Wer in Belgien über „Identität“ redet, gerät rasch ins Stolpern. Die geopolitischen Strukturen des kleinen Landes lassen keine starren Identitäten zu. Wo auch immer stoßen sie schnell an ihre Grenzen: Brüsseler Randgemeinden, Brüsseler Zweisprachigkeit, Brüsseler EU-Realität, der Wahlbezirk Brüssel-Halle-Vilvoorde, das Voergebiet, die Deutschsprachige Gemeinschaft (DG), plattdeutsches Gebiet, Malmedier Wallonie, das Areler Land, Mouscron-Comines oder die islamisierten Peripherien unserer Städte geben keine Geografie der geschlossenen Identität ab. Belgien ist ein Land der Nicht-Identität.
Das hat mancherlei Gründe, die mit der Entstehung der Sprachengrenze in grauer Vorzeit zu tun haben. In diesem Puzzle sich überschwappender Räume, Regionen, Städte, Gemeinden und Enklaven erfüllt die DG eine bescheidene, jedoch spannende Funktion. Oft auch eine verkannte, denn hier ist der belgische Mix noch einmal potenziert. Eupen ist nicht die Eifel, Kelmis nicht Eupen, es gibt eine rege frankophone Minderheit, die Sprachen- und Landesgrenzen sind handgreiflich nahe, die dialektalen Unterschiede gross, es gibt verschiedene Mentalitäten, man gehört zur Wallonischen Region, zur Provinz Lüttich, ist aber von der flämischen Sprache und Kultur nicht weit entfernt. Schliesslich zählt man zur Euregio Maas-Rhein, was die Vielfalt noch einmal steigert. Da Identität oft auch mit „Eigenart“ gleich gesetzt wird, kann man aus der tagtäglichen Wirklichkeit des DG-Normalbürgers den Schluss ziehen, dass die ostbelgische Eigenart darin besteht, keine zu haben.
Weil dem so ist, wäre es politisch redlich und langfristig klug, auch keine haben zu wollen und nicht den Eindruck nach aussen zu vermitteln, als lebe hier eine den Südtiroler „Buam“ ähnelnde Spezies, nur ohne Lederhosen und Dirndl. In Umwandlung eines Chansons von André Heller wäre dieser Erdenbürger eines „deutschen Vaters belgisches Kind“.
Eupener Herrlichkeit
Die Wald- und Wiesenidylle einer solchen auf Heimat gegründeten Gemeinschafts-Ideologie bricht rasch zusammen, weil sie an sich eine Verlegenheitslüge ist. Territorial besteht die DG nicht als Einheit. Sie ist durch das Wallonische Venn getrennt, zwischen Nord und Süd befinden sich Moorlöcher. Es sind zwar nur einige Quadratkilometer Unbewohnbarkeit, doch haben sich daraus markante Unterschiede gebildet, die den intimen, keineswegs der heimatlichen Untreue verdächtigen Kenner dieses Gebietes, den ehemaligen Abgeordneten Albert Gehlen, am Ende seiner Karriere zu dem ehrlichen Seufzer veranlassten: „Wir sind keine Gemeinschaft“.
Deshalb muss nicht gleich die autonome Herrlichkeit an der Eupener Klötzerbahn des Etikettenschwindels bezichtigt werden, doch reicht es nicht aus, die eigene Flagge für eine wohlverstandene Autonomie zu hissen. Wie das ganze Land ist die DG ein aus Zufällen entstandenes Konstrukt, dem es einstweilen noch gut geht. Sollten sich die zerbrechlichen belgischen Grundlagen dieses Biotops verändern, wird hier die Ratlosigkeit am grössten sein. Die Folge wäre nicht nur ein Verzicht auf die erogenen Zonen des Protokolls, wie etwa der Charme ständiger Botschafter-Besuche, sondern tatsächliche Heimatlosigkeit: Büllingen strebt nach Trier zurück, Karl-Heinz Lambertz wird stellvertretender Landrat in Bitburg-Prüm, Eupen verliert den Hauptstadt-Status, Kelmis-Herbesthal kehrt heim in die Wallonie, Raeren avanciert zu einer Randgemeinde in Aachen-Land.

Herzliche Beziehungen zwischen dem Königshaus und der Deutschsprachigen Gemeinschaft: Beim Staatsbesuch des Grossherzoglichen Paares von Luxemburg in Eupen überreichte die 20jährige Tina König Albert II. ein Geschenk. Ein Foto mit hohem Symbolwert für belgische Bundstreue und gute Nachbarschaft.
Dilemma Kultur
Sprache, Kunst und Kultur zeigen in ihren ernst zu nehmenden Erscheinungen eine nachdrückliche Bestätigung der Nichtexistenz einer ostbelgischen Mono-Identität: In der darstellenden Kunst dominieren Maler oder Bildhauer, die kaum eigenständige deutschsprachige Belgier genannt werden können oder ihre Ausbildung und ihren Ruf anderen Ländern verdanken: Walter Ophey (aus Eupen emigriert, grosser rheinischer Expressionist), Raoul Ubac (als ursprünglich deutschsprachiger Malmedier Rolf Ubach in Paris und St Paul-de-Vence berühmt), Roger Greisch (aus Arlon), André Blank (beruflich Lüttich zugeordnet), Maria Hasemeier (aus der deutschen Eifel stammend), Simone Huby (aus St. Vith, frankophon, in Brüssel anerkannt, in Ostbelgien kaum beachtet), Adolf Christmann (in Paris geprägt), Antonio Maro (Südamerikaner, in ministeriellen Amtsräumen grossformatig vertreten), Christian Silvain (in Eupen geboren, aus Eupen verzogen).
In der Literatur, die als Hort deutscher Sprache überregional wenig in Erscheinung tritt, fällt vor allem der Name von Josef Ponten auf, der in der Zwischenkriegszeit in Berlin der Akademie für Sprache und Dichtung angehörte und zunächst ein enger Freund von Thomas Mann war. Obwohl aus Lontzen und Raeren stammend, hatte er mit Belgien nichts zu tun und avancierte zum praktizierenden Obernazi. Sein früher Tod bewahrte ihn vor Schlimmerem. Die Literaturzeitschrift „Krautgarten“ engagiert sich tapfer, jedoch einsam um multikulturelle Frische. Immerhin reist der Autor Marcel Bauer mit katholischem Segen durch die Dritte Welt.
Die Musik spielt in Ostbelgien die erste Geige, vor allem jedoch weil ihr Repertoire betont international und keineswegs „identitätsmelodisch“ ist. „Im schönsten Wiesengrunde“ steht nicht in den Charts. Das „Ostbelgien-Festival“ hat überregionales Niveau. Das Ballet „Irene K.“ tanzt elegant über die regionalen Niederrungen hinweg.
Die Berichterstattung der Medien, allen voran Grenz-Echo und BRF, würde in selbstmörderische Öde umkippen, wenn ihnen nicht die viel zitierte „Grenzüberschreitung“ die tagtägliche Flucht aus dem Gemeinschafts-Treibhaus erlaubte.
Der König in Berlin
Keine Frage, dass die deutschsprachigen Belgier beim Spagat zwischen Groß und Klein Routine entwickeln. Die Berufung von Ministerpräsident Karl-Heinz Lambertz im Sommer 2010 zum „Königlichen Vermittler“ signalisiert einen historischen und symbolischen Einschnitt. Nie zuvor hat man so eindrucksvoll zu Belgien gehört. Die politischen Beobachter im In- und Ausland horchten auf, der bis dahin mitleidvolle Blick wechselte in sympathische Beachtung. Während der belgischen EU-Ratspräsidentschaft spielten die mehrsprachigen DG-Minister eine hilfreiche Rolle. Im April 2011 hat König Albert II. bei einem Staatsbesuch in Berlin die Bedeutung der DG ausdrücklich gewürdigt. Die DG-Vertretung in Brüssel wird immer mehr zu einem geschätzten Ort der Begegnung. Der Diözese Lüttich steht ein deutschsprachiger Bischof vor. Das erste Gastspiel der AS Eupen in der obersten Fussball-Spielklasse brachte die „germanophones“ wöchentlich in die Schlagzeilen.
Man hat gelernt und spürt, worauf es ankommt: Sensibilität und Bewusstsein für das jeweils Größere und das Ganze. Weitblick als eine Spielart politischer Demut, die Offenheit fördert und sympathisch wirkt. Dabei muss das Kleine nicht verachtet werden, wenn nur die Prioritäten stimmen und daraus nicht ein Kult des Kleinlichen erwächst.
Kommentare
Kommentar hinzufügen