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Von  Katelijne Philips

Die Kultur des Wandels und der Leere

Die belgische Fotografin Mercedes Debeyne lebt ihn Berlin

„Watching You Watching Me“: Mercedes Debeyne schaut anderen Menschen ins Wohnzimmer und lässt sich selbst auch betrachten. Die Fotografin nimmt gerade Teil an einer Ausstellung über die Hauptstadt Äthiopiens, Addis Abeba, und beschäftigt sich dabei mit dem Wandel einer Großstadt. Dabei spielen ihre persönlichen Erfahrungen eine Rolle, denn sie kommt ursprünglich aus Kortrijk, wohnt aber seit fast 20 Jahren in der Nähe von Berlin.

 

Die Ausstellung kam über ein Austauschprogramm der Neuen Schule für Fotografie in Berlin, an der Debeyne studierte, und der „School of Arts & Design“ zustande. Debeyne wurde nach Addis Abeba eingeladen und nahm dafür ein Sabbatjahr von ihrer Tagesbeschäftigung als „consulair medewerkster“ in der belgischen Botschaft. Für sie sei es eine tolle Erfahrung gewesen, mit den Fotografen aus Addis Abeba zu arbeiten; und sich über ihre Kultur und Fotografie aus zu tauschen.


Mercedes erzählt: „Die Tatsache, dass ich Addis Abeba in 5 Jahren nicht wieder erkennen werde - weil sich diese Stadt so rasant ändert - hat mich dazu gebracht, sie jetzt unbedingt sehen zu wollen.“ In Äthiopien werde man natürlich mit Armut konfrontiert, aber es sei nicht mit früher zu vergleichen, es gehe vorwärts. Die Kinder hätten wieder Träume und Hoffnungen.

 

Die Bilder, die dort entstanden sind, werden im Rahmen des Europäischen Monat der Fotografie im November gezeigt. Anschliessend werden die Fotos im allerersten Fotofestival in Addis Abeba ausgestellt.


Von Kindesbeinen an Fotografin


Mercedes ist leidenschaftliche Fotografin und diese Berufung hat sie schon als Kind gespürt. Seit ihrem sechsten Lebensjahr ist sie davon verzaubert. Der Fotoapparat ihres Vaters hatte es ihr angetan. Manchmal habe sie ihn genommen und sei in der Gegend „fotografieren“ gegangen - ohne Film. Die Bilder, die sie einfing, wurden nie auf Fotopapier übertragen, aber leben noch immer in ihrem Kopf fort.


Mit 16 Jahren zog sie von zu Hause fort, um in Antwerpen zu studieren. Erst widmete sie sich modernen Sprachen an der „Humaniora“, dann ging es weiter zur Hochschule für Sprachen. Dort lernte sie auch ihren Ehemann Filipp kennen. Berufsbedingt übersiedelten beide kurz nach der Wende nach Berlin; erste Station war Reinickendorf, aber als sie eine kleine Familie wurden, zogen sie weiter nach Glienicke.


Leere und Mauern


1996 war Glienicke noch „Entwicklungsland“. Alles ging ein bisschen langsamer im Umland von Berlin: ein Jahr lang mussten sie auf ihren Telefonanschluss warten. Doch vor allem waren die Leute in Glienicke ziemlich misstrauisch und es war schwierig, mit ihnen Freundschaft zu schließen. Früher gab es die physische Mauer und nun da sie weg war, blieb diese Mauer in den meisten Köpfen bestehen.


Erfahrungen, die sich auch in ihrem Oeuvre zeigen: Orte und Momente der Leere gehören zu ihren bevorzugten Motiven; die Fotografien über Addis Abeba beschäftigen sich mit dem Wandel einer Großstadt.


Eintauchen in die Kunstwelt


Die Kunst und die Künstler spielten immer eine grosse Rolle in ihrem Leben. Über die belgische Botschaft lernte Mercedes viele bildende Künstler kennen. Der damalige Konsul habe Künstlern die Chance gegeben, in dem noch leerstehenden Gebäude der Botschaft zu arbeiten und auszustellen. Für viele dieser Künstler hat Mercedes Ausstellungen in Belgien und Berlin organisiert.


Doch die Fotografie ließ sie nicht los. Anfang 2000 fing Mercedes an, in einem Verein für analoge Fotografie in Prenzlauer Berg zu experimentieren. Sie sei so begeistert gewesen, dass sie fast jeden zweiten Tag in der Dunkelkammer aktiv war, berichtet sie. Sie begann eine dreijährige Ausbildung in der „Neuen Schule für Fotografie“. „Nebenbei“ hatte sie immer noch ihre Arbeit bei der Botschaft!


Noch während der Studienzeit konnte Mercedes unter anderem nach New York reisen. Letztes Jahr hat sie ihre Abschlussarbeit mit dem Titel „Am hellichten Tag“ fertig gestellt. Die Motive dafür fand sie in Orten in Belgien, Frankreich und Deutschland. Was sie dort vor allem fasziniert hat, waren die Stimmungen, die von diesen Orten ausgehen. Die gespürte Leere wird dabei wieder in den Mittelpunkt gerückt, als würde sie eine Flucht aus dem Alltag darstellen.


Von Addis Abeba nach Berlin


Die Fotografien des Wandels in Addis Abeba lassen sich vielleicht auch mit den eigenen Erfahrungen in Berlin deuten. Schliesslich hat wohl keine westeuropäische Stadt in den letzten Jahrzehnten einen so durchgreifenden Wandel mitgemacht wie Berlin.


„Berlin ist eine tolle Stadt zum Leben mit viel grün, viel Platz und vielen kulturellen Angeboten für alle Altersklassen.“ Und was vermisst sie? Mercedes antwortet: „Das belgische Essen, die Unkompliziertheit der Belgier, die burgundische Kultur, und dass man ganz einfach mal spontan bei jemanden vorbeischauen kann.“


Erstellt oder aktualisiert am 25. November 2010.
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