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Von  Kay Wagner

Die Power-Frau in der Rue Belliard

Nicola Schelling leitet die Vertretung Baden-Württemberg

Mit Nicola Schelling ist seit Anfang Mai erstmals eine Frau Leiterin der Landesvertretung von Baden-Württemberg bei der EU in Brüssel. Die 1967 in Stuttgart geborene, promovierte Juristin hatte nach ihrem Abitur zunächst eine Schreinerlehre absolviert, arbeitete als Richterin und Staatsanwältin, wechselte 2002 für leitende Funktionen ins Staatsministerium der Landesregierung und arbeitete bis 2007 als nationale Expertin bei der EU-Kommission, Kay Wagner sprach mit ihr.

Frau Schelling, sind Sie eine Power-Frau?

Nicola Schelling: Was verstehen Sie unter Power-Frau?

So jemand wie Sie zum Beispiel.

Schelling: Dann kann ich es nur bejahen… (lacht)

Mit welchen Worten würden Sie Power-Frau ganz allgemein definieren?

Schelling: Das ist eine Person, die sich ständig in der Fortentwicklung befindet. Die bereit ist, Veränderungen vorzunehmen, und immer wieder Freude an neuen Herausforderungen hat. Das heißt nicht, von einer Aufgabe zur anderen zu springen. Aber doch den Blick nach Vorne zu richten. Lebensglück hängt für mich stark davon ab, ob ich mich Herausforderungen stelle und sie in den Griff bekomme. Das ist ein großer Teil dessen, was schließlich als Zufriedenheit im Leben empfunden wird.

Ist das für Männer anders?


Schelling: Ich bin kein Mann, von daher kann ich es schwer beantworten. Aber ich denke, dass sich Männer oft selbstverständlicher neuen Herausforderungen stellen als Frauen.

Gab es in Ihrem Leben einen besonderen Augenblick, wo Sie diese Selbstverständlichkeit entdeckt haben?

Schelling: Nein, das war von Anfang an da. Wenn ich nach dem Abitur erstmal eine Schreinerlehre gemacht habe, dann wohl wissend, dass ich nicht Schreinerin bleiben werde. Sondern dass danach die nächste Herausforderung kommt. Mein Berufsweg war bislang ein ständiger Fluss. Es ist nie dieses: Ich setze mich jetzt fest und komme in die Routine.

Ist das Denken, dass Frauen es schwerer haben im Beruf, ein überholtes Denken?

Schelling: Ich kann nur für mich sprechen. Und ich habe das nie erlebt.

Haben Sie eine Ahnung, warum?

Schelling: Das einfachste Bild, das ich dazu habe, ist das Bild aus der Schreinerlehre: Da habe ich zugepackt. Wie alle anderen auch. Die Vorstellung, dass eine Frau als Schreinerin in einer schwächeren Position ist, habe ich nie bestätigt. Und so habe ich meinen ganzen Berufsweg verfolgt. Ohne die Frage zu stellen, in welcher Position ich mich dabei als Frau befinde.

Finden Sie es dann überhaupt nötig, dass man danach fragt, wie viele Frauen zum Beispiel bei der EU-Kommission arbeiten? Oder im EU-Parlament sind?


Schelling: Warum nicht? Tatsache ist: Wir haben mehr Männer in Leitungspositionen. Und Tatsache ist auch, dass die weiblichen Mitarbeiter zurzeit mehr nachkommen. Ich glaube, dass es notwendig war, eine politische Öffentlichkeit für diese Problematik zu schaffen. In meinem Arbeitsumfeld bei der EU-Kommission habe ich allerdings kein starkes Ungleichgewicht wahrgenommen zwischen Männern und Frauen. Stelle aber sehr wohl fest, dass auch dort noch einiges an Platz für Dynamik, Entwicklung, und Veränderung ist. Vor allem in der Führungsebene.

Ist es für eine Frau bei der EU-Kommission vielleicht einfacher, als ganz normaler Kollege, ohne dieses Mann-Frau-Schema im Kopf, wahrgenommen zu werden?

Schelling: Wenn ich es zu Hause anders erlebt hätte, könnte ich sagen, hier ist es einfacher. Aber ich habe es nicht anders erlebt.

Bringen Sie als Frau gewissen Qualitäten mit in Ihre Position in der Landesvertretung?


Schelling: Ich bringe die Qualitäten mit, die ich mitbringe. Ich kann Ihnen nicht beantworten, ob ich diese speziell als Frau mitbringe.

Also ich merke, ich bekomme Sie nicht dazu etwas zu sagen wie: Wir brauchen eine andere Frauenpolitik.

Schelling: Ja, hm… (Lacht)

Aber würden Sie meinen, man müsste gerade auf europäischer Ebene noch mehr tun, um Frauen im Berufsleben stärker zu fördern?

 



Schelling: Es hilft nichts, ich habe mich mit dem Thema nicht in der Form befasst, dass ich mich dazu äußern könnte. Ich begrüße grundsätzlich Frauenpolitik, weil ich persönlich sehe, dass Nachholbedarf besteht. Aber sehen Sie: wir haben in der „Barroso-II-Kommission“ zahlreiche Frauen mit wichtigen Dossiers: angefangen bei der EU-Außenbeauftragten Ashton über Frau Reding aus Luxemburg, die Bulgarin Georgieva, oder die Dänin Hedegaard, die das wichtige Thema Klima betreut …

Alles Frauen, die im Dienst für Europa nach Brüssel gekommen sind. Genau wie Sie. Freuen Sie sich auf die Zeit in Ihrer neuen Heimat?

Schelling: Mein Lebens- und Berufsweg hat mich immer wieder ins Ausland - speziell nach Brüssel und auch nach Paris - geführt. Ich arbeite gerne mit Sprachen, bin schon immer neugierig, auch offen für andere Menschen, andere Kulturen. Ich reise gerne. Europa ist ein ganz wichtiges, spannendes, tolles Arbeitsfeld. Und in Brüssel finden sich sehr viele Menschen ein, die genau von diesem Interesse getrieben sind. Diesen Menschen zu begegnen hat wieder eine Faszination, die ich damals schon bei der EU-Kommission erlebt habe.

Hatten Sie jetzt schon mal Zeit für erste Ausflüge?

Schelling: Ich bin erst seit wenigen Wochen hier und habe meinen Schwerpunkt natürlich nicht auf den Tourismus gelegt, sondern widme mich gerade mit größtem Interesse meiner Aufgabe. Aber ich freue mich darauf, bald die vielen schönen Angebote im Brüsseler Raum wahrnehmen zu können. Ich freue mich, mal wieder nach Gent zu kommen – eine wunderschöne Stadt. Wieder einmal Antwerpen zu besichtigen. Oder auch hier in Brüssel die Kunst- und Kulturszene zu besuchen. Ans Meer fahren zu können. Das sind alles Unterschiede in der Lebensqualität, die eine solche örtliche Veränderung mit sich bringt.


Erstellt oder aktualisiert am 06. Juni 2010.
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