seine Ehefrau hält die Stellung in Eupen und kümmert sich um das Administrative, um die Buchhaltung und den anderen Schriftkram. Sie begleitet ihn nie, denn die Familie hat zwei Kinder. „Mein Mann ist ein 200-prozentiger Perfektionist, pingelig“, sagte sie, möchte aber das Wort zurücknehmen, weil es ihr zu negativ klingt. „Ja“, stimmt Honne zu, „ich habe den Ruf, Qualitäten eines Rolls- Royce zu haben.“

„Ich verdiene hier mehr als Eupen“, begründet Honnen sein Engagement in Brüssel. Wie viel bleibt ein Geheimnis. „ Es lohnt sich“, sagt er. Trotz Hotel- und Wegekosten. Es sei aber auch nur möglich, weil er allein sei. Größere Betriebe hätten es schwerer. Die müssten Trennungsgeld, Spesen, Fahrt-  und Hotelkosten für ihre Angestellten aufbringen, die lieber daheim blieben.

 

Wo sind die Auftraggeber?

Honnen ist unabhängig (das macht ihn flexibel) und neugierig. Es macht ihm nichts aus, wochenlang mehrere Nächte im Jahr in Brüsseler Hotels  fernab von zuhause zu verbringen. Mittlerweile kennt er Brüssel aus dem FF. „Ich wundere mich, wie er sich hier örtlich zurechtfindet“, sagt seine Frau bewundernd. „Für mich ist Brüssel eine Großstadt. Brüssel ist schön, aber wohnen möchte ich hier nicht.“ Honnen stimmt ihr zu. „Da, wo die Marokkaner wohnen, bin ich aber noch nie gewesen bin“, schränkt Honnen seine Brüsseler Ortskenntnisse ein. Kein Wunder: Das sitzt auch ja nicht seine Klientel. Die Gemeinden mit den kaufkräftigsten Einwohnern in Brüssel sind Woluwé-Saint-Lambert, Woluwé-Saint-Pierre und Uccle, wo er seine Auftraggeber findet.

Brüssel gefährlich? „Na ja, sagt er, „Einmal hat man mir vorm Hotel meine Brieftasche gestohlen.“ Das sei ihm eine Lektion gewesen. Trotzdem kommt Honnen immer wieder gern nach Brüssel. Dann übernachtet er meistens in der Altstadt. „Da ist immer was los und man kann abends irgendwo ein Bier trinken; es sei denn man ist zu müde von der Arbeit.“

Das Potenzial für ostbelgische Handwerker sei groß in Brüssel, meint Honnen. Er sei nur ein wenig enttäuscht, dass die Messe dieses Jahr weniger Zulauf habe als letztes Jahr. „Die Zahl der Leute ist nicht entscheidend, sondern die Qualität der Kontakte“, reagiert Karl-Heinz-Lambertz, Ministerpräsident der 70.000 Einwohner zählenden deutschsprachigen Gemeinschaft auf unsere Frage, warum dieses Jahr weniger Gäste gekommen waren. Honnen hat sich mehr von der Messe versprochen. „Die meisten Geschäfts-Kontakte kriege ich sowieso durch die Mund-zu-Mund-Propaganda.“

Lambertz: „Eupen ist ein Vorort von Brüssel“

Auf dem Frühschoppen der zweitägigen Messe der ostbelgischen Handwerkermesse in Brüssel ermutigte DG-Ministerpräsident Karl-Heinz Lambertz ostbelgische Handwerksbetriebe nach Brüssel zu kommen, wortgewandt und mit Witz bei Knöddele, Sankt-Katharinen-Erbsensuppe, Presskopf und Eupener Pils.

Relativ gesehen sei es eigentlich nur ein Katzensprung von Eupen nach Brüssel, denn nur in den Augen der Belgier seien Entfernungen von 100 km weit.

Er sei einmal auf einer Europarats-Tagung in Kasan, der Hauptstadt von Tatarien (Tatarstan), einer autonomen Republik Russlands, gefragt worden, wo denn Eupen liege, erzählte Lambertz. 134 km östlich von Brüssel, habe er geantwortet. Dem Tartaren sei Brüssel bekannt gewesen, weshalb der geschlussfolgert habe, dass Eupen ein Vorort von Brüssel sei. „Entfernungen sind eben relativ“, so Lambertz.

Drei Traditionen würden die deutschen und die deutschsprachigen Ostbelgier verbinden: der Frühschoppen, der Adventskalender (Lambertz bekam einen auf der Veranstaltung vom Lions Club geschenkt) und der rheinische Karneval. Letzteres betreffend warb Lambertz die deutschsprachigen Brüsseler zum ostbelgischen Karneval zu kommen, den die DG in Brüssel am 29. Januar im Brüsseler Viertel Schaerbeek organisiert. Der Titel ‚Brüssel außer Rand und Band‘ ist zweideutig „Die Brüsseler wissen schon, was mit Rand gemeint ist“, sagte Lambertz schmunzelnd.


Erstellt oder aktualisiert am 20. Oktober 2010.
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