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Von  Margaretha Mazura

Die Tücken des Linkswalzers

Eine rauschende Wiener Ballnacht in Brüssel

"Alles paradierte in Licht und Glanz; Augen strahlten, Schmuck strahlte, Namen strahlten…" Besser als mit Robert Musils Worten lässt sich das Resümee des 19. Wiener Balles in Brüssel nicht ziehen. Aber unter all dem Strahlen ereignete sich viel – ein Live-Bericht:

21 Uhr. Die Gäste stehen in Zweierreihen vor den Garderoben Schlange, die Debütantinnen richten sich in den Gängen noch schnell ein wenig nervös die Blüten im Haar, die Spannung steigt mit jeder Minute, man schaut, promeniert, drängt an den sich bildenden Grüppchen vorbei, alle auf der Suche nach dem eigenen Tisch oder dem besten Platz, von dem aus die Eröffnung beobachtet werden kann.

Volkmar Hierner, der Präsident der Österreichischen Vereinigung in Belgien begrüßt die anwesenden Ehrengäste – den österreichischen Botschafter bei der EU, Dr. Walter Grahammer; den deutschen Botschafter in Belgien, Dr. Reinhard Bettzuege (Foto); Erzherzogin Anne-Gabrielle d'Autriche  (um nur einige zu nennen) – und übergibt dann das Mikrophon an die dritte Landtagspräsidentin Marianne Klicka, die in Vertretung des Bürgermeisters von Wien Grußworte spricht. Nach der österreichischen Bundeshymne und der von Europa sequestrierten Ode an die Freude, wird es ernst:

KAISERWALZER UND POLONAISE: DIE ERÖFFNUNG

Die Ballettelevinnen der Tanzschule Marly, in rosarotem Tütü und pinkfarbener, exotischer Blüte im Haar tänzeln anmutig in den Saal – und unter ihnen ein Bub in rotem Samt. Er ist nicht älter als 8 und tanzt mit Ernsthaftigkeit zu den Klängen des Kaiserwalzers. Die Elevinnen, zwischen 6 und 16 Jahren alt, führen gekonnt Pliés und Demi-Pliés aus, drehen sich in Pirouetten, dem Publikum zugewandt mit dem süßen Lächeln ihrer jungen Jahre. Nur der Bub bleibt ernst und konzentriert: der Pascha in seinem Harem, der Öffnet externen Link in neuem Fensterkleine Kaiser des Walzers.  

Kaum ist der verklungen, ertönt die Fächerpolonaise von Carl Michael Ziehrer, die traditionellerweise den Einzug der Debütanten verkündet. 28 Paare schreiten im Takt, die Herren im Frack, die Damen im traditionell weißen Abendkleid, mit einem roten Rosensträußchen, ganz im Einklang mit dem Blumenschmuck in den österreichischen Nationalfarben rot-weiss-rot. Nach einer fröhlichen Polka folgt der Eröffnungswalzer, der auch linksherum getanzt wird. Das ist erwähnenswert: Wer nie Linkswalzer tanzte, kann nicht erahnen, was es dem menschlichen Körper abverlangt. Denn während schon Rechtswalzer einige Übung erfordert, scheint der Linkswalzer (der übrigens in Wien bei Eröffnungen "de rigeur" ist) sich gegen die natürliche Drehbarkeit des Körpers zu richten. Als Rache reagiert dieser mit Gleichgewichtsstörungen und Schwindelgefühl, was durch die Zentrifugalkräfte des Walzers noch verschlimmert werden kann. Aber das Jungdamen- und –herrenkomitee bewältigt alle tänzerischen Schwierigkeiten souverän und endlich ertönen die von allen heissersehnten Worte: Alles Walzer!

DIE ERZHERZOGIN ALS "ASCHENPUTTEL"
Unter den ersten Paaren befindet sich die Archiduchesse d'Autriche, eine begeisterte Walzertänzerin. "Das peinlichste, was mir je auf einem Ball passiert ist, war, als ich den Wiener Ball im Jahre der österreichischen Europalia eröffnete", bekennt sie. "Das war im Heysel, mit mehr als 2000 Personen. Ich in großer Abendrobe tanzte mit dem damaligen österreichischen Botschafter, Dr. Czeska; überall TV-Kameras, Zuseher und  - plötzlich verlor ich einen Schuh. Das sah man nicht sofort, da mein Rock sehr lang und weit war, aber ich konnte meinen Schuh ja nicht verwaist auf der Tanzfläche liegen lassen. 'Wir können unmöglich stehen bleiben' flüsterte mir der Botschafter ins Ohr. 'Wir müssen aber' flüsterte ich zurück. Und bei nächster Gelegenheit arretierte ich ihn kurz, bückte mich schnell, zog den Schuh an und wir tanzten weiter. Es fiel niemanden auf."  

BERLIN DER DREISSIGER-JAHRE
Am Tisch der Erzherzogin sitzt auch der Deutsche Botschafter mit seiner Gattin. Als ebenfalls begeisterter Ballgeher hat er für einen deutschen Beitrag zur Karnevalsszene in Brüssel eine konkrete Vorstellung: "Wir wollen ja den Österreichern keine Konkurrenz machen, daher wird es keinen "Berliner Ball" geben. Aber die Deutsch-Belgische Gesellschaft überlegt schon in diese Richtung. Eine Idee wäre es, die Berliner Salon-Szene der dreißiger Jahre aufleben zu lassen, mit ein wenig Kabarett vermischt, wie es eben damals typisch für Berlin war." Hoffen wir also, dass wir in einem Jahr, verpackt in ein Charleston-Kleid und ausgerüstet mit einem riesigen Straußenfederfächer einem Berliner Salon beiwohnen können!

KURZER EXKURS FÜR DAS "MODE-JOURNAL":

"Die Kleider der Debutantinnen zeigten eine klare Tendenz zu Seidentaft mit Bustiertop oder fliessendem Crêpe de Chine im Empire-Stil. Als Schmuck wurden eindeutig Perlen bevorzugt, mit der Ausnahme von ein oder zwei Diamant-Paruren. Bedauerlicherweise hat sich der Fächer nicht als Ersatz für die Aircondition durchgesetzt. Neben den befrackten Debütanten erschienen die meisten Herren im Smoking, während die Paradeuniform der belgischen Kavallerie auch zum Tanzen Sporen vorschreibt und der schottische Patriotismus den Rock!"


Zurück zum Ballsaal. Dieser hat sich mittlerweile so gefüllt, dass auch walzerunkundige Walzertänzer nicht mehr auffallen. Zeit für mich, in das Geschehen einzugreifen. Dazu brauche ich zuallererst (m)einen Tänzer, also mache ich mich auf die Suche nach dem Kollegen und mir zugeordneten Tanzpartner, Dieter Volkmar. Ich erwische ihn im Gedränge, warte nicht auf Damenwahl und schon walzen wir. Als die Musik zu moderneren Rhythmen wechselt, will ich aufgeben, aber Dieter hält mich zurück und entpuppt sich als genialer und ausdauernder Boogie-Tänzer. Auch Dr. Grahammer und seine Frau gehören zu den enthusiastischsten und ausdauerndsten Tänzern der Nacht -  wie es sich eben für einen österreichischen Botschafter gehört – und sind fast ausschliesslich auf der Tanzfläche anzutreffen.

AN DER BAR
Zur Verschnaufpause geht es an die Bar, wo, falls das möglich ist, noch mehr Gedränge herrscht als auf dem Tanzparkett. Vor uns steht ein Pärchen, er mit 5 vollen Champagner-Gläsern und verzweifeltem Gesichtsausdruck, offensichtlich auf der Suche nach jemanden. "Jetzt steh ich mit dem Chapagner da, und alle sind weg. Was mach ich jetzt?" Ich mische mich ein "Wenn das Ihr einziges Problem ist, das kann ich lösen, bieten Sie mir einfach ein Glas an". Es war als Scherz gedacht, aber sofort reicht er mir und Dieter ein Glas, wir stossen an. Er vertritt die europäische Komponistenvereinigung in Brüssel, wir trinken auf seine Karriere und seine hübsche polnische Freundin.  

DAS SCHÖNSTE CHAOS
Die Tanzpaare stellen sich in Reih und Glied auf, denn es ist Zeit für die (Nach)Mitternachtsquadrille. Entstanden aus der französischen Quadrille, hat sie gewisse Ähnlichkeit mit dem Square Dance, da der Tanzmeister die Figuren, die die gegenüberstehenden Paare ausführen müssen, ansagt. Traditionell wird die Fledermaus-Quadrille als Musik auf Bällen dazu gespielt.

Nun hat der Ball seine vormitternächtliche Ernsthaftigkeit zur Gänze abgelegt. Während die ersten Sequenzen der Quadrille noch in einigermassen geordneten Reihen ablaufen, ist das grosse Finale das schönste Chaos, das man sich vorstellen kann: vier Schritte vor, Compliment, vier zurück, Tour de main, die Dame hängt sich ein, Platzwechsel alles in steigernder Geschwindigkeit bis zum "Sportfinale":
"Der Herr voraus, der Herr voraus, die Dame hintendrein,
Das ganze dann verkehrt herum, so muss es immer sein".


WIENER SCHNITZEL UND APFELSTRUDEL
Nach der Hitze des Galopps wird nach Stärkung verlangt. Der Wiener Ball bietet dabei alle kulinarischen Klischees auf und an: Wiener Schnitzel mit Erdäpfel- (Kartoffel)-Salat; Frankfurter (Wiener) Würstel mit Senf (traditionell mit den Fingern zu essen, auch im Ballkleid); Gulaschsuppe (ein "pick-me-up", falls zu viele Champagnergläser offeriert wurden); Apfelstrudel und Sachertorte mit Schlag(obers = Sahne).

Wenn um 4 Uhr in der Früh dann mit dem "Brüderlein fein", gespielt von der Sologeige, der Ball ausklingt, ist der Wiener Walzertraum zu Ende – bis zum nächsten Jahr im Concert Noble.

Fotos: Michael Pindter, Dieter Volkmar


Erstellt oder aktualisiert am 22. Februar 2011.
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Kommentare

Thomas Brandtner, 23.02.2011 16:16 Uhr
Für diesen brillianten, treffenden und wie Champagner prickelnden Artikel die besten Glückwünsche ! Frau Dr. Mazura führt eine Feder allererster Qualität !


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