Geschichte
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Von  Jan Kurlemann

Ernst von Bayern - Renaissancefürst in Lüttich

Historische Ausstellung mit weiß-blauem und wallonischem Akzent

Vor vierhundert Jahren ist der Lütticher Fürstbischof Ernst von Bayern gestorben. Aus diesem Anlass findet die erste umfassende Ausstellung über ihn und seine Zeit im Lütticher Grand-Curtius-Museum statt. Mit über 350 Ausstellungsstücken, Gemälden, Möbelstücken und Manuskripten aus öffentlichen und privaten Sammlungen, besonders aus Belgien und Deutschland, macht sie die Erinnerung an die Spätrenaissance lebendig.


Emilia Müller, bayerische Europaministerin, die auf Einladung von Ministerpräsident Rudy Demotte Wallonien besuchte, nahm an der Ausstellungseröffnung am 17. November 2011 in Begleitung von Prinz Ludwig von Bayern aus dem Hause Wittelsbach teil. Für sie unterstreicht die Ausstellung die "historische Verbindung zwischen dem Freistaat und der Wallonie". Mit ihrem Besuch will die Politikerin, die Belgien aus ihrer Zeit als Europaabgeordnete kennt, Türen öffnen für eine engere Kooperation zwischen Bayern und Wallonien.

 

Eine Figur der Geschichte ins Tageslicht gerückt


Ernst von Bayern war in Lüttich weitgehend vergessen. Nur ein Straßenname und das von ihm gestiftete Krankenhaus "Hôpital de Bavière", erinnerten an ihn. Herzog von Bayern, Sohn einer habsburgischen Kaisertochter, war Ernst auch Bischof von Freising, Hildesheim und Münster sowie Erzbischof von Köln und Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches. Seine politische Rolle war es, das Vordringen der Lutheraner und Kalvinisten im Norden und Westen des Reiches zu blockieren und das Volk für die Katholische Kirche zurück zu gewinnen.


Joyeuse Entrée - der Einzug in Lüttich


Mit elf Jahren wurde Ernst zum Bischof von Freising gewählt. Später studierte er in Ingolstadt und Rom Philosophie und Mathematik. Erst viele Jahre später - 1581 - erhielt er "höhere Weihen". Als er im selben Jahr nach Lüttich kam, sprach er noch kein Wort Französisch und parlierte auf Italienisch mit seinen Untertanen. In die Straße am "Grand Curtius" zog der neue Fürstbischof feierlich 1581 in Form einer "Joyeuse Entrée" ein. Die Flaggen zur Begrüßung sind im Grand Curtius symbolisch nachgestellt. Vier Schwüre musste der neue Fürst ablegen, darunter eine "Kapitulation", und damit Rechte und Privilegien der Stadt und ihrer Bürger anerkennen. Später modernisierte er die Verwaltungsstrukturen und beteiligte eine größere Zahl von Bürgern als bisher an den Amtsgeschäften.


"Audiatur altera pars", war sein Wappenspruch. Der Grundsatz, andere Meinungen anzuhören, war zu seiner Zeit keineswegs Allgemeingut. Auch in Lüttich stand die Praxis oft damit in Widerspruch. Es herrschte strenge Zensur, und Protestanten wanderten aus.


Der Versuch der Neutralität


Das Fürstentum Lüttich war als Staat "ein kleiner unter den großen und ein großer unter den kleinen". Wie ein Fleckenteppich breitete sich das Fürstentum zwischen den Nachbarstaaten aus, wie eine Karte auf der Ausstellung zeigt. Mit mehr oder weniger Erfolg verteidigte es seine "immerwährende Neutralität" gegen die großen europäischen Mächte, die regelmäßig gegeneinander Krieg führten. Sie alle bezogen Produkte aus der hochwertigen Lütticher Waffenproduktion und trugen zum Wohlstand des Fürstentumes bei. Wie das moderne Belgien war das Gebiet mehrsprachig. Rechtsakte wurden meist in drei Sprachen abgefasst.


Die Modernisierung Lüttichs


Ernst schuf das moderne Lüttich. Seine Schwerpunkte waren Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft. Doch Mathematik, Astronomie und angewandter Wissenschaft galten seine Vorliebe.


Astronomie


Ein Fernrohr, das er von Galileo Galilei erhalten hatte, lieh er Johannes Kepler in Prag, damit dieser sich von der Existenz der Jupiter-Monde überzeugen konnte. Darüber berichtete Prof. Robert Halleux, verantwortlich für die Ausstellung und Mitautor des Kataloges, gegenüber Journalisten. Für die astronomischen Forschungen stand in Lüttich eine moderne Sternwarte zur Verfügung, und eine Fabrik produzierte astronomische Geräte. Ein perfektioniertes Astrolabium zur Messung der Distanz und der Bewegung der Sterne ist ausgestellt.


Bergbau, Hüttenwesen, Ingenieurkunst


Der Fürst sorgte dafür, naturwissenschaftliche Erkenntnisse in Bergbau und Metallverhüttung anzuwenden. Pumpenbauer und Erfinder wurden eingeladen, um die üblichen Systeme zu verbessern. Nach Metallerzen wurde prospektiert, und der Bischof nahm selbst daran teil. Bildzeugnisse berichten anschaulich darüber. Die Gründung einer Art Aktiengesellschaft wurde ermöglicht, um Kapital sammeln und investieren zu können.


Chemie und Medizin


Ernst von Bayern sorgte für Weiterentwicklung der Medizin zu einer "chemischen Medizin" nach den Ideen des Paracelsus und unterstützte die Abkehr von den antiken Autoritäten Aristoteles und Galen. Das Wasser der Heilquellen von Spa und Tongern wurde wissenschaftlich analysiert. Auch ein alchemistisches Labor, in dem man unedle Metalle in Gold und Silber zu verwandeln hoffte, fand sich gleichzeitig in Lüttich.


Sein Anwesen am anderen Maasufer machte der Bischof zum Krankenhaus. Arme Bürger wurden hier kostenlos behandelt. Zu seinem Leidwesen gelang es ihm nicht, eine Universität aufzubauen. Der Konkurrenzneid der alten Alma Mater von Löwen, die um ihre Einkünfte bangte, sollte ihre Gründung bis zum Jahre 1817 verhindern.

 

Ein Kirchenfürst am Ende der Renaissance


Ernst von Bayern war ein Mensch in den Widersprüchen seiner Zeit, so Prof. Robert Halleux. Er ließ Hexerei verfolgen und war Freund Keplers und Galileis. Auf Kupferstichen zeigt die Ausstellung seine Freunde und Weggenossen. Eine echte Fürstenfigur der Renaissance war er ohne Zweifel - vornehm und beredsam. verschwenderisch und seit seiner Studienzeit einem ausschweifenden Lebensstil zugeneigt. Heinrich IV., König von Frankreich, sagte über Ernst: "Mein Vetter in Lüttich ähnelt mir bis zur Gürtellinie." In welcher Richtung, sagte er allerdings nicht, wie Prof. Halleux betonte. Ein ausgestelltes Kochbuch, das erhalten blieb, zeugt von den Tafelfreuden am fürstlichen Hof.


Familienleben eines Fürsten


Seit 1605 war Ernst von Bayern mit Gertrud von Plettenberg heimlich verheiratet. Er zog sich mit ihr gegen Ende seines Lebens auf eins seiner Schlösser in Arnsberg (Westfalen) zurück. Die beiden hatten einen Sohn, später wie sein Vater Fürstabt von Malmedy und Stavelot, und eine Tochter. Ernst legitimierte beide Kinder, ebenso wie eine weitere Tochter, die er mit einer Lütticher Bürgerin hatte.


Auf dem Totenbett bereute der Bischof seine Sünden. Bestattet wurde er im Kölner Dom, wo ein sechs Meter hohes Epitaph an ihn erinnert. Im Fürstbistum Lüttich folgte ihm sein Neffe Ferdinand von Bayern nach. Heute noch werden Münzen aus Lüttich gehandelt, die Ernst von Bayern prägen ließ, um der Zersplitterung des Münzwesens entgegen zu treten.


Eine überfällige Ausstellung - und eine Glasausstellung dazu


Ernst von Bayern war wegen seiner anderen Ämter und Verpflichtungen oft von Lüttich abwesend, Dennoch trug er maßgeblich zur Weiterentwicklung und Modernisierung des Gemeinwesens bei. Er schuf Voraussetzungen dafür, dass die industrielle Revolution auf dem Kontinent in Wallonien beginnen konnte. Die Ausstellung ehrt ihn zu Recht.


Besonders zu loben ist es, dass die Besucher sich dreisprachig auf Französisch, Niederländisch und Deutsch informieren können. 3 D-Bilder und -Animationen beleben den Rundgang. Den großzügig bebilderten Ausstellungskatalog gibt es auf Französisch - eine Fundgrube von Beiträgen über den Bischof als Staatsmann und Kirchenfürst, als Förderer der Wissenschaften und ihrer Anwendung und schließlich als Protektor der Kunst auf 340 Seiten. Die Ausstellung dauert bis zum 20. Mai 2012.


Im Schatten des Fürstbischofs steht eine sehenswerte Ausstellung spanischer Glaskunst im Erdgeschoß des Grand Curtius, wie es sie bisher nirgendwo gegeben hat. Der Besuch beider Ausstellungen lässt sich gut miteinander verbinden.


Kataloge:

Ernest de Bavière (1554-1612) et son temps

Hrsg. Geneviève Xhayet und Robert Halleux, Turnhout 2011


Zerbrechliche Kostbarkeiten

Hrsg. Jean-Paul Philippart und Markus Mergenthaler, Dettelbach 2011

(in mehreren Sprachen erhältlich)

 

Fotonachweis:

Offizielle Pressefotos der Ausstellung


Erstellt oder aktualisiert am 27. November 2011.
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